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Lkw-Fahrer Über die Parkplatznot auf deutschen Autobahnen

Gerade zur Ferienzeit fallen sie auf den Autobahnen in Bayern besonders ins Auge: Park- und Rastplätze, auf denen die Lkw dicht an dicht gedrängt stehen. Und mehr noch: Oft parken die Brummis in Europa sogar auf dem Standstreifen, oder in den Zu- und Ausfahrten von Tankstellen und Rastanlagen. Warum ist das so?

Stand: 30.06.2020

Über die Parkplatznot auf deutschen Autobahnen | Bild: mauritius-images

Viele Lkws brauchen viele Parkplätze. Das ist eine simple Erklärung. Denn der Lkw-Verkehr auf den deutschen Straßen hat in den letzten Jahren extrem zugenommen, erklärt Alexander Kreipl, Leiter der Sparte Verkehr und Technik beim ADAC: "Wir haben unglaubliches Wachstum, gerade auf den Transitstrecken, die bei uns durchlaufen - die A3 oder A8 in Richtung Süden über den Brenner." Deutschlands zentrale Lage in Europa macht uns zum Transitland Nummer 1 in Europa. Jeder, der international Güter transportiert, muss hier durch.

Warum sind so viele Lkw unterwegs?

Kunden erwarten, dass alle Regale immer gut gefüllt sind

Zu einem Teil sind wir Verbraucher selbst an dieser Entwicklung beteiligt: "Jeder möchte jedes Produkt immer, überall und sofort haben", resümiert Verkehrsexperte Kreipl; und diese veränderten Konsumgewohnheiten haben zur Folge, dass dauerhaft mehr Güter befördert werden müssen.

Straße statt Lagerhaltung

Aber auch die Industrie hat einen großen Anteil an der Lkw-Schwemme auf unseren Straßen: "Viele Firmen im Produktionsbereich haben ihre Lagerhaltung auf die Straße verlagert", erklärt Alexander Kreipl. Vor Ort an den Produktionsstätten findet keine Lagerhaltung mehr statt, die benötigten Zuliefererteile werden vom Lkw "just in time", also genau rechtzeitig, angeliefert. Der Hersteller spart sich die Kosten für Bau und Betrieb eines Lagers – muss sich allerdings auf die Logistik der Spedition verlassen können, damit seine Produktion nicht etwa ausgebremst wird. Der Druck, der angesichts voller Straßen und Staus durch diese Erwartung entsteht, landet letztendlich bei den Lkw-Fahrern:

"Der Leidtragende ist dann meistens der Fahrer, der den Auftrag hat, zu einer bestimmten Zeit vor Ort zu sein - und zusätzlich seine ganzen Lenk- und Ruhezeiten einhalten muss. Um diese Situation muss man die Fahrer nicht beneiden."

Alexander Kreipl: Leiter der Sparten Verkehr / Technik / Umwelt beim ADAC

Wie lange müssen Lkw-Fahrer Pause machen?

Lenk- und Ruhezeiten von Brummifahrern sind genau vorgeschrieben

"Lkw-Fahrer müssen sich an Pausen und Ruhezeiten halten - und nach einer bestimmten Fahrzeit das Fahrzeug abstellen", erklärt Alexander Kreipl. Wie lange Brummi-Fahrer auf deutschen Straßen und Autobahnen hinter dem Lenkrad sitzen dürfen und wie lange sie sich ausruhen und Pause machen müssen, regelt das sogenannte Fahrpersonalgesetz. Demnach dürfen Fahrer grob gesagt täglich nicht mehr als 9 Stunden hinter dem Lenkrad sitzen und müssen jeden Tag eine Ruhezeit von 11 Stunden einhalten.

Lenk- und Ruhezeiten

Tägliche Lenkzeit maximal 9 Stunden; 45 Minuten Pause nach 4,5 Stunden; tägliche Ruhezeit mindestens 11 Stunden; wöchentliche Lenkzeit maximal 56 Stunden; wöchentliche Ruhezeit (die nicht im Lkw verbracht werden darf) mindestens 45 Stunden – das sind nur die Eckpunkte des Fahrpersonalgesetzes. Die komplexen Regelungen und Details finden Sie im FAQ Fahrpersonalrecht des Bundesamtes für Güterverkehr

Die Fahrer fahren für Pausen und Ruhezeiten natürlich bevorzugt Parkplätze und Rastanlagen an der Autobahn an, um möglichst nah an ihrer Route bleiben zu können; aber da es oft nicht genug Parkplätze gibt, parken sie, wo es für sie möglich ist, weiß Thomas Zach, Leiter des Gefahrgut- und Schwerlasttrupps vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd, aus langjähriger Erfahrung: "In Zu- und Ausfahrten von Parkplätzen und Raststätten, auf Standstreifen, oder abseits der Autobahnen in Industriegebieten, auf Parkflächen vor Supermärkten, auf Stellflächen für Schwertransporte, aber auch vor Rettungsdienst- oder Feuerwachen."

