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Altstadt von Nablus

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Tourismusboom im Westjordanland

Vor Kurzem überraschte die Tourismusorganisation der UN mit einer Meldung: Den höchsten Zuwachs bei den Besucherzahlen verzeichneten 2017 bisher die palästinensischen Gebiete. Doch an zahlreichen Städten geht der Boom fast komplett vorbei.

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Von
  • Benjamin Hammer

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Eine chinesische Reiseführerin führt ihre Gruppe in die Geburtskirche in Bethlehem. So niedrig ist der Eingang, dass sich die Touristen aus China bücken müssen, um durchzugehen. Touristen aus China im Geburtsort Jesu im Westjordanland: Vor zehn Jahren war das noch sehr selten. Heute gehören die Reisegruppen zum Stadtbild. In Bethlehem soll es bald Chinesischkurse geben, damit sich die Palästinenser noch besser auf ihre neuen Gäste einstellen können. Bethlehem gehört zu den Hauptprofiteuren eines wahren Tourismusbooms im palästinensischen Westjordanland. Das merkt auch Kamal Mukarker. Der Palästinenser hat in Deutschland studiert und arbeitet seit neun Jahren als Reiseleiter.

"Ich habe in den vergangenen zehn Jahren viel erlebt. Ich dachte mehrmals: Ich will mein Land verlassen. Aber glücklicherweise ist es ruhiger und friedlicher geworden. Und nun sehen wir, dass die Touristen uns und unser Land besser kennenlernen wollen. Und das freut mich." Kamal Mukarker, Reiseleiter
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Reiseleiter Kamal Mukarker

Bethlehem nimmt in den palästinensischen Gebieten eine Sonderrolle ein: Es liegt ganz in der Nähe von Jerusalem und ist mit den Bussen von vielen Reiseunternehmen einfach erreichbar. "Israel ist unser Nachbarland und bisher war es so, dass viele Touristen nach Israel kamen und dabei auch schnell noch Bethlehem sehen wollten. Aber jetzt merkt man, dass die Touristen wirklich uns besuchen wollen. Das ist nicht wie vorher. Das sind nicht die Leute, die die Geburtskirche und vielleicht noch mal die Toilette besuchen und uns danach Auf Wiedersehen sagen", sagt Kamal Mukarker. Die Hotelpreise in Bethlehem seien nur halb so hoch wie in Israel. Der Reiseführer nennt weitere Zahlen für Bethlehem: 1,4 Millionen Besucher im ersten Halbjahr 2017, 600.000 Hotelübernachtungen. Ein Plus von fast 70 Prozent. Davon profitiere die ganze Stadt: Auf dem Markt sehe man deutlich, dass die Leute jetzt mehr Geld ausgeben könnten.

Bis nach Nablus kommt kaum ein Tourist

In der Altstadt von Nablus, einer Stadt im Norden des palästinensischen Westjordanlandes, zimmern Handwerker in einer Werkstatt in den schmalen Gassen Leitern und Schubladen. Nablus ist eine der ältesten Städte der Welt und würde wohl vielen Touristen gefallen. Einzig: Sie kommen kaum. Während der Recherchen in der Altstadt sehen wir keine einzige Touristengruppe. Abu Salim Titi hofft auf bessere Zeiten. Er ist der Geschäftsführer eines Hotels, das erst vor vier Monaten eröffnet hat. Das Chan Alwhakale befindet sich in einer alten Karawanserei. Die Auslastung liege bei 35 Prozent, sagt Abu Salim Titi. Der Anteil von Touristen aus Europa und den USA ist jedoch verschwindend gering: Er liegt bei nur fünf Prozent.

"Jerusalem und Bethlehem das sind zwei sehr historische Städte, die haben mehr Erfahrung. Nablus ist erst vor Kurzem in den Tourismussektor gestoßen. Wenn sich Nablus entwickelt, wird der gesamte Norden des Westjordanlandes profitieren. Aber schauen sie sich die Vororte von Nablus mal an: Da gibt es israelische Checkpoints und Schilder, die die Besucher warnen, dass sie für ihr Leben verantwortlich sind, wenn sie Nablus betreten." Abu Salam Titi, Geschäftsführer eines Hotels in Nablus
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Der Markt von Nablus wäre wohl für viele Touristen ein Erlebnis. Sie kommen allerdings eher selten in die Stadt im Norden des Westjordanlandes.

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Mindestens eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Bus – von Ramallah aus. Viele Reisende verzichten deswegen auf die Fahrt nach Nablus.

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In den engen Gassen der Altstadt sieht man fast ausschließlich Einheimische.

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Knafeh ist eine süße Spezialität mit Käse und viel Zucker aus Nablus.

Die israelische Besatzung des Westjordanlandes sorgt für große Probleme, so sehen es die Vertreter der palästinensischen Tourismusindustrie. Doch es könnte auch sein, dass sich viele Touristen schlicht nicht bis nach Nablus trauen. Das Auswärtige Amt schreibt, die Sicherheitslage in Nablus sei angespannt, Menschenansammlungen sollten gemieden werden.  Kamal Mukarker, der Reiseführer aus Bethlehem, hat auch schon Touren nach Nablus angeboten. Er will zeigen, dass sich die Touristen keine Sorgen machen müssen.

Tourismus mit den Israelis

"Palästinenser und Israelis respektieren die Touristen. Und man weiß, dass der Tourismus eine große Einkommensquelle ist. Zwanzig Prozent von unserer Wirtschaft hängen davon ab", erklärt Mukarker.  Sein Wunsch: Er will in Sachen Tourismus nicht gegen die, sondern mit den Israelis handeln. Nach unserem Gespräch muss der Reiseführer schnell los: Gleich wird er einer Gruppe von jüdischen Israelis einen Vorort von Bethlehem zeigen.