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Bergwandern und Kühe So wandern Sie sicher: Mit der Kuh auf Du und Du

Was tun, wenn eine Kuh beim Wandern in den Bergen auf mich zurennt? Hilft ein Stock bei der Verteidigung? Bringt es was, mit den Händen zu fuchteln? Kuhflüsterer Philipp Wenz gibt Tipps, wie Sie den Almsommer sicher genießen können.

Stand: 06.06.2019

Kühe | Bild: picture-alliance/dpa

Philipp Wenz ist Agrarwissenschaftler und Berater für den stressfreien Umgang mit Weidetieren, ein "Kuhflüsterer". Er rät Wanderern auf Almen, vor allem drei Regeln zu beachten: Die Kühe nicht füttern. Die Kühe nicht streicheln. Und: Keinen Hund mitnehmen, denn der wird als Wolfs-Nachkomme von den Rindern noch immer als Feind betrachtet. Immer wieder kommt es auf Almwiesen zu Angriffen von Rindern auf Wanderer, die mit Hund unterwegs sind. Für die Hundebesitzer eine lebensgefährliche Situation, für die Almwirte eine finanzielle Katastrophe, wie erst vor kurzem der Fall einer getöteten deutschen Urlauberin in Österreich gezeigt hat: Nach tödlicher Kuh-Attacke: Bauer muss Hunderttausende zahlen.

5 Tipps fürs Wandern unter freilaufenden Kühen

1. Achten Sie die Individualdistanz der Rinder

"Ich hab dich gesehen" - ein aufmerksamer Blick an den Wanderer

So wie wir Menschen es nicht mögen, wenn uns Fremde zu nahe kommen, stört es auch Rinder, wenn ein bestimmter Mindestabstand zu ihnen unterschritten wird. Das Problem: Wie nahe zu nah ist, lässt sich nicht pauschal festlegen - das hängt vom individuellen Tier ab, aber auch von der aktuellen Situation, also etwa ob Kälber in einer Herde mitlaufen. Ebenso wenig lässt sich sicher sagen, wie die Tiere reagieren, wenn sie sich gestört fühlen: Kann sein, dass sie nichts tun, oder sich auch zurückziehen - aber vielleicht entscheiden die Kühe sich auch dafür, Sie zu vertreiben.

Wenn Sie als Wanderer in die Nähe von freilaufenden Rindern kommen, sollten Sie die Tiere aufmerksam betrachten: Drehen sie die Köpfe in Ihre Richtung? Heben sie ihre Köpfe über die Höhe der Wirbelsäule? Dann sind Sie zu nahe und müssen mit einer Reaktion der Tiere rechnen. Besser, Sie schlagen von vorneherein gleich einen großen Bogen um die Tiere und halten zwischen 30 und 50 Meter Sicherheitsabstand. Dabei kontrollhalber immer wieder mal einen Blick zu den Tieren werfen.

An alle Kuhstreichler:

Mit Kopfschütteln sagt die Kuh "Fass mich nicht an". Wird dieser Wunsch wiederholt ignoriert, kann es durchaus sein, dass das Tier mit einem Angriff reagiert. Natürlich kann es auch sein, dass die Kuh ihren Kopf einfach nur schüttelt, weil sie lästige Fliegen nerven. Nur: Die Fehlinterpretation so einer Situation wird im Zweifelsfall gesundheitliche Konsequenzen für Sie haben.

2. Abstand halten zu Kälbern

Vorsicht bei Kühen, die Kälber haben - ihr Schutzinstinkt ist schnell alarmiert

Die Mutterkühe grasen auf der Bergwiese, dazwischen spielen oder ruhen ihre Kälber. Einfach wunderschön anzuschauen. Doch egal wie anziehend diese Idylle auf Sie wirken mag - genießen Sie sie mit gebührendem Abstand und ziehen Sie sich sofort zurück, wenn ein Tier Sie fixiert. Mutterkühe sind in der Regel viel scheuer als Milchkühe, die durch das täglich Melken an den Kontakt mit den Menschen gewöhnt sind. Und sie sind, gerade wenn sie Kälber haben, sehr beschützend - oder andersrum: Sie reagieren schneller aggressiv, wenn jemand ihrem Nachwuchs zu nahe kommt. Dabei geht die Gefahr für den Menschen nicht nur von der einen Mutterkuh aus, sondern von der ganzen Herde, erklärt Rinder-Experte Wenz:

"Nicht nur die Mütter verteidigen ein Kalb, auch andere Kühe tun das."

