Bayern 1 - Experten-Tipps


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In diesen Produkten steckt Palmöl So können Sie Lebensmittel mit Palmöl meiden

Weit über 70 Millionen Tonnen Palmöl werden weltweit produziert. Es ist das am häufigsten verwendete Pflanzenöl in der Lebensmittelherstellung und steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt. Wie Sie es meiden können.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 09.06.2020 | Archiv

Kleines Mädchen mit Vater am Frühstückstisch holt Nuss-Nougatcreme aus dem Glas. | Bild: mauritius-images

Umstritten, aber unverzichtbar

Palmöl hat mittlerweile in Deutschland keinen guten Ruf. Viele Verbraucher wissen zwar oft nicht ganz genau, wo das Öl verwendet wird und die wenigstens überprüfen wahrscheinlich die Inhaltsstoffe ihrer Lebensmittel auf die Verwendung von Palmfett, aber irgendwie scheint das Produkt nicht gut für die Regenwälder zu sein. Stimmt auch. So ungefähr jedenfalls.

Dem weltweiten Absatz von Palmöl hat das allerdings kaum geschadet. Bis auf ein paar Dellen, zeigt die Verlaufskurve steil nach oben. Weit über 70 Millionen Tonnen werden auch heuer wieder produziert. Das Palmöl ist eben auch in so vielen unserer Produkte drin: Vom Schokokeks über das Putzmittel bis hin zum Bio-Kraftstoff.

Im Bereich der Lebensmittel versuchen mittlerweile einige Unternehmen, den Einsatz vom Palmfett – oder öl zu vermeiden und werben auch ganz bewusst damit eben KEIN Palmfett zu verwenden. Nicht gut für’s Image! Aber ist Kokosöl zweifelsfrei besser? Oder Raps? Wie sehr der Absatz von Pflanzenölen generell vom Weltmarkt abhängig ist, hat sich gerade während der Corona-Krise gezeigt: Der Preis, vor allem für Palmöl, ist laut UN-Ernährungsorganisation FAO in den letzten Monaten dramatisch eingebrochen. Der weltweit zweitgrößte Exporteur von Palmöl, Malaysia, hat den Exportzoll sogar zwischenzeitlich auf auf null gesenkt, um den Absatz wieder anzukurbeln.

Vor allem der stetig steigende Bedarf an Pflanzenöl für die Beimengung der so genannten Bio-Kraftstoffe dürfte ein Problem werden. Zumal auch in der Luftfahrtbranche darüber nachgedacht wurde, Bio-Kerosin einzusetzen. Die Pläne der Internationalen Luftfahrtorganisation ICAO sind allerdings vorerst vom Tisch, auch weil es weltweiten Protest und zahlreiche Petitionen gegen diese Überlegungen gegeben hat. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat zusammen mit der Rainforest Foundation Norway kürzlich eine gemeinsame Studie (März 2020) veröffentlicht, um auf die Verdrängungsrisiken, also den Anbau von Feldfrüchten für Biokraftstoffe auf Flächen, die zuvor für den Nahrungsmittelanbau genutzt wurden, hinzuweisen. Unterm Strich, so die Analyse, wird durch die Ausweitung klimaschädliches CO2 freigesetzt, obwohl Biokraftstoffe doch zum Klimaschutz beitragen sollen. „Wenn man die Nachfrage aus den hohen Szenarien für Palmöl addiert, steigt der Verbrauch an Biokraftstoffen auf 61 Millionen Tonnen, was einer Versechsfachung gegenüber heute entspricht“, heißt es in der Studie.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Gerade in Deutschland. Mittlerweile ist das Palmöl, das hierzulande importiert wird, größtenteils rückverfolgbar (geschätzt etwa 80%). Das bedeutet, dass die Palmfette zertifiziert sind und somit auch weitgehend sichergestellt werden kann, dass eben kein Regenwald für neue Anbauflächen von Ölpalmen brandgerodet worden ist. Nepomuk Wahl, Nachhaltigkeitsanalyst von Olenex Edible Oils in Hamburg, einem der größten Öl- und Fetthändler für die Industrie in Deutschland, geht sogar noch weiter: „Inzwischen sind 99,9 Prozent des importierten Palmöls nach Europa rückverfolgbar bis zur Mühle. Das heißt, wir kennen wirklich alle unsere Lieferanten. Es gibt Satellitenüberwachung, allein wir mit unserem Mutterkonzern [Anm. d.Red: Archer Daniels Midland Company (ADM) mit Sitz in Chicago, Illinois] überwachen 20 Millionen Hektar weltweit. Das heißt, die Anforderungen sind jetzt sehr, sehr streng und ein Vorbild für viele andere Nachhaltigkeitsstandard.“ Allerdings verbraucht Deutschland nur einen Bruchteil des weltweit produzierten Palmöls. Gerade Länder mit starkem Wirtschaftswachstum, wie China, Indien oder auch Indonesien selbst, brauchen jährlich mehr Palmfett und Nachhaltigkeit steht da nicht immer an erster Stelle.

