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Kriegsende 1945 | Schicksale Regensburg: Der einsame Tod des Dompredigers

"Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da“, forderte Domprediger Johann Maier schon 1944 auf seiner Kanzel. Für ihn und zwei weitere Menschen kommt der Einmarsch der Amerikaner drei Tage zu spät: Nach einer Demonstration für die kampflose Übergabe der Stadt werden sie hingerichtet.

Von: Michael Kubitza

Stand: 21.04.2015 | Archiv

Der Regensburger Domprediger Johann Maier  | Bild: Bistum Regensburg

"... daß ich gerade in dieser Zeit meine Pflicht so tue, wie es vor dem Herrgott und zum Heile der Seelen am besten ist!"

Brief Johann Maiers an seinen Vater vom 16. April 1945, zitiert nach Chrobak (s.u.)

Entsetzen macht sich breit am 22. April 1945 in Regensburg: Reichsverteidigungskommissar Ludwig Ruckdeschel fordert bei einer Kundgebung "die Verteidigung Regensburgs bis zum äußersten". Droht Regensburg jetzt ein blutiger Häuserkampf? Gar das Schicksal Würzburgs? Ruckdeschel ist einer, der es ernst meint: Kurz zuvor hat er seinen Rivalen Fritz Wächtler, den Gauleiter der Bayerischen Ostmark, im Führerhauptquartier wegen "Feigheit im Angesicht des Feindes" denunziert und von einem SS-Kommando erschießen lassen.

Die Nibelungenbrücke am 23. April 1945

Am Morgen des 23. April - einem Montag - befiehlt Ruckdeschel, der in bombensicherer Entfernung auf einem nahegelegen Landschloß residiert, die Sprengung aller Regensburger Brücken. Zu dieser Zeit stehen die US-Panzerverbände schon an der Donau - und auf den Straßen und in den Schlangen vor den Lebensmittelausgaben der Stadt macht ein Gerücht die Runde.

"Gebt die Stadt frei!"

Auf dem Moltkeplatz - heute: Dachauplatz - soll eine Kundgebung die kampflose Übergabe der Stadt einfordern. Gewerkschaftsmitglieder und Kirchenleute, selbst Parteimitglieder und Polizisten machen dafür Werbung. Dass der Kreisleiter die Veranstaltung per Rundfunk verbietet und den Besuchern "Unannehmlichkeiten" ankündigt, fällt da schon nicht mehr ins Gewicht. Bis zum Nachmittag hat sich eine vielhundertköpfige Menge - überwiegend Frauen - versammelt, um ihrer Angst und ihrem Zorn Luft zu machen.

Wer den Aufmarsch initiiert hat und wer hier was verkünden wollte, ist unklar - bis heute. Gegen Abend fordern Sprechchöre die Freigabe der Stadt, weiße Taschentücher wehen. Das Stadtregime versucht mit Alarmsirenen, später mit Feuerwehrspritzen, die Menge zu zerstreuen; Gestapoleuteleute rasen mit einem Lastwagen auf die Menge zu. Jetzt droht die Lage eskalieren. Die Menge bewegt sich Richtung Kreisleitung, Hitlerjungen schießen in die Luft, jemand fordert, den Gauleiter aufzuhängen.

Keine Gewalt: Johann Maiers Appell

In dieser Situation ergreift Johann Maier, der eigentlich nur zuhören will, das Wort: Der 38-Jährige - seit dem Jahr des Kriegsbeginns Domprediger in Regensburg und bekannt als Gegner des Regimes - fordert zur Mäßigung auf. Man sei hier um zu bitten, nicht um zu fordern; im Übrigen sei das Aufhängen, so Maier, "der grausamste und schändlichste Tod." Dann hält er eine spontane Rede:

"Wenn wir die Obrigkeit beeindrucken wollen, so können wir das am besten dadurch, daß wir mit Ruhe und sittlichem Ernst vor sie hintreten. Was wir erbitten wollen, die kampflose Übergabe unserer Stadt mit ihren vielen Lazaretten, ist ja gerechtfertigt, und zwar aus folgenden vier Gründen ..."

Ansprache Johann Maiers, zitiert nach Chrobak (s.u.)

Die zerstörte Regensburger Minoritenkirche. Ganz in der Nähe hatte die NS-Kreisleitung ihren Sitz.

Weiter kommt Maier nicht. Polizisten in Zivil schleppen ihn trotz vereinzelter Gegenwehr aus der Menge im Polizeigriff zur Kreisleitung; mindestens zehn weitere Menschen werden festgenommen. Der Bezirksinspektor Michael Lottner wird kurz darauf in der Regensburger Kreisleitung erschossen, Maier und der ehemalige Lagerist Josef Zirkl (70) werden von einem hastig zusammengerufenen Standgericht am gleichen Abend zum Tode verurteilt.

Die letzten Stunden eines Friedfertigen

In seinen letzten Stunden ist Maier, dem in der Urteilsbegründung vorgeworfen wird, er habe "öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur Selbstbehauptung zu lähmen versucht", völlig auf sich allein gestellt; Regensburgs Bischof Buchberger, der möglicherweise zumindest einen Aufschub der Urteilsvollstreckung erreichen hätte können, versteckt sich im Luftschutzbunker des Ordinariats und schweigt. Eine Intervention sei aussichtslos, verteidigt sich Buchberger.

"Eine besonders bittere Zugabe zu Maiers letzten Stunden war die grausame Einsamkeit, in der er sie bestehen musste. ( ...) Was ihn trösten mochte, war wohl der Gedanke, dass seine vielen Freunde, besonders aber seine geistliche Behörde, darum besorgt sein würden, bei den Machthabern für ihn einzutreten (...).
Aber nichts meldete sich an."

Der Historiker Ludwig Weikl in: Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg, 1981

Im Morgengrauen des 24. April wird Maier in schäbige Zivilkleidung gesteckt und zusammen mit Zirkl an einer zwischen zwei Fahnenstangen befestigten Querstange auf dem Moltkeplatz aufgehängt. Erst am Abend erlaubt Ruckdeschel, die Leichen abzunehmen. Drei Tage später ist die Stadt dann frei.

Galerie: Regensburg in der Stunde Null

Einen Sieg der Menschlichkeit und der Vernunft hat Maier nicht erreicht, doch sein Wunsch - die kampflose Übergabe und Erhaltung Regensburgs - erfüllt sich nach seinem Tod. Weil die Kampftruppen der Stadt zum Aufbau einer neuen Verteidigungslinie bei Landshut benötigt werden, gibt das Oberkommando der Wehrmacht Regensburg frei. Maiers Grab befindet sich heute unter den Bischofsgräbern des Regensburger Doms. An ihn wie an Lottner und Zirkl erinnern Straßennamen und ein Denkmal am Dachauplatz.

Steinernes Andenken an Johann Masier

Der Mörder von Michael Lottner muss nach dem Krieg zehn Jahre in Haft. Gauleiter Ruckdeschel wird zu acht Jahren Haft verurteilt, nach vier Jahren entlassen. Er arbeitet danach bis 1968 als Gästeführer bei VW in Wolfsburg. Bischof Buchberger engagiert sich im Wiederaufbau der Stadt, wird in den 1950er-Jahren vom Papst zum Erzbischof ernannt, erhält das Große Verdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden. Zum Tod Maiers äußert er sich zeitlebens nicht mehr.


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