Bayern 1


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Reinhold Messner Interview zum 75. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich 40 werde"

Er ist der bekannteste Bergsteiger der Welt: Reinhold Messner, der erste Mensch, der den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hat und auf den Gipfeln aller 14 Achttausender stand. Das Interview zu seinem 75. Geburtstag können Sie am Montag, 16. September, bei Marcus Fahn am Morgen zwischen 5.00 und 9.00 Uhr nachhören.

Stand: 16.09.2019 | Archiv

Marcus Fahn: Es gibt Gäste, die muss man nicht groß vorstellen, weil sie jeder kennt. Und er ist so einer – herzlich willkommen, Reinhold Messner.

Reinhold Messner: Grüß Gott.

Marcus Fahn: Mit neuem Buch zu Besuch bei BAYERN 1 und kurz vor dem 75. Geburtstag. Wie hört sich das an – Reinhold Messner wird 75?

Reinhold Messner: Also ich finde das kein wichtiges Datum. Ich habe immer nur zu 10-Jahrestagen gefeiert, diesmal hat mich jemand eingeladen, deswegen gibt es so eine Art Feier, zu der ich auch als Gast komme. Ich selber mache einen ganz kleinen, privaten Geburtstag, aber sonst nichts.

Reinhold Messner mit Marcus Fahn im Studio.

Marcus Fahn: Ich höre so durch, dass so ein 75. Geburtstag für Sie nicht weiter von Bedeutung ist?

Reinhold Messner: Es hat sich nicht viel geändert seit dem 70. Natürlich weiß ich, was das bedeutet. 75 Jahre ist ein hohes Alter für einen Menschen, der so viel gewagt hat in seinem Leben. Aber noch geht es mir gut, ich bin völlig fit.

Marcus Fahn: Weil Sie es selber auch gerade gesagt haben: Hätten Sie, gerade zu Ihrer hochaktiven Zeit, gedacht, dass Sie 75 Jahre alt werden bei all den gefährlichen Dingen, die Sie getan haben?

Reinhold Messner: Nein, ich habe nicht gedacht, dass ich 40 Jahre alt werde. Aber ich habe es nie darauf angelegt, umzukommen – im Gegenteil. Die Kunst war eben, nicht umzukommen. Ich bin auch häufig gescheitert, das wird oft vergessen. Meistens redet man nur von den Erfolgen. Allein bei den Achttausendern habe ich 31 Expeditionen gemacht. Das heißt, ich bin 13 Mal gescheitert. 18 Mal ist es mir gelungen, da hinauf zu steigen. Das gehört auch mit dazu. Das Scheitern erlaubt uns die Erkenntnis, wie weit wir gehen können.

Marcus Fahn: Wenn Sie eine Tour, eine Expedition noch einmal machen könnten, könnten Sie da eine aussuchen?

Reinhold Messner: Ganz interessant ist, dass ich darüber nie nachdenke. Was gewesen ist, ist gewesen. Das ist Tatsache. Ich lebe viel mehr vom Umsetzen von Ideen, die jetzt zu meinem Alter passen. Im Hier und Jetzt.

Marcus Fahn: Gehören da die Berge noch dazu – also aktiv?

Reinhold Messner beim Almauftrieb seiner Yak-Herde. Auf den Schultern trägt er Tochter Magdalena.

Reinhold Messner: Ja, aber kleine Berge und leichte Berge, keine großen, schwierigen Wände mehr. Ich bin häufig in den Dolomiten unterwegs, da war ich als Kind schon oft und jetzt wieder. Das sind Dreitausender, das sind keine hohen Berge. Ich war voriges Jahr auf dem Mont Blanc. Also auch das ist möglich. Es ist keine große Kunst, auf den Mont Blanc zu steigen. Aber die wirklich großen Berge könnte ich ohne Maske nicht mehr besteigen. Das wäre mir heute peinlich, im Gänsemarsch auf den Mount Everest zu steigen, der präpariert wird und wo die Sherpas vorne ziehen und hinten schieben. Das muss ich mir nicht antun. Ich glaube, dass wir ein jeweiliges Alter haben für bestimmte Tätigkeiten.

Das Geheimnis vom Yeti hat Messner aufgeklärt

Marcus Fahn: Sie haben ja rund um den Yeti sehr lange geforscht. Wie weit sind Sie dabei gekommen?