Palmöl – Liebling der Lebensmittelindustrie

Palmöl ist ein geiles Zeug! Jedenfalls geraten Lebensmitteltechniker geradezu ins Schwärmen, wenn sie über die Einsatzmöglichkeiten von Palmöl in der Industrie sprechen. Schließlich ist Palmöl das am meisten verwendete pflanzliche Öl in der Lebensmittelherstellung. Grob geschätzt, ist Palmöl fast in jedem zweiten Produkt aus dem Supermarkt zu finden. „Also so eine wirklich schmelzende Nuss-Nougat-Creme kriegt man ohne Palmöl fast nicht hin. Also, das ist von seiner Konsistenz und von seinem Schmelzpunkt her, dafür einfach ideal“, sagt Buchautorin („Der Konsumkompass“) und Nachhaltigkeitsexpertin Katarina Schickling.

Die Kultivierung der Ölpalme ist eigentlich eine landwirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Ursprünglich kommt sie aus Westafrika und wächst nur in den heißen und feuchten Regionen dieser Welt. Seit mittlerweile mehr als 100 Jahren wird sie systematisch gezüchtet und ist dadurch die ertragreichste Ölpflanze der Erde geworden. Deshalb wird sie auch fast überall in den Tropen entlang des Äquators angebaut – leider eben auch genau dort, wo sich die für unser Klima so wichtigen Regenwälder befinden.

Weit über 70 Millionen Tonnen Palmöl werden derzeit weltweit produziert. Der Löwenanteil stammt aber aus Malaysia und Indonesien. Die beiden Länder sind die Hauptproduzenten, die 85 Prozent der Weltproduktion unter sich aufteilen. Allein in Indonesien wachsen die Ölpalmen auf etwa 8 Millionen Hektar – das entspricht etwa der Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands. In den letzten 25 Jahren haben sich die Anbauflächen in Indonesien und Malaysia verzehnfacht. Tendenz steigend. Denn der weltweite Bedarf wächst. Deshalb drängen auch neue Produzenten an die Spitze. Kolumbien ist beispielsweise mittlerweile der viertgrößte Palmöl-Produzent der Welt.

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DARUM ist Palmöl so beliebt:

  • niedrige Kosten: Eine Tonne importiertes Palmöl kostet in Nordeuropa derzeit rund 570 Dollar auf dem internationalen Markt (Mai 2020). Kokosöl kostet derzeit kanpp 250 Dollar mehr die Tonne. Rapsöl etwa 200 Dollar mehr.  
  • Kultivierte Ölpalmen werfen gut 20 Jahre einen konstant hohen Ertrag pro Fläche ab. Eine ausgewachsene Ölpalme trägt etwa 15 Mal im Jahr Fruchtbüschel, aus denen Öl gewonnen werden kann.
  • Palmöl muss nicht extra chemisch gehärtet werden. Ist bei Zimmertemperatur fest, lässt sich aber auch gut erhitzen und leicht schmelzen. Ist geschmacksneutral und extrem lange haltbar. Ideal also für die Verarbeitung in Lebensmitteln.
  • Weil Palmöl durch seine Eigenschaften vielseitig verwendbar ist, wird es beispielsweise auch für Kerzen oder bei Kosmetikprodukten eingesetzt.

ABER:

  • Allein in Indonesien ist seit 1990 Regenwald von einer Fläche, die mehr doppelt so groß ist wie Bayern, den Palmölplantagen zum Opfer gefallen.
  • Weit über 400.000 Hektar braucht es dort, um allein den Verbrauch von Palmöl in Deutschland - das entspricht fast der halben Oberpfalz – zu decken. Tendenz stark steigend.
  • Weltweit steigt die Nachfrage nach Palmöl stetig an. Längst haben Indien und China und andere asiatische Länder, Europa als Hauptabnehmer überflügelt. Weil immer mehr Anbauflächen gebraucht werden, müssen auch Regenwälder weichen, die  auch teils illegal gerodet und trocken gelegt werden, um Ölpalmen anzubauen.
  • Die Böden sind durch die Monokultur schnell erschöpft und ausgelaugt, so dass sich selbst nach Auflassung der Flächen kein natürlicher Regenwald mehr ansiedelt, sondern nur noch minderwertiger Sekundärwald.

