Bayern 2 - radioWissen


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Lerne lachen, ohne zu weinen

Von: Stephanie Ahrens / Sendung: Brigitte Kohn

Stand: 23.05.2019

Literatur und MusikRS, Gy

Peter Panter, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Kaspar Hauser: Unter vier Pseudonymen schrieb Kurt Tucholsky als scharfzüngiger und hellsichtiger Beobachter der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Weimarer Republik.

Leben im Berlin der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg

Vielfältig wie seine Pseudonyme sind auch Kurt Tucholskys Texte. Geboren am 9. Januar 1890 wuchs er in einer wohlhabenden jüdischen Familie in den bunten und turbulenten Jahren im Berlin der Vorkriegsjahre auf. Die gut situierte und kulturell gebildete Familie förderte den jungen Tucholsky, der dennoch im Theater und Varieté eine Gegenwelt zur autoritären Mutter und der als engstirnig erlebten Schule suchte und fand. Das weltläufige, aufregende und schrille Berlin mit seinen Bars, Cabarets, dem flirrenden Nachtleben und der leichten Erotik zog den Jurastudenten an. Die Studienjahre an der Berliner Universität begeisterten ihn weniger, schärften aber bereits seinen kritischen Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit. Der Staat sollte dem Individuum Freiraum lassen, sich um Konkretes wie Straßenbeleuchtung und die Reform der Gefängnisse kümmern, den Bürger bei der freien Entfaltung seiner Möglichkeiten unbehelligt lassen. Insgesamt also ein humanistischer und sozialer Blick auf den Menschen.

Erste berufliche Erfolge

1911 beginnt Tucholsky als Journalist bei der sozialdemokratischen Zeitschrift "Vorwärts", Anfang 1912 erfolgt eine erste Veröffentlichung im "Prager Tagblatt". Tagsüber Arbeit für den Verlag, abends das Berliner Nachtleben. Tucholsky ist ein gern gesehener, witzig-unterhaltsamer Partygänger, der den Frauen den Kopf verdreht. Plötzlich und unerwartet der erste große literarische Erfolg mit der Liebesgeschichte Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte. Der kleine Roman, der im Anschluss an ein verliebtes Wochenende mit Else Weil im August 1911 entstand, macht  Tucholsky auf einen Schlag berühmt. Die Geschichte handelt von dem Liebessommer eines jungen Paares in Rheinsberg: Sommer, erotische Momente am See, Bootsfahrten und zarte Zweisamkeit im Café. Glück als Momentaufnahme, wie Tucholsky es verstand, nichts von Dauer, aber dennoch das flüchtige Stillen einer Sehnsucht. Durch den Erfolg von Rheinsberg eröffnet sich Tucholsky die Mitarbeit an der Wochenzeitschrift "Schaubühne" (später "Weltbühne"). Hier beginnt auch die enge Freundschaft mit dem Redakteur Siegfried Jakobsohn, der Tucholsky als Freund und Mentor jahrelang begleitet. In diese Zeit fällt auch die Wahl der Pseudonyme, unter denen er seine Theaterkritiken, Rezensionen, Kommentare zur gesellschaftlichen und politischen Entwicklung des Landes, aber auch Unterhaltsames für die bürgerliche Presse veröffentlicht. Sie ermöglichen Tucholsky schriftstellerische Freiheit, um je nach Situation und Inhalt Stil und Ton zu variieren. Trotz des kritischen Blicks auf die Gesellschaft dieser Zeit genießt der Autor das erfolgreiche Leben und die damit verbundenen Annehmlichkeiten.

Die Zäsur des Ersten Weltkriegs

Trotz seiner grundsätzlich pazifistischen Haltung und seinen Studien an der Universität Jena wird Tucholsky 1915 als Soldat eingezogen und im Memelgebiet / Baltikum stationiert, wo es vergleichsweise friedlich zuging. Im Jahr zuvor war er eher spontan aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten und ließ sich 1918 als Protestant taufen. In seiner Zeit als Soldat veröffentlicht Tucholsky Artikel in der Feldzeitung Der Flieger. Im Krieg lernt er auch seine große Liebe die Deutschbaltin Mary Gerold kennen, die seine zweite Frau wird. Die Ehe scheitert später nicht zuletzt aufgrund von Tucholskys Seitensprüngen und Affären. In Rumänien wird er in Bukarest zur Politischen Polizei versetzt und kehrt erst mit Kriegsende 1918 nach Berlin zurück.