Philipp Wenz, Experte für Herdenmanagement und stressfreien Umgang mit Weidetieren

3. Abstand halten zu Kühen, die mit geschlossenen Augen daliegen

Bitte nicht erschrecken - diese Kuh döst und hört Menschen möglicherweise gar nicht

Die Kuh liegt mit geschlossenen Augen im Gras und kaut wieder. Jetzt leise anpirschen und einmal kurz streicheln? Besser nicht - es sei denn, Sie sind Weltmeister auf der Kurzstrecke, weil sich das erschrockene Tier hochrappelt und angreift. Hat es sich eine Kuh genau da so bequem gemacht, wo Sie vorbei müssen, ohne ausweichen zu können, sollten Sie sich mit Pfeifen oder Singen akustisch bemerkbar machen. So weiß die Kuh zumindest, dass Sie da sind. Ob und in welchem Abstand Sie dann allerdings an dem Tier vorbeigehen können, müssen Sie selbst entscheiden. 

4. Nicht umdrehen und weglaufen, wenn Kühe auf Sie zu rennen

Auch wenn die Tiere meist friedlich sind: Unterschätzen Sie nicht Ihre Kraft

Wenn Sie das, was bisher gesagt wurde, halbwegs beherzigen, sollten Sie eigentlich nicht in die äußerst brenzlige Situation kommen, dass tatsächlich Kühe auf Sie zu gerannt kommen. Klar ist: Den EINEN Trick, der Ihnen hier sicher hilft, gibt es nicht - dafür müsste man wie ein Fachmann die Tiere "lesen" können.

Die nachfolgenden Tipps sind deshalb nur als mögliche (!) Interpretationen mit damit verbundenen Handlungsvorschlägen zu verstehen:

Jungtiere wachsen heutzutage oft mit weniger Menschenkontakt auf - und schwanken daher schnell zwischen Angst und Neugierde, wenn sie etwa auf Wanderer treffen. Hüpft so ein Rudel auf Sie zu, weichen Sie nicht aus, denn "in der Regel tun das die Tiere", so Kuhflüsterer Wenz. So vermeiden Sie, dass Mensch und Tier erst recht auf Kollisionskurs geraten.

Grundsätzlich gilt bei alten und jungen Rindern: Stehen bleiben oder langsam rückwärts gehen. In keinem Fall den Tieren den Rücken zukehren und wegrennen oder gar mit den Händen fuchteln. Im Zweifelsfall kann das die Angriffslust der Rinder sogar noch steigern. 

5. Verlassen Sie sich nicht auf einen Stock zur Verteidigung

Auch wenn wir alle das Bild vom Viehhirten mit dem Stock in der Hand im Kopf haben: Der Stecken dient höchstens als Beschleunigungsmittel für gehfaule Kühe, zur Verteidigung taugt er nicht. Im Gegenteil, meint Kuh-Experte Wenz: "Ein Stock kann in falscher Sicherheit wiegen. Er mag in manchen Situationen etwas bringen, ist das angreifende Tier dagegen wirklich ängstlich oder sauer, hilft er nichts." Besser, Sie kommen den Kühen erst gar nicht so nahe, dass diese sich provoziert fühlen können.

Glückliche Kühe, die auf sattgrünen Alpenwiesen friedlich grasen - so stellen wir uns das vor, wenn auf der Milchtüte "Alpenmilch" steht. Aber: "Kommt Alpenmilch wirklich aus den Alpen?" Der BAYERN 1 Umweltkommissar hat ermittelt.


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