Viele Kleinbauern hängen von der Ölpalme ab

Das Palmöl so billig ist, hat natürlich auch noch eine andere Ursache. Die Arbeitsbedingungen auf den Ölplantagen der großen Produzenten sind knallhart. Bezahlt wird oft nicht nach Stunden, sondern nach Quoten. Bis zu 1.500 Kilo am Tag müssen die schlecht bezahlten Arbeiter schleppen. Menschenrechtsorganisationen berichten immer wieder von schweren Vergiftungen durch Pestizide. Auch die weitere Verarbeitung in der Ölmühle ist oft umweltschädlich. Abwässer und Abfälle gelangen dabei ungeklärt nach draußen. Amnesty International hat erst Ende 2016 die Praktiken des weltweit größten Palmöl-Herstellers Wilmar gebrandmarkt und gezeigt, dass systematisch Kinder- und Zwangsarbeit eingesetzt werden. Das Unternehmen mit Sitz in Singapur beschäftigte damals auf seinen Plantagen in Indonesien Kinder schon im Alter von acht Jahren und zahlte Hungerlöhne für die Arbeiter. Namhafte Konzerne gehörten zu den Kunden. Umso wichtiger ist es auch hier, genau hinzuschauen und Kriterien zu entwickeln und auch umzusetzen, die den Menschen vor Ort ein erträgliches Einkommen sichern und zugleich Standards für die Arbeitsbedingungen festzulegen.

Bei der Produktion von Palmöl spielen aber auch Kleinbauern weltweit eine große Rolle. Dass sollte bei der Diskussion und aller berechtigter Kritik am Werkstoff Palmöl nicht vergessen werden. Das hat auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Uni Göttingen noch einmal unterstrichen: „In Wirklichkeit wird aber rund die Hälfte des Palmöls weltweit von Kleinbauern produziert. Unsere Daten zeigen, dass der Ölpalmenanbau die Einkommen der Kleinbauern deutlich steigert und auch zu mehr Beschäftigung und höheren Löhnen für Landarbeiterfamilien führt. Obwohl es in einigen Regionen auch zu Konflikten über Landrechte kommt, hat der Ölpalmenboom die ländliche Armut in Indonesien und anderen Anbauländern insgesamt deutlich reduziert“, sagt Autor Prof. Dr. Matin Qaim, Agrarökonom an der Universität Göttingen. Genau hier setzen auch die Umweltschützer an. Macht auch Sinn, sagt Autorin Katarina Schickling: „Das ist ja aus gutem Grund eine Pflanze, die schon seit Jahrhunderten als Nutzpflanze angebaut und genutzt wird. Und wenn ich jetzt Palmöl habe, wo irgendeine kleinbäuerliche Kooperative, sagen wir mal in Ghana, damit ihren Lebensunterhalt bestreitet, dann spricht überhaupt nichts dagegen.“

Das sieht auch Ilkas Petersen so, Palmölexpertin der international Natur- und Umweltorganisation WWF: „Es gibt zum Beispiel beim Runden Tisch für Palmöl verschiedene Systeme, mit denen man Kleinbauern direkt unterstützen kann. Es gibt für Unternehmen die Möglichkeit, Zertifikate zu kaufen von unabhängigen Kleinbauern oder eben sie direkt in die Lieferkette mit einzubinden, also auf ihre Vorlieferanten und auf die Händler einzuwirken, dass sie eben auch ganz gezielt Kleinbauern mit in ihre Mühle und ihre Lieferkette mit reinholen.“

Wie das in der Praxis dann aussieht, beschreibt Nepomuk Wahl von Olenex so: „Wir machen als Importeur und Verarbeiter, zum Beispiel, mit Kleinbauern, Schulungsprogramme in Honduras und Kolumbien. Da haben wir in den letzten Jahren schon über 5.000 Kleinbauern geschult. Das heißt, wir haben die Möglichkeit, direkt diese kleinbäuerlichen Produzenten in unserer Lieferkette zu unterstützen. Und damit auch die Unternehmen, die eben von uns das Palmöl kaufen und dann in ihren Lebensmitteln einsetzen.“ Diese Unternehmen haben auch die Möglichkeit, direkt kleinbäuerliche Produzenten zu unterstützen und können über eine Online-Plattform direkt mit ihnen in Kontakt treten und sie somit auch dafür entlohnen, wenn sie nachhaltige Anstrengungen unternehmen.