Die Erfahrungen als Soldat, des unguten Verhältnisses von Unterwerfung und Knechtung in der Beziehung zwischen Soldat und Offizier und die damit verbundene Geisteshaltung verarbeitet Tucholsky nach dem Krieg vor allem in der Militaria-Serie in der Zeitschrift "Weltbühne". Seine freigeistige und kritische Haltung bringt ihm damit durchaus Kritik ein. Militarismus bedeutet für ihn ein Mangel an Kultur, eine Haltung ohne Vernunft und Ethos, Unterordnung aus blindem Gehorsam heraus. Konsequent schließt sich Tucholsky selbst keiner politischen Bewegung an. Obwohl links verortet, lehnt er jede parteiliche Zugehörigkeit als Einengung und Beschränkung ab. Passend zu seinem Status als kritischer, pazifistischer Einzelkämpfer, der sich in einer auf das Nationale verengten Welt fremd fühlt, nimmt Tucholsky nun das Pseudonym Kaspar Hauser hinzu.

Zwischen den Weltkriegen

Zurück in Berlin übernimmt Tucholsky die Redaktion des "Ulk", der satirischen Wochenbeilage des "Berliner Tageblatts" und der "Berliner Volks-Zeitung". Zusammen mit Carl von Ossietzky und anderen friedensbewegten Journalisten und Schriftstellern organisiert er in den Zwanzigern Kundgebungen, die unter dem Eindruck des Versailler Vertrages zu Frieden und Demokratie aufrufen: "Nie wieder Krieg". Besorgt beobachtet er, wie sich im Nachkriegsdeutschland eine unmoralische, empathiefreie Schicht vor allem unter den Studenten entwickelt. Tucholsky fühlt die Gefahren dieser Zeit und die Folgen des Werteverlustes nach dem Krieg; er sieht lange vor anderen eine faschistische Geisteshaltung heraufziehen. In seinen Artikeln setzt er sich zunehmend bitter mit den Entwicklungen in der Weimarer Republik auseinander, wobei er selbst in den Fokus der Justiz gerät und sich vor Gericht für seine Artikel über die Offiziere verantworten muss. Journalistisch findet er sich vor allem in der Zeitung "Weltbühne" wieder. Als Korrespondent geht er für die "Weltbühne" gemeinsam mit seiner Frau Mary Gerold nach Paris, wo er sich freier fühlt und sich zunehmend in der Deutschen Liga für Menschenrechte engagiert. Mit dem Tod des Freundes Siegfried Jakobsohn kehrt Tucholsky 1926 nach Berlin zurück und übernimmt die Leitung der "Weltbühne", die er wenig später an Carl von Ossietzky weitergibt. Nach einer Reihe von Reisen, Rückkehr nach Paris und Aufenthalten in England und Dänemark lebt Tucholsky nach 1930 in Schweden. Der "Weltbühne" wird in Deutschland vor dem Reichsgericht in Leipzig der Prozess gemacht: Aufgrund eines Artikels über die geheime Aufrüstung der Reichswehr werden der Autor Walter Kreiser und Carl von Ossietzky wegen "Verrats militärischer Geheimnisse" zu je 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Tucholsky beobachtet dies besorgt aus der Distanz im europäischen Ausland. Beim nächsten Prozess geht es um seinen Ausspruch "Soldaten sind Mörder". Aus formaljuristischen Gründen endet der Prozess mit Freispruch. Trotzdem stürzen die Entwicklungen in Deutschland Tucholsky zunehmend in Depressionen. Zudem leidet er unter chronischen Erkrankungen, die seine kreative Arbeit dämpfen.

Das Ende eines außergewöhnlichen Lebensweges

In diese Zeit fällt eine Anfrage des Rowohlt Verlages nach einem Roman: Schloss Gripsholm, eine leichte Liebesgeschichte entsteht, die auf den ersten Blick an Rheinsberg  anzuknüpfen scheint. Aber eine der Figuren erinnert in ihrem Verhalten an die autoritären Charaktere, die später in KZs arbeiten werden. 1933 werden Tucholskys Bücher bei der Bücherverbrennung mit ins Feuer geworfen, er selbst wird ausgebürgert, Carl von Ossietzky im KZ gefangen. In dieser Situation, ohne Arbeitserlaubnis im Exil, empfindet sich Tucholsky immer mehr als ein Künstler, der am Ende und ohne Einfluss ist. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich immer mehr trotz verschiedener Operationen, finanziell ist er von seinen Freundinnen abhängig. Sein Einsatz für den inhaftierten Ossietzky sowie für andere verfolgte Schriftsteller der "Weltbühne" zeigt keinen Erfolg. Mehrere kritische Artikel werden von der Presse in der Schweiz und Norwegen abgelehnt. Im Dezember 1935 stirbt Tucholsky in Göteborg, nachdem er - lange schon abhängig von Schlafmitteln - eine zu hohe Dosis zusammen mit Alkohol zu sich nimmt. Ungeklärt bleibt, ob es sich um Suizid handelt.

Tucholskys Lebensweg zeigt ihn als einen kritischen und pazifistischen, vor allem aber humanistischen und undogmatischen Menschen und Schriftsteller, der mit seinem vielseitigen Werk durch Satire, Humor, pointierte Verse und Texte gegen die zerstörerischen geistigen und politischen Entwicklungen seiner Zeit geschrieben hat.


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