Bayern 1 - Experten-Tipps


30

Feuchtpapier und Co. Zerstört unser Klopapier den Regenwald?

93 Rollen Klopapier verbraucht jeder Deutsche im Jahr - Kaufkriterien sind vor allem die Anzahl der Lagen und der Preis. Ob es Recyclingpapier ist, steht erst an dritter Stelle, dabei sind die Vorteile für die Umwelt immens ...

Stand: 17.10.2017

Umweltkommissar über Klopapier | Bild: BR/colourbox

Feuchte Toilettentücher sind ein Problem!

Kein Markt im Deutschen Einzelhandelt wächst derzeit so rasant, wie der für Hygienepapiere. Ob Küchenrollen, Taschentücher oder Toilettenpapier: Laut Fachblatt  Lebensmittelzeitung, investieren die Deutschen um die 2,7 Milliarden Euro allein im Jahr 2016. Tendenz steigend.

Laut GFK-Marktforschern in Nürnberg, verbrauchen wir hierzulande 93 Rollen Klopapier pro Jahr. Umgerechnet  sind das sechs bis 700 000 Tonnen, die direkt wieder in der Toilette runtergespült werden. 

Diese nackten Zahlen sind, unter Umweltgesichtspunkten, um so fataler, stammt noch nicht mal die Hälfte der Hygienetücher ist aus recyceltem Altpapier. Heißt: Wie verbrauchen hierzulande nicht nur einmalig frischen Zellstoff, sondern auch immer mehr davon. Erklärungsversuche von Matthias Zeuner-Hanning, Umweltexperte der Verbraucherzentrale Bayern: „Wir wissen von Herstellern, die feststellen, dass viele Verbraucher höherer Komfortansprüche haben und dann eher, zum Beispiel beim Toilettenpapier, zu mehrlagigen Produkten greifen, die dann natürlich ein höheres Gewicht haben.“

Weich und weiß soll es sein.

Die Wahl des Klopapiers wird in erster Linie von der Anzahl der Lagen und dem Preis bestimmt.

Weich und weiß! Und natürlich günstig! Das sind die wesentlichen Punkte bei der Kaufentscheidung für Hygienetücher und vor allem bei Toilettenpapier. Hier spielen vor allem die Lagen und der Preis, dann erst die Umwelt eine Rolle. Mittlerweile ist zwar selbst recyceltes Toilettenpapier meist weiß und nicht mehr grau, aber die Vorurteile sind in den Köpfen. So richtig wird der Qualität dann offenbar doch nicht vertraut.

Angelika Krumm von der Umweltorganisation Robin Wood in Schwedt an der Oder ist sich aber sicher, dass die meisten Verbraucher gar keinen Unterschied zwischen Frischfaser- und Recycling-Toilettenpapier feststellen können. Sie macht regelmäßig Blindtests mit Erwachsenen und Kindern. „Die Ergebnisse zeigen das, und sie sind oft sehr erstaunt da drüber, dass sie sich, wenn sie nur nach dem Auge gekauft hätten, dass sie mit Sicherheit Primärfasern benutzt hätten. Das teste ich richtig aus und das ist für mich ein starkes Zeichen, dass man sich nicht eben auf den Verstand verlassen soll, sondern auf sein Gefühl.“

Klopapier aus Regenwald-Holz?

In Deutschland werden 80 Prozent des frischen Holzzellstoffs, der auch für Hygienetücher eingesetzt wird, importiert. Über die Hälfte davon stammt mittlerweile aus Südamerika. Vor allem aus Brasilien und damit hauptsächlich von Eukalyptusplantagen, auf denen früher mal Regenwald stand. Aber auch Uruguay und Chile sind als Importeure im Kommen.

Entsprechend schlecht, fällt – laut Andreas Detzel, vom Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg – auch die Ökobilanz aus, wenn kein recyceltes Toilettenpapier benutzt wird. "Diese Zellulose da rauszulösen (a.d.R. aus dem Holz), ist erstmal ein großer Energieaufwand. Dann muss ich im zweiten Schritt diese Fasern auch noch bleichen. Und das ist der zweite große Schritt, für den ich auch nochmal erhebliche Mengen Energie aufwenden muss. Und das ist natürlich beim Altpapier, auch da verbrauche ich Energie, aber doch erheblich weniger als bei der Frischfaserherstellung.“

Problemfall Feuchttücher

Seit ein paar Jahren zeichnet sich auch ein höherer Absatz von feuchten Toilettenpapieren ab. Zusätzliches, feuchtes Klopapier aus Vliesstoffen. Neben den Eigenmarken der Drogeriemärkte und dem Marktführer "Cottonelle", drängt auch auch der ehemalige Platzhirsch "Hakle feucht" wieder in die Regale. Aber auch anderen Hygieneartikelhersteller wie "Tempo" oder "Zewa" haben eigene Produkte in diesem Segment herausgebracht.