Boykott ist auch keine Lösung

Wie bereist beschrieben, ist es keine ausgemachte Sache, dass Palmöl grundsätzlich ein umweltschädliches Produkt ist. Im Gegenteil. Ein Boykott von Palmöl, hätte nicht nur negative wirtschaftliche und soziale Effekte in den produzierenden Ländern, sondern würde – mangels Alternativen – auch kaum für eine Entlastung der Umwelt sorgen. Wichtiger wäre es also auf bereits bestehende Produktions- und Lieferketten einzuwirken. „Wir fordern deswegen, dass alle Importe von Palmöl, egal, wo sie hingehen – ob in Biokraftstoff, in Lebensmittel, in Kosmetik – an soziale und ökologische Mindestkriterien geknüpft sein müssen“, sagt Ilka Petersen vom WWF, „und das nicht nur bei Palmöl, sondern auch bei allen anderen Pflanzenölen, die importiert werden oder auch hier im eigenen Land hergestellt werden. Sonst kriegen wir die Probleme, die wir haben, nicht in den Griff.“ Das bedeutet, eine nachhaltigere Landwirtschaft zu entwickeln, die nicht nur zum Erhalt der Artenvielfalt beiträgt, sondern beispielsweise auch auf den Einsatz von gefährlichen Pestiziden zu verzichtet. Es gibt bereits positive Beispiele, auch in Indonesien, wo das funktioniert.

Nachhaltigkeit ist aber nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Geldes. Und ein Mehr an Nachhaltigkeit weltweit, bedeutet auch einen Preisanstieg beim Produkt Palmöl. Auf die Tonne umgerechnet muss das nicht viel sein und bei fertigem Produkt in dem Palmöl verarbeitet ist, sprechen wir von Cent-Beträgen. Trotzdem würde es etwas bringen, wenn die Nachfrage beim Verbraucher in dieser Hinsicht steigt, und zwar auch für Hersteller spürbar steigt.  „Also wir haben schon seit vielen Jahren tatsächlich die Situation, dass mehr nachhaltiges Palmöl auf dem Weltmarkt verfügbar ist, als tatsächlich nachgefragt wird“, sagt Nachhaltigkeits-Analyst Nepomuk Wahl von Olenex, „das heißt, wir müssen eigentlich erst mal die Nachfrage weiter erhöhen, bevor wir mit dem Finger auf die Produzenten zeigen können und sagen ihr macht immer noch nicht genug. Also eigentlich sind es wir, zum Beispiel in Deutschland, die eigentlich noch mehr nachhaltiges Palmöl nachfragen müssten.“ Das bedeutet konkret auch bei Herstellern und Produzenten nachfragen, ob das verwendete Palmfett oder Palmöl auch aus nachhaltigem, zertifiziertem Anbau stammt. Die Verbraucher unterschätzen in dieser Hinsicht oft ihre Macht.

Wer Palmöl vermeiden will, sollte weniger Auto fahren

Viele kennen Palmöl nur aus Lebensmitteln. Manche wissen auch, dass Palmöl in vielen Kosmetika zu finden ist. Aber dass knapp über 50 Prozent des Palmöls, das in der EU importiert wird, als Beimischung in Kraftstoffen landet, ist den meisten nicht bekannt.

Vor allem in Diesel, dem beliebtesten Treibstoff für deutsche Autos. In einer normalen Tankfüllung Diesel sind bis zu 7 Prozent pflanzliche Anteile enthalten. Zwar überwiegend Rapsöl, aber eben auch andere Pflanzenöle wie Soja- und Palmöl. Für Biodiesel sind zwar nur Rohstoffe aus nachgewiesen nachhaltigem Anbau zugelassen, aber im Falle von Palmöl ist das eben manchmal schwierig, selbst wenn es zertifiziert ist. Zwischenzeitlich ist der Anteil von Palmöl in den pflanzlichen Bestandteilen des Diesels nur deshalb gesunken, weil es einen Preisverfall für Raps gegeben hat. Angesichts der Menge, die da insgesamt und weltweit beigemischt wird, wirkt es geradezu absurd auch noch von „BIO-Kraftstoff zu reden. „Da fängt das Problem ja an. In der Tat kann ich das als Verbraucher kaum vermeiden. Und deswegen ist der Biokraftstoff auch etwas, worüber man zurecht diskutieren kann. Wie sinnvoll das tatsächlich für die Natur ist.“, sagt Katarina Schickling, Autorin des „Konsumkompass“.

