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50 Jahre Tatort - 30 Jahre Batic und Leitmayr Interview mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec und Ferdinand Hofer

Stand: 27.10.2020

Die beiden Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, rechts) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, Mitte) mit ihrem Kollegen Kriminalkommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), | Bild: BR/WDR/X Filme Creative Pool GmbH/Hagen Keller

FRAGEN AN UDO WACHTVEITL / MIROSLAV NEMEC

Der Tatort wird 50 und Sie sind seit bald 30 Jahren (seit Januar 1991) dabei. Wenn Sie zurück in den Spiegel schauen, wie sehen Sie sich als junge Ermittler? Was für ein Mensch war der junge Franz Leitmayr / Ivo Batic damals?

Miroslav Nemec: Emotional, aufbrausend, draufgängerisch.

Udo Wachtveitl: Die ersten paar Folgen hat man hier und da schon ein bisserl gepumpt, um die Kommissarsjacke auszufüllen.

Und wo steht er heute?

Udo Wachtveitl: Auf jeden Fall nicht vor dem Spiegel. Aber das mit beiden Beinen. Und die Jacke sitzt.

Miroslav Nemec: Um es mit Paul Simon zu sagen: "Still crazy after all these years"!


Wie hat sich das Verhältnis zum Kollegen Batic / Leitmayr über die Jahre entwickelt?

MN: Die Kommunikation über Blicke und kleine Gesten hat sich verfeinert.
UW: Es ist selbstverständlicher geworden. Wenn wir uns hackeln, wie man auf Bayerisch sagt, dann geschieht das auf Grundlage der vielen gemeinsamen erlebnisreichen Jahre.

Was haben Sie Ihrem Leitmayr / Batic über die Jahre mitgegeben?

MN: Die persönliche Entwicklung des Miroslav Nemec.
UW: Die Haarfarbe schon mal. Ach ja, und einen Hang, das Leben immer wieder neu zu sehen, nie in nur einer Stimmung zu versinken.

Verschwimmen für Sie selbst manchmal die Grenzen zwischen Udo und Franz und Ivo und Miro?

UW: Ich gehe immer wieder durch mein Viertel und schaue, ob nicht irgendwo eine Leiche herumliegt. Passiert selten, ich komme also durchaus noch zum Einkaufen.
MN: Nein, es bleibt eine Rolle, auch wenn wir manchmal die eigenen Befindlichkeiten zwischen Udo und Miro in Spielszenen mit einbeziehen.

Die Doppelfolge wurde von Dominik Graf und Pia Strietmann gemeinsam inszeniert. Gibt es etwas, das die Arbeitsweise der beiden unterscheidet?

UW: Eigentlich verbindet die beiden mehr als sie trennt: Liebe zum Medium, Uneitelkeit, Durchhaltevermögen, persönliche Zugänglichkeit und Sinn für Humor.


MN: Bei Dominik war die Kenntnis der Arbeitsweise, die Zuneigung und der Respekt auf beiden Seiten schon vorhanden, nachdem wir ja bereits zwei Tatorte erfolgreich miteinander bestritten hatten. Mit Pia haben wir uns diese wichtigen Voraussetzungen während der Dreharbeiten zu „Unklare Lage“ gemeinsam aufgebaut und sie dann bei „In der Familie“ weiterentwickelt.

Wie fühlt es sich an, seit 30 Jahren auf Ermittlerseite zu stehen?

MN: Wir sind eben „Die Guten“.
UW: Ermittler zu sein ist auf jeden Fall der sicherere Job. Das ist ein Kriterium, es gibt noch andere. Die Täter verschwinden ja nach ihrem Auftritt alle im Bunker, bei unserer Aufklärungsquote.

Hat es Sie manchmal gereizt, stattdessen einen der Täter zu spielen?

UW: Es gibt so einige Gestalten, da könnt ich mich schon hinreißen lassen. Im Ernst: Die Täter dürfen schon manchmal mehr in die Extreme gehen, klar. Unsere Aufgabe besteht darin, keine Abfrageautomaten zu sein, die in Routine erstarrt sind.
MN: Natürlich hätte es mich manchmal gereizt den Täter zu spielen, wie früher schon öfter getan. Für einen Schauspieler ist der Täter meist eine vielschichtige Figur und daher auch interessant zu gestalten. Am Theater zum Beispiel „Richard der Dritte „ von Shakespeare.

