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Häuslebauer sind per Gesetz verpflichtet zum Teil auf erneuerbare Energien zu setzen, zum Beispiel auf Solarthermie. Doch immer wieder gehen Dächer in Flammen auf. Behörden, Hersteller, Fachleute wissen um die Probleme - nur viele Verbraucher nicht.

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Solarthermie: Brandgefahr mancher Anlagen unterschätzt

Häuslebauer sind per Gesetz verpflichtet zum Teil auf erneuerbare Energien zu setzen, zum Beispiel auf Solarthermie. Doch immer wieder gehen Dächer in Flammen auf. Behörden, Hersteller, Fachleute wissen um die Probleme - nur viele Verbraucher nicht.

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Von
  • Jens Kuhn
  • Adrian Dittrich

Klimafreundliche Energie ist in aller Munde: ein Beispiel Solarthermie. Mit ihrer Hilfe versorgen sich bereits Millionen deutsche Haushalte mit Warmwasser. In einigen Fällen bringen spezielle Solarthermieanlagen nicht nur das Wasser zum Kochen. Vor allem im Süden der Republik wurden teils brandgefährliche Anlagen verbaut.

Solaranlage entzündete sich selbst: Dachstuhl abgebrannt

Ismaning bei München. Der komplette Dachstuhl des Hauses der Familie Geserer-Weber-Thedy ist abgebrannt. Schuld ist nach aktuellem Stand der Ermittlungen die Solarthermieanlage auf dem Dach. Neuneinhalb Stunden dauerte der Einsatz. Mutter Birgit erinnert sich: "Eine Tochter war da und hat den Brand gottseidank entdeckt. Die Feuerwehr hat bestätigt, eine halbe Stunde später, dann wären wir vor einem Steinhaufen gestanden."

Brandermittler gehen bislang davon aus, dass sich die Solarthermieanlage selbst entzündet hat. Feuerwehrkommandant Werner Kastner, der den Einsatz damals im oberbayerischen Ismaning geleitet hat, sagt: "Wir haben das selber lange nicht geglaubt. Aber erst nach dem Entfernen der ganzen Module vom Dach haben wir eigentlich erst das Ausmaß gesehen und auf Grund von der Brandzehrung, wo man es auch auf den Balken sieht, sind wir auch zu dem Entschluss gekommen, das kann nur von der Anlage ausgegangen sein."

240.000 Indachanlagen in Deutschland

Immer wieder gibt es Meldungen über brennende Solarthermieanlagen. Und immer wieder spielt ein Anlagen-Typ dabei eine Rolle: die Indach-Variante mit Flachkollektoren und Holzrahmen. Dem BR-Politikmagazin Kontrovers liegt ein Brandgutachten des Landeskriminalamts vor. Darin steht, dass den Ermittlern mehrere Fälle einer Selbstentzündung bekannt sind. In Deutschland sind 2,4 Millionen Solarthermieanlagen verbaut. Die Hersteller schätzen, dass davon rund 240.000 Indachanlagen sind. Wie viele davon brandgefährlich sind, ist umstritten. Experten sprechen von einer hohen Dunkelziffer.

Solarkollektoren mit Holzrahmen

Brände wie in Ismaning können entstehen, weil manche Solarkollektoren unter ihrer Abdeckung in eine Holzfassung eingebettet sind. Durch Kupferröhren an der Unterseite des Kollektors wird eine kühle Flüssigkeit gepumpt, die am Kollektor erhitzt wird und den Warmwasserspeicher im Haus erwärmt. Wenn der Speicher warm genug ist, schaltet sich die Pumpe ab. Die kühle Flüssigkeit wird nicht mehr in die Röhren gepumpt. Sie werden immer heißer. Die Hitze überträgt sich von den Röhren auf die Holzkonstruktion. Die Entzündungstemperatur des Holzes sinkt dadurch nach und nach. Das Holz kann sich schließlich entzünden.

So funktioniert Solarthermie

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Nach dem Thermoskannen-Prinzip speichern solarthermische Anlagen die Sonnenenergie und können damit beispielsweise Wasser erhitzen.

Gutachter: Brandrisiko bei Indachanlagen

Ein Gutachter ist schließlich bereit, über das Problem mit Kontrovers zu sprechen. Wolfgang Niedermeyer analysiert:

"Potentiell stellt jede Indachanlage mit Flachkollektoren und Holzrahmen ein Brandrisiko dar." Wolfgang Niedermeyer, Gutachter

Ein solch grundsätzliches Brandrisiko wollen die Behörden sowie die Interessenverbände von Handwerk und Herstellern auf Anfrage nicht bestätigen. Nach BR-Informationen ist die Brandgefahr aber den Behörden bewusst. Das bestätigt auch Gutachter Niedermayer:

"Meines Wissens wurden die Behörden über diverse Brände von solchen Anlagen informiert." Wolfgang Niedermeyer, Gutachter

Und wie ging es weiter? Niedermayer bestätigt: "Soviel ich weiß, gibt es noch keinen offiziellen Rückruf. Vielleicht ist das Problem noch in Bearbeitung."

Folgenlose Warnung

Die Bearbeitung dauert demnach bereits Jahre. 2014 wurde das Problem spätestens bekannt. Zwei Jahre später informierten Gutachter die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Auf Anfrage des BR-Politikmagazins Kontrovers heißt es, die Bundesanstalt "hat diese Information zuständigkeitshalber an das Deutsche Institut für Bautechnik weitergeleitet". (Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin)

Wir fragen dort nach und erfahren, dass das Institut von einer solchen Information nichts weiß.

Und so hängt es wohl vor allem vom einzelnen Hersteller oder Handwerker ab, ob er warnt oder nicht. 2017 wurden zwar 50.000 Handwerksbetriebe gewarnt - allerdings nur vor dem Produkt eines einzigen Herstellers. Es sind aber verschiedene Hersteller betroffen.

Dazu kommt: Ob die damalige Warnung auch wirklich beim Endkunden, dem eigentlichen Anlagenbesitzer, angekommen ist, will niemand garantieren. Florian Geserer und die Besitzer vergleichbarer Anlagen betonen: Sie hätten nie eine Warnung bekommen.

Gesetzgeber und Hersteller gefragt

Gutachter Niedermayer sieht den Gesetzgeber und im Fall eines möglichen Konstruktionsfehlers vor allem die betroffenen Hersteller stärker in der Pflicht:

"Prinzipiell müssten eigentlich die Hersteller im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung ihrer Produkte selber feststellen, dass es Probleme gibt und diese müssten eigentlich das Produkt dann zurückrufen." Wolfgang Niedermeyer, Gutachter

Weder dem Herstellerverband noch den Behörden ist ein Rückruf aller möglicherweise betroffener Anlagen bekannt. Dabei sieht selbst ein Teil der Solarlobby Handlungsbedarf und empfiehlt, "jedem Eigenheimbesitzer…, sich aus Eigeninteresse mit der Thematik zu befassen". (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie)

Von Handwerkerseite heißt es aber, es "… erscheint eine Überprüfung weder für den Endkunden noch für eine andere Partei möglich." (Quelle: Zentralverband Sanitär, Heizung Klima)

Die Branche hält die Brandgefahr für so groß, dass sie an einer neuen Norm für Solarthermieanlagen arbeitet. Eines wird es aber nicht geben - einen Zwang, die Norm dann auch einzuhalten.