Eine Studie des Londoner Institute for European Enviromental Policy (IEEP) hat schon 2011 skizziert, wie für die Produktion der Biotreibstoffe weltweit riesige Flächen in zusätzliches Ackerland umgewandelt werden müssen. Dieser Trend ist ungebrochen. Auch die Pläne der Europäischen Union, wenigstens ab 2030 auf Palmöl in Biokraftstoffen zu verzichten, ändert daran nicht viel. Schließlich sollten nach Plan der EU-Mitgliedstaaten zum Ausbau der erneuerbaren Energien, schon 2020 rund zehn Prozent der Energie für den Verkehr in Europa aus Biosprit bestehen und damit fast vollständig aus Ölsamen, Palmöl, Rohr- und Rübenzucker oder Weizen gewonnen werden. Allein dafür, hat die die Studie vorgerechnet, hätten weltweit fast 70.000 Quadratkilometer Wälder, Weiden und Feuchtgebiete in Anbauflächen umgewandelt werden müssen – das entspricht der doppelten Fläche von Belgien. Weil dadurch wiederum zusätzliche Tonnen CO2 freigesetzt werden, ist – unterm Strich – Biosprit damit noch klimaschädlicher als fossile Brennstoffe es sowieso schon sind. „Und da geht es eben auch nicht um Boykott oder den Austausch von einem Öl gegen das andere“, konkretisiert Ilka Petersen vom WWF, „das haben wir ja schon mal versucht. Fossil gegen Palmöl und jetzt könnte man sagen, dann machen wir statt Palmöl irgendwie Rapsöl rein. Aber die Rechnung geht halt nicht auf! Wir brauchen ein anderes Verkehrssystem und einen anderen Individualverkehr. Und zu dem gehört eben nicht das das normale Auto, nicht der Diesel, nicht der Benziner, sondern tatsächlich dann das Fahrrad oder die Schiene.“ Angesichts der importierten Menge an Palmöl, das allein in Deutschland zur Hälfte sozusagen im Tank verschwindet, gibt es also keine effektivere Art und Weise Palmöl zu vermeiden, als den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen, Bus oder Bahn oder gleich Fahrrad zu fahren.

Auf Palmöl aus nachhaltigem und zertifiziertem Anbau achten

Seit Dezember 2014 muss nach einer EU-Verordnung Palmöl auf den Produkten namentlich aufgeführt werden. Vorher war Palmöl oft unter „pflanzliche Öle“ versteckt worden. Damit können sich Verbraucher zumindest bewusst gegen Produkte mit Palmöl entscheiden. Allerdings, wie eingangs erwähnt, ist das schwierig, weil fast die Hälfte aller Produkte im Supermarkt – laut einer WWF-Studie – Palmöl enthalten. Was für Lebensmittel gilt, ist im Bereich Pflege- und Reinigungsmittel leider immer noch nicht gängige Praxis. Hier werden Pflanzenöle immer noch gerne hinter komplizierten chemische Bezeichnungen versteckt, die es dem Verbraucher fast unmöglich machen zu erkennen, was da genau verarbeitet worden ist. Ob es – wie beim Palmöl wünschenswert – aus nachhaltigem Anbau stammt schon gleich gar nicht.  Sagt auch Nepomuk Wahl von Olenex: „Es gibt natürlich leider immer noch leider einige Unternehmen, die eben kein zertifiziert nachhaltiges Palmöl einsetzen. Sowohl im Nahrungsmittelbereich, aber auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel beim Waschen, Putzen und Reinigen, im Bereich Kosmetik oder Außer-Haus-Verzehr beim Bäcker. In diesen ganzen Bereichen wird leider immer noch eben nicht zertifiziertes Palmöl eingesetzt. Und da hilft tatsächlich einfach immer nachfragen. Lieber Hersteller, lieber Lebensmittelproduzent wie sieht es aus, nutzt ihr tatsächlich zertifiziert-nachhaltiges Palmöl? Weil nur, wenn dieser Druck durch den Verbraucher da ist, dann werden auch die Unternehmen die letzten noch umstellen. Und das brauchen wir“