In der Kanalisation, wenn sie im WC heruntergespült werden, verursachen diese Tücher aber Probleme. Viele Abwasserbetriebe in Bayern klagen bereits über die "Feuchttuch-Plage". Während die Landeshauptstadt München in dieser Hinsicht keine Störungen vermeldet, häufen sich allein in den letzten zwölf Monaten

Feuchttücher blockieren die Pumpkraftwerke der Wasserbetriebe.

  • Unterfranken. Lohr am Main im Lkrs. Main-Spessart: Hier musste an der Sendelbacher Mainlände eine Pumpe ausgebaut werden. Feuchttücher hatten sich im August 2017 so verknäult, dass die Pumpe blockiert wurde.
  • Mittelfranken: Stein im Lkrs. Fürth: Auch hier kommt es immer wieder zu Verstopfungen. Bei einer Anhörung im Rathaus wird errechnet, dass die Pumpe wegen der Zunahme der Feuchttücher nachgerüstet werden muss, was  mindestens  350.000 Euro kosten dürfte.
  • Oberbayern. Mittenwald Lkrs Garmisch-Partenkirchen: Im Märze führen Tücher in der Abwasser-Pumpstation beim Gerber zu einer Verstopfung.

Keine Frage auch Windeln, Kosmetiktücher und sogar Strumpfhosen werden in der Toilette heruntergespült und landen dann in der Kläranlage, statt in der Restmülltonne oder im Gelben Sack. Und: Desto mehr Pumpwerke ein Gemeinde hat, desto höher ist natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Pumpwerke auch verstopfen können.

Aber immer häufiger  blockieren diese Hochleistungsgeräte, obwohl sie eigentlich stark genug wären, um mehrere Badewannen voller Schmutzwasser pro Sekunde zu verarbeiten. In der Kanalisation verzwirbeln und verklumpen die Feuchttücher und geraten teils zu langen Strängen, die so dick werden wie ein Oberschenkel. Eine Umfrage unter Abwasser-Verbänden im Nordwesten und Osten Deutschlands zeigt demzufolge: Mehr als 80 Prozent der Abwasserentsorger beklagen zunehmend „Faserstoffprobleme“. Feuchttücher als Pumpenkiller. Die Produktion von Vliesstoffen in Europa hat sich in den letzten 25 Jahren schließlich verdreifacht. Durch Verstopfungen oder lahmgelegte Pumpwerke entstehen jedes Jahr Schäden in Millionenhöhe an unseren Abwassersystemen.

Löslich oder nicht löslich – eine Frage der Zeit

Feuchttücher bestehen meist aus synthetischen Materialien, die sich eigentlich im Wasser nicht gut zersetzen. Zudem sind sie getränkt mit Pflege- oder Reinigungslösungen und dadurch auf eine gewisse Art imprägniert. Auf den Verpackungen der feuchten Toilettenpapier- oder WC-Desinfektionstüchern steht meist „spülbar“ oder sogar „biologisch abbaubar“ darauf, aber eben mit dem klaren Symbol, dass es in der Toilette entsorgt werden kann.

In der Industrie gibt es zwar vermehrt Tests und Entwicklungen was die Spülbarkeit ("Flushability") angeht, allerdings fehlt bis heute eine gesetzliche Vorgabe, die eine zeitlich festgesetzte Löslichkeit allen Herstellern abnötigt. Der Faktor Zeit spielt nämlich eine große Rolle. Zwar lösen sich tatsächlich einige Produkte in Wasser sehr gut auf, in der Praxis jedoch zu langsam für den Weg durch die Kanalisation, von der Toilette bis zum Klärwerk.

Die Sendung „Markt" des NDR-Fernsehen hat beispielsweise 2016 am Institut für Angewandte Bauforschung in Weimar testen lassen, wie schnell sich feuchtes Toilettenpapier zersetzt. Während sich die Tücher vom Marktführer „Cottonelle“ innerhalb von drei Stunden auflösten, blieben die Tücher von der Rossmann-Eigenmarke „Alouette“ unverändert.

Ein ähnlicher Test der WDR-Ratgebersendung „Der Haushaltscheck mit Yvonne Willicks“ kam 2017, am Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft in Aachen, zu einem ähnlichen, aber insgesamt weniger guten Ergebnis. Die Verhältnisse im Abwasserkanal ließen sich dort sehr genau simulieren und feuchte Toilettentücher zehn verschiedener Hersteller, wurden 24 Stunden lang, insgesamt sieben Tage im Wasser gelassen. Ergebnis: Nur zwei feuchte Toilettenpapiere hatten sich nach sieben Tagen komplett aufgelöst. Lediglich die Marken „ZEWA“ und „Tempo“ schafften es hier in 24 Stunden, alle anderen Feuchttücher waren zumindest teilweise oder auch noch vollständig intakt.  Im Abwasser braucht feuchtes Toilettenpapier aber in der Regel maximal 9 Stunden, bis es in der Kläranlage landet.

