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Sommer 1933 Die Eroberung des Alltags

SPD verboten, BVP und andere aufgelöst: Im Sommer 1933 gibt es nur noch eine Partei. Wer die rechte Hand bisher nur zum Festhalten in der Tram hob, bekommt den Hitlergruß jetzt eingebläut. Viele salutieren freiwillig: Die anziehende Konjunktur stärkt das Regime.

Von: Michael Kubitza

Stand: 10.05.2013

1933 | Bild: picture-alliance/dpa

Kein Führerwetter: Es regnet viel im ersten braunen Sommer in Bayern. Der "nationalen Erhebung" tut das keinen Abbruch. Der Aktionismus des neuen Regimes findet seinen Niederschlag im Bewusstsein der Bevölkerung, die propagandistische Dauerberieselung sickert ins Denken. Aus Unpolitischen, auch aus ehemaligen Demokraten, werden Anhänger einer neuen Polit-Religion. Bei den Alibi-Reichstagswahlen im November stimmen 92,1 Prozent für die einzige noch zugelassene Partei.

"Es gibt eine Ähnlichkeit im Verhalten vieler Deutscher im Sommer 1933. Das ist für mich ein Schlüsseldatum."

Ralf Dahrendorf im FAZ-Interview

Der Führer und das Volk: Hände hoch!

Wer Radio hört, kann Hitler und Goebbels jetzt kaum entgehen. Noch sind das nicht allzuviele: Nach 1930 gibt es in Bayern erst 300.000 "Rundfunkteilnehmer" - eine Zahl die bis 1941 auf 1,15 Millionen steigt. Umso wichtiger ist die - auch symbolische - Präsenz des Regimes im Alltag.

1934 verliert Nürnberg das Endspiel gegen Schalke 2:1. Dafür üben die Clubberer schon 1933 das deutsche Handspiel.

In Behörden, Schulen und immer mehr Sportvereinen wird ab diesem Sommer der Hitlergruß eingeführt. Die Partei propagiert ihn als "uraltes germanisches Brauchtum". Tatsächlich hat sie ihn vom "römischen Gruß" der italienischen Faschisten abgeschaut.

Strafbar ist die Verweigerung der Geste erst ab 1937, gefährlich ist sie schon jetzt. Bald soll auch vor der Feldherrenhalle, dem Schauplatz des Hitlerputsches, salutiert werden - was manche in die Viscardigasse abbiegen lässt, das "Drückebergergässchen".

Bauwut und Festtagsstimmung: Was die Propaganda zeigt

Die seit Juli einzige legale Partei Deutschlands kleckert nicht, sondern klotzt. Bau- und Rüstungsprogramme reduzieren die Arbeitslosigkeit spürbar: in Nürnberg binnen zweier Jahre von 58.000 auf 36.000. Schon bald nehmen viele Prestigebauten des Regimes Gestalt an: in Nürnberg das Parteitagsgelände, in München etwa das Haus der Kunst und die "Ehrentempel" am Königsplatz.

Zugleich krempelt das Regime den Feiertagskalender weiter um. Nach "Führergeburtstag" und "Tag der deutschen Arbeit", vor Reichsparteitag und Erntedank werden Ende Juni germanische Sonnwendfeiern inszeniert. Die aufwändigste organisiert Gauleiter Julius Streicher: den "Frankentag" auf dem Hesselberg, dem "heiligen Berg" der Nazis. Es ist ein pseudoreligöses Spektakel mit Feuer, Musik, Sport und 100.000 Teilnehmern.

Schulden und Konflikte: Was die Propaganda verschweigt

Anderes bleibt im Dunkeln. Dass das Geld für die "Arbeitsschlacht" von der Reichsbank vorgestreckt wird und durch spätere Kriegserfolge refinanziert werden soll, übergeht die Propaganda; ebenso die Tatsache, dass der Aufschwung sich großteils der anziehenden Weltwirtschaft verdankt.

Wenig nach außen dringt auch von den wachsenden Konflikten zwischen SS, SA und Reichswehr, die um die Macht im geplanten Militärstaat ringen. Hinter den Kulissen entbrennt ein Richtungsstreit zwischen den politisch Verantwortlichen und Parteikadern: Die Kameraden vor Ort wollen, wo es geht, dreinschlagen; Berlin fürchtet ausländische "Greuelhetze" (Joseph Goebbels), die die Kredit- und Wirtschaftsbeziehungen gefährden könnte.

Wölfe im Dinner-Jacket

Die Terroraktionen gegen Juden und politische Gegner sind
"rein innerdeutsche Dinge" - so formuliert es der schon seit 1932 amtierende Außenminister Konstantin von Neurath, der der Welt Kontinuität und Normalität vorgaukeln soll. Auf diplomatischem Parkett gibt man sich vorerst moderat.

Konstantin Freiherr von Neurath

Am selben 14. Juli, an dem das Parteienverbot und die Zwangssterilisierung von Erbkranken beschlossen wird, stellt ein weiteres Gesetz das "ausländische Kapital" unter besonderen Schutz. Am 20. Juli wird im Vatikan das Reichskonkordat unterzeichnet, das der katholischen Kirche weitgehende Rechte gewährt und sie so fürs Erste ruhig stellt.

Wenig später werden die Repressionen gegen jüdische Auswanderer nach Palästina vorübergehend gelockert; im Gegenzug erhält Deutschland Exportgarantien. Die zurückgepfiffenen Herrenmenschen-Rabauken der SA und des bald aufgelösten "NS-Kampfbunds des gewerblichen Mittelstands" reagieren mit völkischem Unverständnis.

"Auf dem Boden der nationalen Erhebung"

Offene Geheimnisse sind: die Gründung der Gestapo in Berlin, der Terror der Himmler-Polizei in Bayern und das KZ Dachau. Dass immer weitere Bevölkerungsgruppen aus der "Volksgemeinschaft" ausgeschlossen werden, ist nicht zu übersehen, interessiert aber meist nur die Betroffenen - und diejenigen, die davon profitieren.

München: Wer diese Rechtsanwaltspraxen am Stachus aufsucht, macht sich verdächtig. Die ersten Mieter haben offenbar schon gekündigt.

Von Mai bis Juli werden Einbürgerungen "Unerwünschter" rückgängig gemacht, "nichtarische" Zahnärzte und Steuerberater mit Berufsverbot belegt, jüdische Sportler aus der "Deutschen Turnerschaft" ausgeschlossen und Autoren, die nicht "auf dem Boden der nationalen Erhebung stehen", aus dem Schriftstellerverband geworfen. Und so geht es weiter.

Mancher erlebt diese ideologischen Erdstöße vor allem als Wegfall eines Kontrahenten oder Konkurrenten oder als Umzug in eine überraschend frei gewordene Wohnung. Der Sommer 1933 markiert die Entstehung der "Volksgemeinschaft" - die, wie der Historiker Götz Aly festgestellt hat, auch eine Raub- und Beutegemeinschaft war.


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