Nun ist Palmfett, dass muss man auch ganz klar sagen, bezüglich einer gesunden Ernährung, nicht das hochwertigste Fett. Dennoch ist es in den meisten Fertigprodukten oder Süßwaren, wegen seiner speziellen Eigenschaften enthalten. Palmöl-Expertin Ilka Petersen vom WWF: „Also frisch kochen. Weniger Süßes und Fettiges ist schon mal gut. Wir raten natürlich auch dazu, wo immer ich was kaufe, möglichst auf Bioprodukte zurückzugreifen, die weniger Einfluss negativen Einfluss auf die Umwelt haben.“ Auch das ist ein Problem der Nachfrage. Bio-Palmöl hat derzeit noch einen verschwindend kleinen Marktanteil, der sich bei etwas über einem Prozent weltweit bewegt. Andererseits wären die Verbraucher hier auf er sicheren Seite, da hier die Produktionsbedingungen sehr viel strenger und besser überwacht werden.

Wer wirklich Palmöl vermeiden möchte, sollte das lieber aus Gründen einer besseren Ernährung tun, findet Autorin Katarina Schickling: „Es gibt ganz spezifische Produkte, da komme ich um Palmöl nicht rum. Das sind vor allem spezielle Süßwaren und Brotaufstriche. Aber es gibt ganz viele Produkte, das ist Palmöl, einfach drin, weil es so billig ist. Und da muss ich mich als Kunde ja auch fragen, möchte ich denn tatsächlich, wenn ich ein Fertiggericht kaufe, im Wesentlichen irgendein Fett, Salz, Zucker? Oder möchte ich und ein paar Geschmacksverstärker und Aromen? Oder möchte ich ein echtes Lebensmittel kaufen? Und insofern würde ich sagen, ist es generell eine gute Idee, nach Lebensmitteln zu schauen, wo möglichst viel von dem, was ich auch in meiner heimischen Küche verwenden würde, verkocht worden ist und möglichst wenig von dem, was die Industrie so verkocht.“

Des Weiteren gibt es ein Siegel, das Produkte aus nachhaltigem Anbau auszeichnen soll. 2007 ist es nach einem Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) entstanden. Ins Leben gerufen vom WWF mit Unterstützung des Konzerns Unilever, einem der größten industriellen Palmöl-Verbraucher der Welt. Entsprechend kritisch sehen auch viele Umweltschützer das Siegel. Sie sehen die Standards als zu gering an und bemängeln lasche Kontrollen.

Um die RSPO-Kennzeichnung zu bekommen, dürfen Bauern die Pflanzen beispielsweise nicht auf gerade erst gerodeten Böden anbauen, zudem kaum Pestizide nutzen und müssen die Landrechte der Ureinwohner achten sowie bedrohte Tiere schützen. Der gemeinnützige Verein hat seinen Sitz in Zürich und führt dort Interessengruppen aus insgesamt sieben Sektoren der Palmölindustrie zusammen, also Produzenten, Industrie, Einzelhändler und so weiter. Die Mitglieder sehen die Erklärungen zur Nachhaltigkeit zumindest als ersten Schritt in die richtige Richtung. Ilka Petersen WWF: „Dazu gehört zum Beispiel die Palmöl Innovation Group, die noch mal ein paar bessere Kriterien hat als der RSPO, also noch mal ein Stück weitergeht.“

Der International Sustainability and Carbon Certification (ISCC) Standard soll die Einhaltung der Nachhaltigkeitsanforderungen der Europäischen Erneuerbare Energien Richtlinie (EU RED) sowie der Deutschen Biokraft- und Biostrom-Nachhaltigkeitsverordnungen garantieren. Neben der Zertifizierung von Biomasse und Bioenergie kann der Standard auch für die Nachhaltigkeitszertifizierung in den Bereichen Nahrungs- und Futtermittel, und der chemischen Industrie, und somit auch für die Zertifizierung von nachhaltigem Palmöls welches nicht als Bioenergie genutzt wird, angewendet werden (ISCC PLUS). Seit Juli 2010 ist der ISCC-Standard in Deutschland anerkannt. Das ISCC hat derzeit etwa 70 Mitglieder und wird von 27 unabhängigen Zertifizierungsunternehmen kontrolliert.