Reinhold Messner: Bis zum Ende, die Geschichte ist aufgeklärt. Man muss auseinanderhalten – es gibt eine Legende, die vor allem am Nordfuß des Himalaya seit Jahrtausenden erzählt wird: Es gibt ein Ungeheuer, das in Höhlen wohnt und sich dann und wann einen Menschen schnappt, vor allem einen weiblichen Menschen. Und dann mit diesem Menschen zusammenlebt. Das ist die Legende. Man hat die Spuren dieses Ungeheuers gesehen, sogar häufig. Man sieht sie heute noch, und hat lange Zeit nicht gewusst, was konkret hinter dieser Legende steht. Ich habe eindeutig nachgewiesen, dass ein Bär dahintersteht. Ein ganz spezieller Bär, den die Einheimischen übersetzt ‚Schneemenschen‘ nennen, weil er im Eisgebirge lebt, weil er den Himalaya zum Teil überquert, und bei dieser Überquerung werden dann die Fußspuren gefunden. Die schauen aus wie von einem Sohlengänger und einem Riesen. Weil sie viel weiter auseinander sind.

Marcus Fahn: Wie groß ist dieser Bär?

Reinhold Messner nach der Rückkehr von seiner Mount Everest Besteigung 1980.

Reinhold Messner: Der Bär ist größer als der Braunbär aus Europa, hat viel längere Haare oder Zotteln, weil er in der Kälte lebt. Amerikanische und englische Wissenschaftler sagen nach ihren genetischen Untersuchungen, es ist ein Hybrid zwischen Braunbär und Eisbär. Das würde ich nicht unterschreiben, aber ausschließen tue ich es auch nicht. Das hieße, in der letzten Eiszeit seien die zusammengekommen. Wir müssen in der Sprache der Wissenschaft sagen, die Yeti-Legende hat eine zoologische Entsprechung, nicht eine humane. Aus der Sichtung dieser Bären, die ganz selten zu sehen sind, weil es Nachttiere sind, ist diese Geschichte entstanden. Ganz einfach. Die wird im gesamten Himalaya überliefert. Und die Einheimischen erzählen mit großer Inbrunst eben diese Legende. Den meisten ist nicht bewusst, dass eine konkrete Tiergattung dahintersteht, eben dieser Himalaya-Bär.

Reinhold Messner auf dem Mount Everest: Die Medizin sagte, es sei unmöglich

Marcus Fahn: Sie sind jemand, den im Prinzip jeder kennt. Ich glaube, wenn man auf die Straße geht und zehn Menschen fragt: 'Wer ist Reinhold Messner?' Dann hat jeder die korrekte Antwort. Wie erklären Sie sich das?

Reinhold Messner: Also ich mache das sehr lange, ich habe ja mit fünf Jahren angefangen, auf Berge zu steigen mit den Eltern zusammen. Natürlich kannte mich damals niemand. Und ich bin dann in den 60-er Jahren in den Alpen sehr viel geklettert und habe das Klettern auch weiterentwickelt. Dann war ich an den Achttausendern. Die Medizin und die Physiologie war der Meinung, 8.500 Meter Höhe ist das Ende. Höher kann man nicht steigen, denn dann käme nicht mehr genügend Sauerstoff zum Blut und man hätte keine Kraft mehr. Dadurch, dass sich die Wissenschaftler im Vorfeld so eindeutig festgelegt hatten, dass das nicht möglich ist, haben wir natürlich eine große Rückantwort vom Volk gekriegt. Die haben dann gesagt: ‚Ah, es ist trotzdem möglich.‘

Reinhold Messner auf Schloss Juval am Eingang des Schnalstals.

Marcus Fahn: Das war eine Sensation.

Reinhold Messner: Inzwischen sind viele ohne Sauerstoff raufgestiegen. Der Everest ist mehr oder weniger die Grenze. Viel höher ginge es nicht mehr. Und man muss sich dann vorstellen, dass das unendlich langsam wird, weil wir eben nur ein, zwei Schritte machen können. Dann brauchen wir viele, viele Atemzüge, hyperventilieren da oben. Wenn man ohne Maske steigt, dann fährt diese ganz kalte Luft – 40 Grad Minus hatten wir am Gipfel – in die Lungen und das tut auch weh. Also, wenn junge Leute heute sagen, weil es Mode ist, auf die Frage nach dem Warum: ‚Weil es Spaß macht“, muss ich nur lächeln. Es macht keinen Spaß.