Anlieferungstage verstärken die Parkplatznot

Der Termindruck fährt immer mit

Vor allem auf den wichtigsten Transitverbindungen, in Bayern etwa der A8 und der A9, werden regelmäßig oft schon am späten Nachmittag die Stellplätze knapp. Besonders eng wird es auf den Parkplätzen an den Abenden vor den klassischen Anlieferungstagen für Produktionsstätten, erklärt Thomas Zach: "Am Dienstag in Fahrtrichtung Italien, und am Donnerstag und Freitag in Richtung Deutschland." Da sich viele Speditionen gegen mögliche Staus absichern wollen, schicken sie mittlerweile ihre Lkws auch mal einen halben oder sogar ganzen Tag früher los – das Ergebnis ist insgesamt mehr Verkehr und mehr Konkurrenz um die wenigen Parkplätze.  

Dem Ärgernis auf den Grund gegangen: So entstehen die meisten Staus

Parkplatznot vor Wochenend- und Ferienfahrverboten

Der Andrang auf die Parkplätze wird auf deutscher Seite noch verstärkt durch das Wochenendfahrverbot in Österreich – von Samstag 15 Uhr bis Sonntag 22 Uhr - und die Ferienreiseverordnung, die zwischen dem 1. Juli und dem 31. August in Deutschland gilt: Von genehmigungspflichtigen Ausnahmen abgesehen dürfen Lkws über 7,5 Tonnen in diesem Zeitraum am Samstag zwischen 7 und 22 Uhr nicht fahren – und am Sonntag gilt ja ohnehin ganzjährig das Lkw-Fahrverbot. Um nach Ende der Verbotszeiten möglichst schnell wieder auf die Straße zu kommen, versuchen Brummifahrer daher vorher so nahe wie möglich an die Grenze im Süden zu kommen.

Ferienfahrverbote in Deutschland

In Deutschland tritt das Ferienfahrverbot jährlich ab dem 1. Juli in Kraft. Es dauert bis zum 31. August und bedeutet, dass LKWs über 7,5 Tonnen und LKWs mit Anhängern, die zur entgeltlichen oder geschäftsmäßigen Beförderung von Gütern und damit einhergehenden Leerfahrten unterwegs sind, samstags von 7 - 20 Uhr auf einigen Autobahnen und Bundesstraßen nicht fahren dürfen. Dazu zählen auch Abschnitte auf der A7 ( Autobahnkreuz Ulm/Elchingen und Autobahndreieck Allgäu bis zum Autobahnende Bundesgrenze Füssen) und der A8 (Anschlussstelle München-Ramersdorf bis Anschlussstelle Bad Reichenhall). Welche Straßen noch von dieser Regelung betroffen sind, können Sie hier nachlesen: Verordnung zur Erleichterung des Ferienreiseverkehrs auf der Straße

Wie niedrige Bußgelder in Deutschland die Parkplatznot verstärken

Digitale Fahrtenschreiber, auch Tachograf oder EG-Kontrollgeräte genannt, erfassen jede Tätigkeit des Fahrers.

Wenn Brummifahrer bei Verstößen gegen die Lenk- und Ruhezeiten erwischt werden - diese Infos werden in den Fahrtenschreibern oder modernen digitalen Tachografen erfasst - fallen je nach Land unterschiedlich hohe Strafen an. Deutschland ist mit 60 bis maximal 125 Euro relativ "preiswert" im Vergleich etwa zu Österreich (200 Euro) oder Spanien oder Frankreich, die dafür zwischen 700 und 1.000 Euro aufrufen. Dieses Preisgefälle sorgt nach den Erfahrungen von Thomas Zach für weiteren Druck auf die Parkplätze im südlichen Bayern, da die Fahrer auf Nummer sicher gehen, wenn ihre Ruhezeit näher rückt:

"Der Fahrer sagt sich 'Bevor ich ein hohes Bußgeld zahle, stelle ich mich lieber hier (in Bayern; Anm. d Red.) auf den Seitenstreifen oder die Sperrfläche. Das ist ein klassischer Verdrängungswettbewerb: Ich stelle mich da hin, wo's am günstigsten ist."