Hersteller vs. Abwassermeister

Seit drei, vier Jahren beobachtet auch Abwassermeister Markus Pöllinger, von der Hemauer Kläranlage bei Klapfenberg in der Oberpfalz, dass diese Feuchttücher echte Pumpenkiller sind. Abhängig von Jahreszeit und Witterung: „Kommt mehr Regen, haben wir eine lange Trockenperiode gehabt, sagt Pöllinger, „dann lagern sich viele Feuchttücher im Kanal ab.  Und kommt dann ein Spülstoß, können mehrere Pumpen, in unterschiedlichen Pumpanlagen dementsprechend auf Störung gehen.“

Den Verbrauchern ist das oft nicht klar. Schließlich steht auf der Feuchttücher-Verpackung drauf, dass sie sich über kurz oder lang auslösen werden. Die Erfahrung hat Markus Pöllinger von der Kläranlage Hemau etwas Anderes gelehrt: „Das ist mit Sicherheit nicht der Fall. Diese Feuchttücher kommen direkt bei uns an. Da löst sich gar nichts auf. Es müsste eben, aus unserer Sicht, der Hersteller ein Symbol draufmachen, mit einem kräftigen Pfeil, dass die Bevölkerung darauf hingewiesen wird, dass das in die Restmülltonne gehört und somit wäre uns sehr geholfen und die Problematik mit Störungen um Etliches minimiert.“

Davon wollen die Hersteller freilich nichts wissen. Die Firma Hakle aus Düsseldorf, die vor 40 Jahren das erste feuchte Toilettenpapier auf den Markt gebracht hat, verweist – auf Anfrage – zunächst darauf, dass es gar keine gesetzlichen Vorgaben in Deutschland bezüglich der Auflösung von Feuchttüchern gibt, was stimmt. Weiter heißt es zum Produkt „Hakle Feucht“: „Hierbei ist die biologische Abbaubarkeit und schnelle Auflösungsfähigkeit ein ganz wesentliches Qualitätsmerkmal. Aus diesem Grund haben wir uns mit Hydraspun® Plus für ein Trägermaterial entschieden, was aktuell über eine der besten Auflösungsmöglichkeiten verfügt“. Vielmehr zieht Hakle ein belgisches Gesetz aus dem Jahr 2015 heran, das bezüglich der Abspülbarkeit von Toilettenpapieren erlassen wurde. „Wird auf das belgische Gesetz als Grundlage zurückgegriffen, erfüllt Hakle Feucht alle Vorgaben und ist für die Abspülbarkeit geeignet.“, sagt Hersteller Hakle.

Hakle wie auch der US-Konzern Kimberley-Clark, einer der weltweit führenden Hygieneartikelhersteller, verweisen außerdem auf eine Untersuchung des globalen Branchenverbands: Danach sind vor allem Haushaltstücher, Tampons und Binden für die Verstopfungen in den Kanalsystemen verantwortlich. Kimberley-Clark verweist zudem auf interne Tests und Weiterentwicklungen, die die Auflösung ihrer Marke „Cottonelle“ unter Beweis stellten: „Wir stehen zu unseren Aussagen, was die Spülbarkeit angeht. Richtig angewendet, verstopfen „Cottonelle Feuchte Toilettentücher“ keine ordnungsgemäß gepflegte Abwasserkanäle.“

Welche Feuchttücher von welchem Hersteller nun genau seine ordnungsgemäß gepflegten Pumpen verstopfen, weiß Markus Pöllinger natürlich nicht, aber teuer wird es so oder so. Und zwar nicht nur für die jeweilige, betroffene Gemeinde: „Da muss man rausfahren. Dann muss man das zerlegen. Diese Verstopfungen befreien,“, zählt Pöllinger auf, „dann braucht man oft ein Spülfahrzeug. Ein Saugfahrzeug. Das sind alles Kosten, die sich eben summieren und im Endeffekt muss es der Verbraucher wieder bezahlen. Weil diese Kosten werden dann auf die Abwassergebühr umgelegt. Und ich glaube das ist in jedem Interesse, dass man nicht unbedingt freiwillig mehr zahlt, wenn man’s eigentlich so leicht in den Griff bekommen kann und die Feuchttücher in die Restmülltonne wirft.“

Abonnieren Sie den Umweltkommissar als Podcast - entweder hier in unserem Podcast Center oder direkt für iOs-Nutzer im iTunes-Store.

Quellen:

http://www.lebensmittelzeitung.net/industrie/Tissue-Markt-SCA-waechst-mit-seinen-Marken-126965?crefresh=1#
DPA, vom 20. Juli 2017: „Völlig von der Rolle: Klopapier in bunt oder mit Flamingo.“
http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-land/gemeinden/woerth/feuchttuecher-verstopfen-den-kanal-21412-art1466734.html
http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-land/gemeinden/hemau/feuchttuecher-verstopfen-hemauer-kanal-21387-art1519937.html
http://www.wwt-online.de/sites/default/files/fachartikel/wwt0816-sp-wilo-huebner.pdf
http://www.main-echo.de/regional/kreis-main-spessart/art3993,5030169
http://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Wie-Feuchttuecher-die-Kanalisation-verstopfen,klopapier102.html


30