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Vorgeschichte Weißblau mit braunen Flecken

In Bayern nimmt die Geschichte ihren Anfang: Die unerwartete Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Hass auf das "Schanddiktat" von Versailles und die Niederschlagung der Münchner Räterepublik von 1919 verschaffen den reaktionären Kräften Auftrieb. Der Österreicher Hitler, seit 1912 in München, gehört zu ihnen.

Stand: 23.01.2012 | Archiv

Hitler auf einer Parteiveranstaltung 1924 | Bild: picture-alliance/dpa

Eigentlich ist es ja die Partei von Anton Drexler. 1919 gründet der Münchner Werkzeugschlosser mit einer Handvoll Gleichgesinnter die "Deutsche Arbeiterpartei", die 1920 noch den Zusatz "nationalsozialistisch" erhält. Da ist dann schon der Österreicher Hitler federführend dabei. Drei Dinge verbinden den Weltkriegsgefreiten und Kunstmaler mit Drexler und dem Dritten im Bunde, dem Sportjournalisten Karl Harrer: Hass auf Juden, Kommunisten und Pazifisten, die in der verqueren Logik nicht nur dieser drei für die Niederlage im Krieg und das "Schanddiktat von Versailles" verantwortlich sind. Ansonsten sind sich die Braunen so wenig grün, dass Drexler Hitler nach diversen Parteiintrigen bei der Polizei anschwärzt.

Dem Erfolg der ab Juli 1921 von Hitler allein geführten Partei tut das keinen Abbruch. 1920 hält Hitler im Hofbräuhaus die erste Massenveranstaltung der Partei ab. Im Jahr darauf jubeln ihm im Zirkus Krone schon 6.000 Teilnehmer zu. Der Bierredner Hitler fasziniert zuerst München, wo das Parteiblatt "Völkischer Beobachter" seine Tiraden in Druckform bringt, wenig später die Massen allerorten. Beim Schweigen schauen Hitler nur wenige so genau zu wie der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der Hitler in der Romanfigur des "Monteurs Kutzner" verewigt.

"Schwieg der Monteur Kutzner, so gaben die dünnen Lippen mit dem winzigen, dunklen Schnurrbart und das pomadig gescheitelte Haar über dem fast hinterkopflosen Schädel dem Gesicht eine maskenhafte Leere."

Lion Feuchtwanger, 'Erfolg' (1930)

Ebenfalls 1921 gründet Hitler die "Sturmabteilung" SA. Die paramilitärische Truppe bietet umgehend einen Vorgeschmack auf kommende Zeiten: Bereits zwölf Jahre vor der "Machtergreifung" prügelt sie Juden durch Münchner Straßen.

München: Hauptstadt der Bewegung

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Auch ohne die Kommunistenfresser der NSDAP ist die Revolution in Bayern ab März 1920 Geschichte. Der neue Ministerpräsident Gustav Ritter von Kahr, erzkonservativ und antiparlamentarisch, verspricht, aus Bayern die "Ordnungszelle" des Deutschen Reichs zu machen. Wie von einem Magneten werden Anti-Republikaner nach Bayern gezogen, zumal nach dem gescheiterten Kapp-Putsch 1920 in Berlin.

Nach der Machtergreifung deuten die Nazis den Tag ihrer Niederlage zum "Heldengedenktag" um: Parade vor der Feldherrenhalle am 9.11.1934.

Am 9. November 1923 versucht Hitler, die Macht mit einem Gewaltstreich an sich zu reißen. Mit dabei: Hermann Göring, Ernst Röhm, Heinrich Himmler, Rudolf Heß. Vor der Feldherrnhalle stoppt die Polizei Hitlers Putsch-Versuch. Im anschließenden Prozess - mehr Farce als Gerichtsverfahren - kommt er mit einer äußerst milden Haftstrafe davon. Die NSDAP wird vorläufig verboten.

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Nürnberg: Stadt der Reichsparteitage

Am 20. Dezember 1924 kommt Hitler vorzeitig frei - und wird sofort wieder politisch aktiv. Im Februar 1925 gründet er die NSDAP neu. Julius Streicher überträgt er die Gauleitung in Franken, Adolf Wagner für München/Oberbayern. Ab März 1927 kann er wieder öffentlich auftreten, Bayern hebt das Redeverbot für Hitler auf.

Im August desselben Jahres rückt Nürnberg in den Fokus der Nationalsozialisten. Erstmals hält die NSDAP ihren Reichsparteitag in der "deutschesten Stadt" ab. Zwar muss die Partei 1928 einen Rückschlag hinnehmen: Bei den Landtagswahlen in Bayern sinkt ihr Anteil von 17,1 auf 6,3 Prozent. Zumindest in ihren Hochburgen aber bleibt ihr Vormarsch ungebrochen. Amateurfilme zeigen, wie sich ab 1928 alljährlich Zehntausende aufmachen, um bei den sogenannten "Frankentagen" auf dem Hesselberg den Tiraden von Parteigrößen wie Julius Streicher zuzuhören.

Feststimmung auf dem Hesselberg

Zugleich knüpft Hitler das Netz der NS-Organisationen immer engmaschiger. Im Januar 1929 ernennt er in München Heinrich Himmler zum "Reichsführer SS", im Januar 1931 Ernst Röhm zum Stabschef der SA. Ein Jahr später erreicht die Arbeitslosigkeit mit 550.000 Erwerbslosen ihren Höhepunkt in Bayern. Bei den bayerischen Landtagswahlen am 24. April 1932 schnellt die NSDAP von 6,3 auf 32,5 Prozent hoch. Eine Woche später wird sie stärkste Fraktion bei den Reichstagswahlen. Dass sie diese Mehrheit bei den nächsten Wahlen, die schon im November des Jahres stattfinden, wieder verliert, deuten viele als Anfang vom Ende der Bewegung.

Im "Making of" zum BR-Alpha Dokuspiel äußern sich Thure Riefenstein (Darsteller von Adolf Hitler), Matthieu Carrière (Franz von Papen) und der Historiker Peter Longerich.


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