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Lohengrin unter Motten: Auftakt der Bayreuther Festspiele | BR24

© dpa

Festspielhaus Bayreuth

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    Lohengrin unter Motten: Auftakt der Bayreuther Festspiele

    Dirigent Christian Thielemann ist jetzt Rekordhalter, Ausstatter Neo Rauch ließ sich von Delfter Kacheln zum "Blaustich" inspirieren, der kalifornische Regisseur Yuval Sharon will aus Bayreuth kein "Disneyland" machen. Von Peter Jungblut

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    Das muss ihm erst mal einer nachmachen: Christian Thielemann wird heute Abend, nach der „Lohengrin“-Premiere, tatsächlich alle zehn Wagner-Opern dirigiert haben, die in Bayreuth auf dem Spielplan stehen. Das schaffte bisher nur einer, Felix Mottl, und der ist seit mehr als 100 Jahren tot. Kein Wunder, dass der nicht gerade bescheidene Thielemann zufrieden in sich hineinlächelt.

    "Das ist ja eigentlich keine Rekordzählerei. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir das nie vorgestellt, als ich hier angefangen habe, dass man irgendwann zu sich sagt, man „ist durch“. Aber das ist schon ein Erlebnis zu sagen, jetzt bist du einmal hier in diesem Haus durch. Das hat mich selbst gewundert, ja, das merke ich jetzt." Christian Thielemann

    Taubenblau, schwarzblau, meerblau

    Wundern wird sich auch das Premierenpublikum heute Abend, darunter natürlich wieder einige Prominente, allerdings immer weniger Stars aus der Showbranche. Dieser „Lohengrin“ wird nämlich ausgesprochen „blaustichig“. Taubenblau, schwarzblau, meerblau, himmelblau. Ausstatter Neo Rauch, im Hauptberuf international erfolgreicher Maler in Leipzig, verlegt die Handlung ins reiche Holland des 17. Jahrhunderts.

    "Das war eine Eingebung, die mir angesichts eines Delfter Porzellantellers kam. Und aus dieser Situation heraus hat sich dann das ganze Geschehen entwickelt, und das hat die Bilder evoziert, diese Bläue, die letztendlich auf der Bühne zur Geltung kommen. Das ist einfach schön zu erleben, wie Musik unterschwellig wirkt und wie sie Farben heraufbeschwört." Neo Rauch

    "Novize der Bühnenausstattung"

    Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy entwarfen zum ersten Mal ein Bühnenbild, und das dürfte in Erinnerung bleiben. Zu sehen sind ein stillgelegtes E-Werk, Strommasten, eine Trafostation und ein weiter Himmel über einer poetischen Sumpflandschaft, in der Lohengrin als Elektriker unterwegs ist.

    "Ich als Novize der Bühnenausstattung finde natürlich, dass das Theater auch eine Traumwelt transportieren sollte. Es sollte uns entrücken in eine parallele Sphäre hineinziehen, in der die Nachwirkungen des Tagesschau-Erlebens vielleicht verebben und in der ein Wundheilungsprozess stattfinden kann, der eigentlich dringend notwendig ist." Neo Rauch

    "Gestisch und innerlich ganz anders"

    Verwirrung dürften allerlei mottenähnliche Insekten und Entenvögel auslösen, die bei Neo Rauch die holländische Wasserwelt bevölkern. Verblüffen wird die riesige, frei geräumte Bühnenfläche, die Dirigent Christian Thielemann optisch und akustisch für vorzüglich hält.

    "Ich habe den Lohengrin am meisten von allen Wagner-Opern dirigiert, lustiger Weise ist es sie die letzte von denen, die ich in Bayreuth mache. Und ich habe jetzt die ganze Zeit das Gefühl, ich mache den rein gestisch und auch innerlich ganz anders, und das hat eben auch mit diesem Bild zu tun, was ich da sehe. Sie reagieren ja vom Pult schon darauf, auf die Bilder. Wenn ich einen Autobahn-Abschnitt mit Bogenlampen sehen würde, und dann würde es da spielen, dann würde ich sicher anders, und härter dirigieren. Ich entdecke in diesem Jahr hier Dinge, die ich noch nie im Lohengrin entdeckt habe." Christian Thielemann

    Geht der Vorhang auf?

    Anders als in den Vorjahren soll die Zusammenarbeit im Produktionsteam diesmal harmonisch gewesen sein, auch wenn es bis heute Nachmittag spannend bleibt, ob sich der Vorhang bereits zum Vorspiel öffnet oder nicht. Regisseur Yuval Sharon aus Los Angeles und Neo Rauch möchten gern eine blaue Projektion zeigen, Thielemann hält einen geschlossenen Vorhang für akustisch sinnvoller. Aufregen dürfte die Inszenierung diesmal niemanden, der junge Regisseur aus Kalifornien setzt eher auf märchenhafte Effekte.

    "Wir arbeiten nicht mit dem Zeigefinger. Wir lassen Träume sich entwickeln, entstehen während der gesamten Aufführung, dass es nicht so in eine Richtung läuft, sondern manchmal im surrealen Stil, manchmal im Schwebezustand, wo man Realität und Traum nicht mehr so richtig auseinander halten kann." Yuval Sharon

    Augenzwinkernd sagte Sharon, er wolle aus Bayreuth kein „Disneyland“ wie bei sich zuhause machen, sondern eine „Utopie“. Die Neo Rauch-Fans werden heute Nachmittag in Bayreuth auf ihre Kosten kommen, was die Wagner-Fans dazu sagen, wird sich vermutlich wieder sehr schnell herumsprechen. 


    Live-Übertragung ab 16:00 Uhr im Video-Livestream auf BR-KLASSIK.DE und im Hörfunk in BR-KLASSIK. Im Fernsehen am Samstag, 28.7.2018 um 20:15 Uhr in 3sat.