Wen hätten Sie gern gespielt?

MN: In unseren Tatorten wäre es vielleicht der Gegenspieler aus „Die letzte Wiesn“, „Der Tod ist unser ganzes Leben“ oder „Ein mörderisches Märchen“ gewesen.


UW: Irgendeinen Bösewicht in einem James Bond Film. Schon wegen der exotischen Drehorte, wir bewegen uns ja hauptsächlich im Münchner S-Bahn- Bereich. Aber nur, wenn Woody Allen Regie gemacht hätte.

Auf welche Folge schauen Sie noch heute mit besonderer Freude zurück?

UW: Im freien Fall, Norbert, Frau Bu lacht … aber da gibt es noch mehr.
MN: Auf viele Folgen, da treffe ich keine Auswahl.

Welche Dreharbeiten blieben unvergesslich und warum?

MN: Aus den letzten Jahren vielleicht "Der Tod ist unser ganzes Leben", denn die Dreharbeiten waren staubig, kalt, blutig und anstrengend und das Ergebnis: sehr gut!

UW: Ich stimme den Ausführungen meines Vorredners vollinhaltlich zu, mit einer Ergänzung: "Im freien Fall", wegen der tragisch-schönen Liebesgeschichte für Leitmayr. Da war das Ergebnis auch sehr gut, die Dreharbeiten ein bisserl angenehmer. Das weiche, warme Bett gewinnt gegen den kalten, dreckigen Fabrikboden.

Wie steht Leitmayr / Batic zum Kollegen Hammermann, der im Tatort „Am Ende des Flurs“ die Phase wechselnder Assistenten seit dem Fortgang von Carlo erfolgreich beendet hat?

UW: Der Kalli hat das Zeug zum Hauptkommissar.

MN: Kumpelhaft und mit Humor.




Sie haben mal gesungen: "Der Münchner und der Kroater: Auf dass wir geh'n noch lang, auf Verbrecherfang – wenn's sein muss, auch mit dem Rollator!" Wann würden Sie Leitmayr und Batic aus heutiger Sicht in Rente schicken?

MN: Wenn der Rollator elektrisch betrieben und zu schnell wird.

UW: Wenn das Publikum uns nicht mehr sehen kann, auch schon früher.



Welche Frage wollten Sie schon immer mal gestellt bekommen haben?

MN: "Was machen Sie am Montagabend?"

UW: "Was machen Sie nächsten Sommer?, wenn die Anfrage aus New York kommt. Da leben nämlich die Coen Brüder, die einen meiner Lieblingsfilme gemacht haben, 'Fargo'."

FRAGEN AN FERDINAND HOFER

Seit 2014 sind Sie als Kommissar Kalli Hammermann festes Teammitglied beim Tatort München. Wie konnte Kalli sich diesen beiden alteingesessenen Ermittlern gegenüber behaupten, wie hat sich das "Hierarchiegefüge" verändert im Laufe der Zeit? Gibt's mittlerweile eine Form gemeinsamen Ermittelns auf Augenhöhe?

Naja, also die Grundlage dafür, dass sich Kalli überhaupt behaupten konnte, war zum einen, denke ich, die Offenheit von Udo und Miro und zum anderen aber eben auch der Mut der Redakteurin Stephanie Heckner, einen solchen Jungspund ins Team aufzunehmen. Und dann könnte ich mir vorstellen, dass über die Zeit zwei weitere Faktoren mit dazu beigetragen haben. Das ist erstens der Kontrast eines erfahrenen Ermittlerduos zu einem jungen Teammitglied, das noch etwas grün hinter den Ohren war. Und dieser Kontrast hat das Ganze vielleicht etwas aufgelockert. Dazu kommt dann die Ebene des Humors. Ich bin davon überzeugt, dass die Zusammenarbeit eben deshalb so gut funktioniert, weil fast in jeder Folge der Humor eine nicht ganz unbedeutende Rolle in dieser Dreierkonstellation spielt.

