7

Januar | Februar 1933 "Hitler? Der is grad so schnell wieder weg!"

Am Abend des 30. Januar 1933 fühlt sich Joseph Goebbels beim Tagebuchschreiben "wie im Märchen": "Wir sitzen in der Wilhelmstraße, Hitler ist Reichskanzler." Auf Drängen des Ex-Kanzlers Franz von Papen, der Hitler als populäres Gesicht seinem Kabinett aus nationalkonservativen Schattengestalten voranstellen will, lässt Reichspräsident Paul von Hindenburg den Wahlsieger gewähren.

Stand: 31.12.2012

Thema: Machtergreifung | Bild: picture-alliance/dpa

In Berlin ist die Hölle los: Vor dem Brandenburger Tor veranstaltet die SA pompöse Fackelzüge; Goebbels sorgt für die Radioübertragung. Die Bayern bekommen davon eher wenig mit: Erstens reagiert man auf den Wechsel der Köpfe in Berlin mit Schulterzucken - Hitler ist der vierte Kanzler in acht Monaten. Und überhaupt strebt jetzt der Fasching seinem Höhepunkt zu, die Volksempfänger senden ein anderes Programm. Nach insgesamt 14 Reichskanzlern in 13 Jahren Republik und einer seit drei Jahren ungelösten Wirtschaftskrise fallen die Erwartungen bei den meisten im Guten wie im Schlechten eher gedämpft aus. David Clay Large zitiert die vorherrschende Stimmung so: "Is' ja gut, dass' den Schreihals a'mal hinlassen - der is' g'rad' so schnell wieder weg, und dann is' vorbei mit ihm".

Ein "Münchner Bürger" als Kanzler

Hochstimmung löst die Nachricht vor allem in Teilen Frankens aus, etwa in Coburg, wo die Nazis schon seit 1929 das Rathaus beherrschen. In München sorgt die Partei zum Teil selbst für Jubel darüber, dass - wie NSDAP-Stadtrat Hermann Esser feststellt - erstmals ein "Münchner Bürger" Reichskanzler geworden ist. Die Polizei immerhin eskortiert den nicht genehmigten Gröhl-Korso der SA mit der gewohnten Nachsicht. Und der oberbayerische Gauleiter Adolf Wagner jubiliert auf dem Königsplatz: "Jetzt kann Adolf Hitler endlich mit der Arbeit beginnen."

Maximilianeum: Angst vor dem "Bayernschlag"

Ernster nahm man die Situation im Landtag. Zu genau hatten die Abgeordneten der regierenden BVP und der SPD die Demokratiemüdigkeit im Land vor Augen - und den "Preußenschlag" vom letzten Sommer im Kopf.

Stichwort: Preußenschlag

Im Juli 1932 hatten Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler Franz von Papen die geschäftsführende Landesregierung aus SPD, Zentrum und DDP, die von den extremen Parteien der Rechten und der Linken minorisiert worden war, per Notverordnung für abgesetzt erklärt: Die "öffentliche Sicherheit und Ordnung in Preußen" sei nach zahllosen Straßenschlachten zwischen SA und Rotfront nicht mehr gewährleistet. Mit der Ernennung Hitlers war der Bock jetzt Gärtner geworden.

Auch in Bayern nahmen die seit Jahren eingeübten Provokationen der SA weiter zu; auch dort stellte die NSDAP seit der Juliwahl die größte Fraktion im Landtag. Und tatsächlich kamen aus Berlin Drohungen, die Regierung in Hitlers "alter Heimat" durch einen Reichsstatthalter zu ersetzen.

Linke Planspiele: Rotbraun schlägt rotrot

Wilhelm Hoegner, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident | Bild: picture-alliance/dpa

1933 scheitert sein Widerstand gegen Hitler. Nach dem Krieg wird er bayerischer Ministerpräsident: Wilhelm Högner (SPD)

SPD-Politiker wie Wilhelm Högner, der spätere Vater der Bayerischen Verfassung, und der Reichstagsabgeordnete Josef Felder bemühen sich in zahlreichen Gesprächen um ein breites Bündnis gegen Hitler. Bei der konservativen BVP - seit 1920 Regierungspartei - stoßen sie auf wenig Gegenliebe: Parteichef Fritz Schäffer hatte bereits mit dem NSDAP-Fraktionschef Rudolf Buttmann über eine Zusammenarbeit verhandelt, die vor allem an Buttmanns Forderung scheiterte, die NSDAP müsse den Regierungschef stellen. Auch bei der KPD, die in Berlin oft zusammen mit der NSDAP gestimmt hat, kommt Högner nicht weiter: Die Kommunisten glauben, Hitlers Politik werde eine neue Revolution provozieren, an deren Ende ein rotes Bayern stehen soll. Dabei ist der Einfluss von SPD wie KPD jenseits der Arbeiterschaft bescheiden.

Rechte Planspiele: Der "Königsweg" als Ausweg?

Ministerpräsident Heinrich Held (BVP) arbeitet derweilen an einer anderen Lösung: Er will die monarchistisch gesonnenen Wähler der NSDAP zurückerobern, indem er ihnen einen König bietet: Der Wittelsbacher Kronprinz Rupprecht soll fortan als gekrönter oder ungekrönter Herrscher die Einheit Bayerns verteidigen.

Rupprecht, Sohn des letzten bayerischen Königs: Seine Familie wird 1944 in Dachau inhaftiert.

Selbst die SPD zeigt sich für eine solche Notlösung aufgeschlossen. Das Tempo der Berliner Ereignisse indes lässt den langwierigen Verhandlungen zwischen Staatsregierung und Wittelsbachern keine Chance.

Der Reichstag in Flammen - und mit ihm die erste deutsche Republik.

In der Nacht auf den 28. Februar brennt in Berlin der Reichstag. Am selben Tag ringt Hitler Hindenburg mit allem Respekt die "Reichstagsbrandverordnung" ab, mit der die Weimarer Verfassung weitgehend außer Kraft gesetzt wird. Danach wütet der braune Brand auch in München.


7