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Kriegsende 1945 | Befreiung Bayerns (8) Obersalzberg - Ruine statt Refugium

Hitler-Deutschland war Ende April 1945 in die Knie gezwungen, alle Städte von den Alliierten besetzt. Eine große Unbekannte blieb den Amerikanern allerdings noch: das "Führerhauptquartier" Obersalzberg und die ominöse "Alpenfestung".

Von: Ernst Eisenbichler

Stand: 02.05.2015 | Archiv

Kriegsende 1945: US-Soldat steht vor Hitlers "Führerhauptquartier", dem in Brand gesetzten Berghof, auf dem Obersalzberg | Bild: picture-alliance/dpa

Im April hatte die NS-Propaganda Gerüchte gestreut, man sei im Begriff, den gesamten Alpenraum zwischen Bayern, Oberitalien, Oberösterreich und der Schweiz zu einer gigantischen Abwehr-Zitadelle auszubauen. Da den Alliierten keine gesicherten Informationen darüber vorlagen, wie viel Wahrheit in dem Gerücht steckt, näherten sie sich zunächst mit Vorsicht dem Alpenraum.

Letzte Bombenangriffe

Vor Ort stellten Einheiten der 3. und 7. US-Armee schnell fest, dass es sich bei der "Alpenfestung" um ein Phantasiegebilde handelte. Nebenbei: Die Nazis hätten 1945 über die dazu notwendigen Arbeitskräfte und Materialen gar nicht mehr verfügt. Da sich gegen Kriegsende NS-Prominenz nach Bad Reichenhall und Berchtesgaden zurückgezogen hatte, holte die US-Luftwaffe am 25. April dort noch einmal zu einem großen Schlag aus und bombardierte Freilassing, Salzburg, Bad Reichenhall und Berchtesgaden. In Bad Reichenhall kamen dadurch ein paar Tage vor Kriegsende knapp 200 Menschen um.

"Führerhauptquartier" in Schutt und Asche

Ein US-Soldat steht im Panoramafenster des ausgebrannten Berghofes.

Auch Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg lag nach dem Bombenangriff vom 25. April in Trümmern. Hitler, der sich zu diesem Zeitpunkt in einem Berliner Bunker verschanzte, hatte seinen Rückzugsort Obersalzberg ab 1933 zum "Führerhauptquartier" ausbauen lassen. Der Kult um den "Führer", der vom Berg herab das Volk regiert, ließ sich vor dem beeindruckenden Alpenpanorama besonders gut inszenieren.

Jagd auf Nazi-Bonzen

In Schutt und Asche lag am 25. April auf dem Obersalzberg auch Hermann Görings Landhaus. Der kurz zuvor entmachtete Reichsfeldmarschall hielt sich zu jenem Zeitpunkt darin auf und konnte sich in einen Luftschutzbunker retten. Danach flüchtete er in Richtung Süden nach Österreich, wo ihn US-Soldaten am 8. Mai festnahmen. Die hohen Nazi-Funktionäre Julius Streicher, Ernst Kaltenbrunner und Robert Ley suchten ebenfalls Unterschlupf in den Salzburger Alpen. Auch sie wurden von US-Truppen gestellt. Die Besetzung des Obersalzbergs war derart prestigeträchtig, dass sich amerikanische und französische Einheiten bei der Eroberung einen Wettlauf lieferten. Am 4. Mai 1945 wurden US-Truppen noch von französischen beschossen, bevor sie Hitlers ehemaliges Refugium einnahmen und später den Obersalzberg als Erholungsort für die eigenen Soldaten wählten.

Der Obersalzberg - Hitlers zweites Machtzentrum

Hitler empfängt im Berghof ausländische Staatsgäste.

Die Anhöhe bei Berchtesgaden war bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebter Erholungsort. Hitler besuchte den Obersalzberg erstmals 1923. Zunächst diente er auch dem NSDAP-Chef als Feriendomizil. 1925 schrieb er dort den zweiten Teil von "Mein Kampf". 1928 mietete er das Haus Wachenfeld, das er 1933 - kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten - kaufte. Der Obersalzberg wurde neben der Reichskanzlei in Berlin zweite Schaltzentrale, wo auch hochrangige ausländische Staatsgäste empfangen wurden.

Vertreibung der Einheimischen

Aber nicht nur Hitler baute sich mit dem Berghof ein Haus auf der Anhöhe mit dem grandiosen Alpenpanorama. Auch die Nazi-Bonzen Hermann Göring, Albert Speer und Martin Bormann richteten sich dort Wohnsitze ein. Um an die gewünschten Grundstücke zu kommen, enteigneten sie alteingessene Bergdörfler-Familien. Vor allem Bormann - von Hitler mit dem Ausbau des Obersalzbergs beauftragt - ging rücksichtslos gegen die bisherigen Besitzer vor, wie dies der Publizist Ulrich Chaussy in seinem Buch "Nachbar Hitler" dokumentierte.

Gigantisches Bunkersystem

Zunächst wurde das Haus Wachenfeld zum sogenannten Berghof ausgebaut. Fast den gesamten Obersalzberg erklärte man zum "Führersperrbezirk". 1937 wurde eine SS-Kaserne gebaut. 1939 gingen die hochalpine Kehlsteinstraße und das Kehlsteinhaus in Betrieb. Sie sind fast die einzigen erhaltenen Relikte der Nazi-Jahre am Obersalzberg. 1943 begann man mit dem Bau eines gigantischen unterirdischen Bunkersystems, Zwangsarbeiter hoben dazu Dutzende Stollen von insgesamt mehr als sechs Kilometer Länge aus.


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