Über die Jahre hat sich die gefühlte Hierarchie definitiv abgeflacht. Das sieht man ja alleine daran, dass Kalli durchaus mit mehr Verantwortung betraut wird. Wobei ich persönlich finde, dass die beiden in dieser Konstellation noch nie auf Kalli herabgeblickt haben. Und ja, deshalb gibt es definitiv eine Form des gemeinsamen Ermittelns auf Augenhöhe. Ich finde, die drei begegnen sich mit Respekt und Wertschätzung füreinander. Natürlich wird das ein oder andere Mal die Karte des Vorgesetzten ausgespielt, allerdings meist mit einem zwinkernden Auge. Wäre ja langweilig, wenn nicht!

Was bedeutet es für Sie als sehr junges Tatort-Teammitglied, den 50. Geburtstag dieses erfolgreichen Formats mitzubestreiten?

Na, ich würde mal sagen das ist zumindest der erste 50. Geburtstag in meinem Leben an dem ich in irgendeiner Hinsicht aktiv mitwirke. Meiner kommt dann in 23 Jahren. Aber Spaß beiseite: Ich schätze es natürlich sehr, Teil eines solch alteingesessenen und erfolgreichen Formats zu sein. Aber trotzdem müssen wir auch in die Zukunft blicken! Wir müssen weiter mit Ehrgeiz und Passion unterhaltsame und relevante Geschichten erzählen. Denn der 50. Geburtstag ist für mich nur der Halbzeit-Pfiff auf dem Weg zum 100. Geburtstag.

Wann haben Sie zum ersten Mal „Tatort“ geschaut? Können Sie sich noch an den Fall /das Team bzw. den Kommissar erinnern?

Ich kann mich definitiv noch an den Kommissar erinnern, den ich zum ersten Mal gesehen habe. Das war Gustl Bayrhammer. Und den kannte ich aber damals nur als Meister Eder und nicht als Kommissar Veigl. Und ich glaube, das erste Mal bewusst Tatort geguckt habe ich zur Vorbereitung auf das Casting von Kalli damals. Und das war eine Folge von Batic und Leitmayr. Diese Frage enttarnt jetzt aber leider auch meine „Tatort-Vergangenheit“. Ich bin tatsächlich erst richtig mit der Rolle „Kalli“ mit dem Format „Tatort“ in Berührung gekommen.

Schauen Sie privat "Tatort"? Und wie?

Jein. Also ich schaue alles andere als regelmäßig. Aber wenn mir ein Tatort empfohlen wird, schaue ich den natürlich auch an und dann eigentlich immer in der Mediathek.

Wieso ist der "Tatort" weit(er)hin so beliebt?

FH: Ich glaube, weil der Tatort bei vielen Zuschauern einfach ein fester Bestandteil der Woche ist. Er ist ein schöner Abschluss der Woche und zusätzlich auch das Thema, welches man vielleicht mit Freunden zum Start in die neue Woche diskutiert.

Was muss der "Tatort" tun, um 50 weitere Jahre spannend zu bleiben?

FH: Dadurch, dass lineares Fernsehen vor großen Herausforderungen steht, muss das Format „Tatort“ definitiv weiterhin so spannende, relevante und unterhaltsame Geschichten erzählen, damit die Leute auch gerne über die Mediathek den Tatort schauen. Das ist bestimmt eine große Herausforderung, um in 50 Jahren dann auch den 100. Geburtstag feiern zu können. Aber ich sehe es positiv und nehme es als Anreiz, hoffentlich auch weiterhin dazu beitragen zu können, dass noch spannendere Geschichten im Tatort-Format erzählt werden.

Was bedeutet der "Tatort" für Sie – gestern und heute?

FH: Spaß bei der Arbeit.

Was macht die Doppelfolge inhaltlich besonders?

FH: Naja, ich denke das dominierende Thema ist schon, dass Team-übergreifend ermittelt wird. Das finde ich tatsächlich sehr spannend und unterhaltsam. Und bestimmt ist diese Doppelfolge auch besonders auf Grund der internationalen Besetzung und der italienischen Sprache.

Wie stehen Leitmayr und Batic nach den gemeinsamen Erlebnissen im Fall „In der Familie“ zum Kollegen Faber? Welcher Eindruck bleibt zurück?

FH: Ich frage sie, wenn ich sie das nächste Mal sehe. ;-)


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