Thomas Zach, Leiter des Gefahrgut- und Schwerlasttrupps vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd

Brummi-Fahrer von allen Seiten unter Druck

Verstoß gegen die Lenk- und Ruhezeiten? Das Bußgeld zahlt der Fahrer aus eigener Tasche

Doch die Fahrer sind bei diesem Spiel meist selbst Opfer der Umstände, denn: Bußgelder wegen Verstößen gegen Lenk- und Ruhezeiten müssen in der Regel die Fahrer selbst bezahlen, so schreibt es das Gesetz vor. Wie sie es schaffen sollen, angesichts von Termindruck, vollen Autobahnen und Parkplätzen ihre Lenk- und Ruhezeiten einzuhalten, damit müssen sie oft ganz alleine klarkommen.

Aushilfskräfte im Brummi sind überfordert

Viele Aushilfskräfte hinter dem Lenkrad kennen sich mit den Fahrtenschreibern nicht richtig aus

Lkws, die auf Standstreifen parken, völlig zugeparkte Rastplätze, auf denen fast kein Durchkommen mehr ist - einiges davon geht auch auf eine sehr hohe Anzahl von Fahrern zurück, die "erschreckend wenig Wissen von ihrem Job und die Bedienung des Kartographen haben", so der Leiter der Lkw-Kontrollgruppe Zach. Wenn etwa die Ruhezeit ansteht, und ein Fahrer schon auf mehreren Parkplätze vergeblich nach einem Stellplatz gesucht hat, darf er trotzdem weiterfahren - vorausgesetzt, er erfasst und dokumentiert dies korrekt mit dem (digitalen) Fahrtenschreiber. Das gilt übrigens auch, wenn er durch einen Stau in die Ruhezeit rutscht. Nur etwa die Hälfte der Fahrer, so Zach, kennt die sogenannten Notfallklausel im Fahrpersonalgesetz und weiß wie man den Tachografen entsprechend bedient - "der Rest weiß es nicht oder kann's nicht."

"Die Speditionen sagen den Fahrern zwar, wo sie hinfahren müssen, aber nicht, wie das Kontrollgerät funktioniert. Wir haben sehr viel Aushilfspersonal, die die digitalen Kontrollgeräte gar nicht kennen."

Thomas Zach, Leiter des Gefahrgut- und Schwerlasttrupps vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd

So mancher Lkw müsste also auch gar nicht da stehen, wo er etwa die Zufahrt zu einer Raststätte blockiert. Und zur Lebensgefahr für Autofahrer werden kann, die ihn zu spät bemerken.

"Ich hatte auch schon zwei schwere Unfälle in meiner Dienstzeit, wo im Ein- und Ausfahrtsbereich geparkt wurde – und wo dann ein Pkw unten reingefahren ist, weil er von der Autobahn ausfahren wollte. Das ist dann kein schönes Bild."

Thomas Zach, Leiter des Gefahrgut- und Schwerlasttrupps vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd

Es gibt zu wenig Parkplätze für Lkw an den Autobahnen

Der Zuwachs im Lkw-Verkehr übersteigt das, was an Parkplätzen gebaut wird.

Das in den letzten Jahren massiv gestiegene Lkw-Aufkommen überfordert die Parkplatz-Kapazitäten. Bund und Länder bauen zwar schon seit Jahren – allein im Bereich der Autobahndirektion Nord in Bayern etwa wurden in den letzten 10 Jahren knapp 2.400 neue Stellplätze geschaffen – allein: "Die Steigerung an Lkw auf den Straßen frisst das, was gebaut wurde, gleich wieder auf", so Verkehrsexperte Kreipl. Dazu kommt, dass es alles andere als leicht ist, neue Parkplätze zu bauen – weil die Verkaufsbereitschaft der Grundbesitzer fehlt, es Wiederstände der Anwohner gibt oder auch weil der Amtsschimmel zuschlägt: "Aus einer landwirtschaftlichen Fläche kann man nicht einfach so einen Parkplatz machen", erklärt Kreipl. Eine Umwidmung von Grundstücken dauert seine Zeit.

Lkw-Fahrer: Alles andere als ein Traumjob?

Termindruck, Staus, Parkplatznot im Genick - und nur wenig Aussicht auf Besserung: Mit der romantischen Vorstellung vom "König der Landstraße" hat der moderne Arbeitsalltag "auf dem Bock" offenbar schon lange nichts mehr zu tun. Schwere Zeiten für Lkw-Fahrer, findet Alexander Kreipl:

"Sie müssen sich einerseits an die rechtlichen Rahmenbedingungen halten, dass sie etwa ihre Zeiten nicht überschreiten; sie müssen sich überlegen, wo sie stehen bleiben und parken dürfen - und dann haben sie aber auch den Zeitdruck, rechtzeitig vor Ort zu sein. Und wenn dann noch ein Stau dazukommt und das Zeitmanagement sehr sensibel ist, haben die einen eher unlustigen Job."

ADAC-Verkehrsexperte Alexander Kreipl


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