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Beduinen im Westjordanland kämpfen um ihre Hütten

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Im Westjordanland: So viele Häuserräumungen wie nie zuvor

Beduinen im Westjordanland kämpfen um ihre Hütten – doch vielen droht der Abriss

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Von
  • Torsten Teichmann

Laut UN-Angaben sind im vergangenen Jahr 1089 Hütten, Häuser oder andere Einrichtungen von Palästinensern durch die israelische Verwaltung zerstört oder beschlagnahmt worden. Viele Beduinen leben bis heute mit einem Abrissbefehl und wissen nicht, wie lange sie noch bleiben können.

Achmed möchte später einmal studieren, Ingenieur werden und Häuser bauen. Achmed ist 14 Jahre alt, er geht noch zur Schule in Khan al Achmar, einem Beduinendorf im Westjordanland. Hier gibt es keine festen Häuser, sondern Hütten aus Wellblech, Holz oder manchmal nur Plastikplanen. Aber die Hütten und Ställe der Beduinenfamilien in Khan al Achmar haben einen Abrissbefehl der israelischen Militärverwaltung. Die Schule, die Achmed besucht, auch sagt seine Rektorin, Halima Saheika.

"Das ist eine Gefahr für die gesamte Gegend. Denn das ist die einzige Grundschule für fünf verschiedene Gemeinden im Umkreis. Eine Zerstörung würde den Kindern eines ihrer Grundrechte nehmen – das Recht auf Bildung." Halima Saheika, Schulleiterin

Die Schule und die Hütten stehen auf palästinensischem Gebiet, das Israel als Besatzungsmacht vollständig kontrolliert. Und die Militärverwaltung schreibt auf Anfrage, dass Khan al Achmar von den zuständigen Behörden nie genehmigt worden ist. Deshalb hat die Grundschule seit ihrer Eröffnung einen Räumungsbefehl. Das UN-Büro zur Koordinierung Humanitärer Angelegenheiten in Jerusalem warnt, Israel habe im vergangenen Jahr so viele Räumungen gegen Palästinenser vollstreckt wie in keinem Jahr zuvor. In Khan al Achmar zerstörte die Armee zuletzt im September eine Hütte direkt neben der Schule. Eid Abu Khamis ist Sprecher der Gemeinde. Er zieht eine weiße Holzkiste in die Mitte seiner Hütte, neben den Ofen. Draußen schlägt der Regen auf Bretter und Bleche. Es ist jetzt Winter. Abu Khamis klappt den Deckel der Kiste auf und zieht Papiere hervor. Auch er hat einen Räumungsbefehl, gegen den die Gemeinde geklagt hat:

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Eid Abu Khamis, Sprecher des Dorfes Khan al Achmar, ist bei jeder Gerichtsverhandlung dabei. Er bemüht sich, eine Räumung zu verhindern.

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Die Grundschule in Khan Al Achmar besteht aus niedrigen Hütten.

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Noch lernen die Kinder in der Schule in Khan al Achmad im Westjordanland. Doch auch sie hat einen Abrissbefehl der israelischen Militärverwaltung

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Schulleiterin Halima Saheika weiß, dass die Räumungen bei den Kindern Aggressionen auslösen.

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Der 14-jährige Achmed will studieren und Ingenieur werden, um später Häuser zu bauen.

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ARD-Korrespondent Torsten Teichmann im Schulhof von Khan al Achmad.

"Ich gehe immer zu den Verhandlungen beim Obersten Gericht, ich spreche Hebräisch. Der Richter sagte: 'Ich sehe Dich immer hier und Du sprichst immer über Dörfer. Nächste Mal musst Du Karten mitbringen, einen Masterplan, was für Dörfer sollen das sein?' Also ging ich zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Die sagten, sie haben kein Geld für Kartenmaterial." Eid Abu Khamis, Sprecher der Beduinen-Gemeinde

Weiter in Richtung Osten, im Jordantal, ist die Situation noch angespannter. Mhamed Mlihat al Kaabneh, das Oberhaupt der Gemeinde, steht etwas geschützt unter einem Blechdach. Aber hinter seinem Rücken sieht es so aus, als wolle der Winterregen das gesamte Dorf al Muarajat mitreißen. Ein Stall für Schafe hat dem Sturm bereits nachgegeben: „Wir können nur mit Holz und Blechen bauen. Im Sommer ist es kochend heiß und jetzt eisig kalt. Feste Hütten gibt es nicht. Auch Solaranlagen für den Strom sind nicht gestattet. “

Aus der Negev-Wüste ins Jordantal

Die Beduinen der al Kaabneh Familie lebten nicht immer so. Sie kamen 1948 ins Jordantal. Denn nach der Gründung des Staates Israel seien sie mit Tieren und Zelten aus der Negev-Wüste vertrieben worden, erklärt Mhamed. Sein Vater kaufte ein Stück Land nordwestlich von Jericho. Doch zu Beginn der 80er Jahre sei dort eine jüdische Siedlung entstanden, erzählt Mhamed. Seitdem klemmt der Stamm in al Muarajat zwischen sanften Hügeln und breiten Wadis fest. Ohne Baugenehmigungen, aber mit Abrissbefehlen und angewiesen auf ausländische Hilfe:

"Wir haben eine Familie, deren Haus dieses Jahr drei Mal zerstört worden ist. Und auch schon zuvor. Aber einige Spender und Unterstützer sind gekommen und haben ihnen wieder zwei kleine Räume gebaut." Mhamed Mlihat al Kaabneh, Oberhaupt der Gemeinde
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Das Oberhaupt der Gemeinde, Mhamed Mlihat al Kaabneh, erzählt, dass sie hier in al Muarajat nur mit Holz und Blechen bauen können.

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Den Schafsstall aus klapprigen Wellblechen hat der Wintersturm zerfetzt.

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Auch ARD-Korrespondent Tosten Teichmann (r.) bekommt den regnerischen Winter im Westjordanland zu spüren.

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Zwischen Starkregen und Sonnenschein: Der Winter ist für die Beduinen besonders hart.

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Khan al Achmar

Die Hilfe aus dem Ausland führt zum Konflikt zwischen Israel und Europa. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller erklärte bei seinem Besuch im Jordantal, es sei inakzeptabel, wie lang Deutschland auf israelische Genehmigung für Hilfsprojekte warten muss. Auf der anderen Seite verlangen Siedler und Mitglieder der Nichtregierungsorganisation Regavim von der israelischen Regierung, bestehende Räumungsbefehle im Westjordanland zu vollstrecken. Werden Hütten von der Armee zerstört, verlieren auch die Schulkinder meist alles. Die Grundschule von Khan al Achmar schafft Ersatz für Bücher, Rucksäcke und Schreibzeug. Verlorene Mitschriften kopieren die Klassenkameraden. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit für Schulleiterin Halima Saheika:

"Die Räumungen erzeugen viel Aggression. Nicht unter den Schülern selbst, aber gegenüber der israelischen Armee. Also haben wir ab dem frühen Morgen ein volles Programm: Es geht los mit der Nationalhymne, mit Musik, sie machen Sport, gehen in die Bibliothek – alles Aktivitäten, um die Kinder zu motivieren, sich auf das Lernen zu konzentrieren." Halima Saheika, Schulleiterin

Sie wollen bleiben. Israel will die Familien dagegen in eine Stadt bei Jericho umsiedeln. Das Argument: Die Schnellstraße hinunter ins Tal und ans Tote Meer müsse an der Stelle, wo Khan al Achmad liegt, breiter werden. Eine Straße, zu der die Beduinen selbst überhaupt keine direkte Zufahrt haben.