Übrigens hat Greenpeace Anfang 2016 von 14 internationalen Firmen verlangt, den Weg ihres verwendeten Palmöls zur Plantage zurückzuverfolgen. Schließlich ist nur so zu kontrollieren, ob sich die jeweiligen Zulieferer an die Vorgaben zu Waldschutz, Umweltschutz und Arbeitsbedingungen halten.  Firmen wie PepsiCo, Colgate-Palmolive und Johnson & Johnson haben laut Greenpeace, dabei am schlechtesten abgeschnitten. Ausgerechnet Ferrero, der vielgescholtene Nutella-Hersteller und bekennender Verwender von Palmöl, konnte annähernd 100 Prozent des Palmöls bis zur Plantage zurückverfolgen.

Sinnvolle Alternativen zum Palmöl: Fehlanzeige!

Letztlich ist Nachhaltigkeit gefragt. Bio-Palmöl ist toll, deckt aber nicht mal ansatzweise den weltweiten Bedarf. Andere Öle aus Sonnenblumen oder Raps würden außerdem ein vielfaches der Anbaufläche von Ölpalmen verbrauchen, sagt auch Ilka Petersen vom WWF: „Ja, der Unterschied in dem Ertrag pro Hektar ist schon sehr groß. Also die Ölpalme kann so im globalen Durchschnitt 3,5 bis vier Tonnen pro Hektar erlangen. Raps liegt weit darunter. Selbst der deutsche Raps, der ein bisschen höher ist, hat etwas mehr als eine Tonne pro Hektar. Das heißt, ich habe eine dreimal höhere Ergiebigkeit und verbrauche natürlich weitaus weniger Fläche.“

Auch Alternativen, wie Kokosöl sind unter dem Aspekt Ergiebigkeit und Nachhaltigkeit kritisch zu betrachten. Kokosöl hat sicher ein viel besseres Image beim Verbraucher, aber letztlich „kann ich eigentlich fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass da die gleichen Umweltsauereien bei der Erzeugung dieses Kokosöls, aber dann mit einer Pflanze, die den geringeren Ertrag hat. Also das ist dann eigentlich schlechte“, sagt Nachhaltigkeitsexpertin Schickling.

Die Industrie erforscht zwar Alternativen zum Palmöl, aber bis es soweit ist dürften noch Jahre vergehen: So gibt es bereits erste Studien zur Nutzung des Kerns der Mango aus Produktionsabfällen. Dem Mangokern wird beispielsweise eine besondere Fettsäurezusammensetzung zugesprochen. Das Fett der Samen findet bislang nur wenig Verwendung in der Kosmetikindustrie. Auch die Uni Hohenheim in Stuttgart forscht daran, eine umweltfreundliche Öl-Alternative für Lebensmittel zu finden. Dafür bietet sich die südamerikanische Palme Acrocomia an. Sie wächst nicht nur entlang des Äquators, sondern auch in trockeneren Gebieten. Ihrem Anbau müsste also kein Regenwald zum Opfer fallen. Außerdem scheint Acrocomia-Öl gesundheitlich wertiger zu sein als Palmöl. Allerdings ist Acrocomia-Öl weniger geschmacksneutral und ist auch nicht so lange haltbar wie Palmöl. Auch der Ertrag der Acrocomia-Palme kann zudem noch nicht mit der Ölpalme mithalten. Gezieltes Züchten könnte das irgendwann verbessern.

Quellen:

Katarina Schickling: „Der Konsumkompass. Was Sie wirklich über Plastikverpackungen, Neuseelandäpfel & Co. wissen müssen - Gut und nachhaltig leben muss nicht kompliziert sein.“ Mosaik Verlag ISBN: 3442178665

http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/faszination-wissen/palmoel-umwelt-terstoerung-100.html

https://world-news-monitor.de/klima/2020/05/20/universitaet-goettingen-verbot-von-palmoel-ist-keine-nachhaltige-loesung/

https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/produkte-aus-der-landwirtschaft/palmoel/artenvielfalt-bringt-hoehere-ertraege/

https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/greenpeace-analyse-immer-noch-palmol-aus-regenwaldzerstorung-globalen?match=p&gclid=CKH_tsr_yNECFaIW0wod2BYCqA

http://www.br.de/nachrichten/nutella-palmoel-ferrero-100.html

https://www.forumpalmoel.org/imglib/Palmoelstudie%202017_Meo_FONAP_ho.pdf

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