Tourismus auf dem Mount Everest: Für Reinhold Messner "Pisten-Alpinismus"

Marcus Fahn: Es gibt ja mittlerweile einen Massentourismus in den Bergen, gerade am Everest. Da gibt es Bilder von Schlangen von Menschen, die da hoch geführt werden, verunglückte Bergsteiger, die danebenliegen, unglaubliche Müllberge. Haben Sie manchmal das Gefühl: "Mensch, auch durch unser Zutun, dadurch, dass wir solche 'Stars' wurden, ist dieser ganze Hype erst ausgelöst worden. Ohne, dass wir das wollten"?

Das Messner Mountain Museum Corones, auf dem Kronplatz. Es ist das letzte der 6 Museen und wurde von Star-Architektin Zaha Hadid entworfen.

Reinhold Messner: Ich bin heute der Meinung, dass das trotzdem gekommen wäre. Wir haben eine neue Phase des Alpinismus, den nenne ich Pisten-Alpinismus. Alles ist an Pisten gebaut und dort sind die Leute. Die großen Zahlen sind nur an 20, 30 Bergen, die präpariert werden. Der Cho Oyu, der Mount Everest, der Manaslu. Da gehen vorher, bevor es losgeht, hundert und mehr Sherpas hin und bauen einen Weg, einen Steig, eine Piste vom Basislager bis zum Gipfel. Da gibt es dann keine Schwierigkeiten mehr.

Marcus Fahn: Das hat nichts mehr mit dem zu tun, was Sie damals vorgefunden haben?

Reinhold Messner: Nein, die Leute würden nicht vom Basislager weggehen, wenn sie selber den Weg suchen und präparieren müssten. Da sind in den Lagern Ärzte, Köche und Helfer, jeder hat zwei, drei Führer und wird da hinaufgebracht. Das ist Tourismus. Ich habe nichts dagegen, das kann ruhig stattfinden, aber man muss es beschreiben als das, was es ist. Die Leute gehen da hinauf und machen oben ein Selfie, wie sie allein auf dem Gipfel stehen. Sie kommen zurück und tun alle so, als ob sie allein da oben gewesen wären. Der höchste Berg der Welt, der Everest, ist natürlich ein Rekord in sich. Und jeder Mensch, der den Everest besteigen kann oder bestiegen hat, fühlt sich als Rekordbergsteiger. In Wirklichkeit haben die allermeisten, die da hinaufgebracht werden gegen viel Geld, keine Ahnung, was sie eigentlich tun.

Marcus Fahn: Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt, ich habe vergangenes Jahr den Mount Everest bestiegen, was denken Sie?

Reinhold Messner: Ich frage dann meistens nur in welcher Konstellation, mit welchem Reiseunternehmer, wer hat das organisiert und wieviel hast du dafür ausgegeben. Es stehen im Basislager – das hat noch niemand berichtet – ständig vier Helikopter. Die Leute fliegen inzwischen nach oben oder fliegen nach Katmandu zum Abendessen.

Schlange von Bergsteigern, die 2019 den Gipfel des Mount Everest besteigen wollen.

Marcus Fahn: Verurteilen Sie diese Menschen oder haben Sie trotzdem Respekt, weil sie am Ende ja auch auf diesen Berg kommen – wenn auch mit ganz anderen Mitteln als Sie?

Reinhold Messner: Verurteilt wird von mir niemand. Das ist völlig legal und legitim, das zu machen. Es muss nur richtig beschrieben werden. Das hat mit Alpinismus nur ganz am Rande zu tun.

Marcus Fahn: Das nötigt Ihnen auch keinen großen Respekt ab?

Reinhold Messner: Richtig.

Marcus Fahn: Herzlichen Dank für Ihren Besuch, alles Gute für Ihr Buch und einen schönen 75. Geburtstag.

Reinhold Messner: Dankeschön.

Das Reinhold-Messner-Interview zu seinem 75. Geburtstag können Sie am Montag, 16. September, bei Marcus Fahn am Morgen zwischen 5.00 und 9.00 Uhr nachhören.

Reinhold Messners neues Buch heißt "Der Eispapst. Die Akte Welzenbach".


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