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Reichssender München Von "Goebbels-Schnauze" bis Radio Munich

Marschmusik, Berichte von der Front, Unterhaltung: der Rundfunk als wichtiges Propagandamittel der Nationalsozialisten. Für die Alliierten ist der Reichssender, das Funkhaus in München, deshalb immer wieder Ziel von Luftangriffen - vor allem in den letzten Kriegsmonaten. Von Birgit Beck

Von: Birgit Beck

Stand: 16.03.2015 | Archiv

Junge Frauen beim Radio hören | Bild: SZ Photo; Schwahn

Silvester 1944: Adolf Hitler beschwört in seiner Rundfunkansprache den Sieg Deutschlands - nur wenige Monate vor Kriegsende und nur wenige Monate, bevor die Nazis zur Kapitulation gezwungen sind.

Rundfunk als Propaganda. Für die Nationalsozialisten ist das Radio das Instrument der totalitären Gleichschaltung. Bis zum Ende des Krieges ein bedeutendes Mittel, die Bevölkerung bei Laune zu halten, sie im Glauben zu lassen, dass das Deutsche Reich den Krieg gewinnen wird - und ein Mittel, die Soldaten an der Front zum Durchhalten zu motivieren.

Gleichschaltung über Reichssender München

Am Funkhaus in München hissen die Nazis die Hakenkreuzfahne im März 1933. Sie besetzen den Bayerischen Rundfunk, den sie gleichschalten und zum wichtigen Propagandainstrument ausbauen. Sie nennen ihn den "Reichssender München".

"Der Rundfunk ist das modernste Massenbeeinflussungsmittel", sagte Propagandaminister Joseph Goebbels. Gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gibt er die Parole aus: "Rundfunk in jedes Haus". Hunderttausendfach lässt er den deutschen Volksempfänger produzieren, ein billiges Radiogerät, das in der Bevölkerung "Goebbels-Schnauze" genannt wird und das es für nur 35 Reichsmark zu kaufen gibt. So war es den Nazis ein Leichtes, ihre Propaganda erfolgreich zu verbreiten und die Massen gleichzuschalten.

Durchhalteparolen für die Front, Unterhaltung für zu Hause

Zarah Leander singt für die Frontsoldaten "Davon geht die Welt nicht unter" - auch noch als der Krieg schon längst verloren ist, und sich die deutsche Armee in Stalingrad ergeben hat. Die Soldaten sollten zum Durchhalten motiviert werden. Münchner Unterhaltungskünstler wie der Weiß Ferdl und Karl Valentin sind im Radio zu hören. Unterbrochen wird das Programm regelmäßig durch Berichte von der Front, später dann auch über die Angriffe der Alliierten und über den Einmarsch der Truppen ins Deutsche Reich.

"Feind-Hören" - verboten

Wer sich informieren will, wie es wirklich steht um vermeintliche Kriegserfolge wenige Monate vor der Kapitulation - der kann das nur bei ausländischen Sendern tun, was die Nazis aber unter Strafandrohung verboten haben. Um sicher zu gehen, dass nicht beim Feind mitgehört wird, stören sie gezielt zum Beispiel das deutschsprachige Programm der BBC. Dort kommentiert regelmäßig der Schriftsteller Thomas Mann die Lage in Deutschland; Mann selbst war in die USA emigriert.

"Es gibt keinen Nazi-Sieg. Alles, was so aussieht (...) ist im Voraus annulliert. Diese Menschen leben in dem unbegreiflichen Wahn, sie könnten, da ihnen schon die Weltherrschaft entgangen, durch hingezogenen Widerstand die Alliierten ermüden, sie zu einem Verhandlungsfrieden (...) zwingen, bei dem das Nazi-Regime bestehen bliebe. Glaubt ihr daran? (...) Schöpft keine falsche Hoffnung."

Thomas Mann am 1. Januar 1945 über die BBC

Der Reichssender als Ziel von Luftangriffen

Seit August 1942 wird München regelmäßig von den Alliierten bombardiert. Ziel ist immer wieder auch der Reichssender: Bei mehreren Angriffen im Juli 1944 wird das Dachgeschoss vollkommen weggerissen und das Gebäude schwer beschädigt, Anfang Oktober wird es bei einem weiteren fast völlig zerstört. Gesendet wird im Notbetrieb aus den Kellerräumen. Wieder getroffen wird das Funkhaus Ende Febuar 1945. Zuletzt sendet der Reichssender München nur noch über ein Notstudio in Ismaning, wo die Sendeanlagen stehen.

Als der Krieg zu Ende geht, liegen die Sendemasten im Deutschen Reich fast überall in Trümmern. Dass die Alliierten Nazi-Deutschland besiegt haben, können nur diejenigen hören, die in Reichweite des Senders Flensburg leben. Am 7. Mai 1945 verkündet Graf Schwerin von Krosigk im Rundfunk die bedingunglose Kapitulation.

Amerikaner übernehmen Radio Munich

Schon ein paar Tage davor, am 30. April 1945, marschieren amerikanische Truppen in München ein. Sie besetzen das zerbombte Funkhaus. Die amerikanische Militärregierung übernimmt den Reichssender München. Bereits am 12. Mai 1945 wird die erste Sendung von "Radio München" ausgestrahlt.

Der Sender dient als Hauptnachrichtenquelle für die Bevölkerung, denn Papier ist knapp. Deshalb gibt es kaum Zeitungen. Ausführlich berichtet wird bei Radio München über die Nürnberger Prozesse, darauf legen die Amerikaner wert. Und gespielt wird Jazz - die Musik, die die Nationalsozialisten verboten hatten. Die Zeit des Terrors ist vorbei.


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