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Hochschule Augsburg Mit digitaler Lehre gut durch die Corona-Krise

Das Coronavirus hat die deutschen Hochschulen vor große Herausforderungen gestellt. Die Hochschule Augsburg reagierte schnell und beschleunigte die Entwicklung ihres Didaktik-Medien-Zentrums. Das Campus Magazin hat mit Lehrenden und Studierenden über ihre Erfahrungen in den letzten Monaten gesprochen.

Von: Tobias Bönte

Stand: 25.08.2020

Studierende erproben die Ausstattung im Medienstudio am Didaktik-Medien-Zentrum der Hochschule Augsburg. Ein Greenscreen ermöglicht Aufnahmen mit unterschiedlichen Hintergründen. | Bild: Markus Wangler/Hochschule Augsburg

Die Hochschule Augsburg hat nach eigenen Angaben während der Coronakrise rund 90 Prozent ihrer Lehre seit Semesterbeginn auf Online-Lehre umgestellt. Dafür wurden bereits Mitte März rund 200 Zoom-Lizenzen für die knapp 170 Professorinnen und Professoren angeschafft, die Lehr- und Lernplattform Moodle als Kommunikationstool umfänglich genutzt – mit mehr als 7.000 Studierendenzugriffen täglich.

Seit Mitte Mai stand laut Angabe der Hochschule für jeden der 6.700 Studierenden eine eigene Zoom-Lizenz zur Verfügung. Online-Seminare und Live-Vorlesungen wurden an allen sieben Fakultäten angeboten.

So konnte sogar die Notenabgabe zum 31. Juli an die Studierenden eingehalten werden. Für viele Studentinnen und Studenten im Zuge von Bewerbungen für Praktika Auslandssemester oder auch Masterstudiengängen ein wichtiger Faktor.

Welche Erfahrungen haben Studierende und Lehrende während des Semsters gemacht? Lief auch manches nicht so rund? Dazu hat das Campus Magazin mit László Kovács, dem Vizepräsidenten für Studium und Lehre an der Hochschule Augsburg, sowie mit Philipp Schubaur, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Studentischen Konvents der Hochschule Augsburg, gesprochen.

Wie waren die Erfahrungen mit der digitalen Lehre?

Prof. László Kovács

Prof. László Kovács: Persönlich habe ich mir die Umstellung für meine Lehrveranstaltungen viel schwieriger vorgestellt. Ich bin es gewohnt, selbst Vorlesungen sehr interaktiv zu gestalten und nicht nur sachliche Information zu vermitteln. Die meisten technischen Möglichkeiten, die ich in diesem Semester genutzt habe, standen bereits zuvor zur Verfügung, aber ich habe sie nicht genutzt. Ich fand und finde den persönlichen Austausch sehr wichtig. Die Technik macht das Tempo langsamer. In einem Hörsaal habe ich alle Personen im Blick und wenn jemand eine Frage stellen will, sehe ich das sofort und kann sehr schnell reagieren. In einem virtuellen Raum sind Reaktionen oft schriftlich und daher langsamer. Ich habe etwas mehr Zeit zum Nachdenken und um präziser zu antworten. Die Verspätung zerstreut ein wenig den roten Faden der Vorlesung und ich kann mir vorstellen, dass manche Studierenden aus diesem Grund auf ihre Wortmeldung verzichten. Andere finden es leichter, eine Frage zu stellen, die sich eine öffentliche Wortmeldung in der Präsenz nicht zugetraut hätten. Diesen Studierenden kommt die virtuelle Lehre zugute.

Ich habe zugleich die digitale Lehre aus der Perspektive der Hochschulleitung erfahren. Wir haben wenige Wochen vor dem Ausbruch der Pandemie unsere institutionellen Strukturen für die Unterstützung der Digitalisierung in der Lehre neu geschaffen. Unser Didaktik-Medien-Zentrum (DMZ) wurde im Februar gegründet. Die notwendigen personellen Entscheidungen wurden geschaffen und Zuständigkeitsbereiche geklärt. Ohne das neu gegründete Team und die effiziente Kooperation zwischen dem Rechenzentrum und dem DMZ hätte uns das Semester viel schlimmere Überraschungen bereitet.

Philipp Schubaur

Philip Schubaur: Ganz grob teilt sich das Semester vom Gefühl her in drei Blöcke. In der Anfangseuphorie wurden die veränderten Umstände von Studierenden und Lehrenden mitgetragen. Man war innerhalb von ein bis zwei Wochen am Ball. Die Online-Lehre hat super funktioniert. Die Professoren waren engagiert und die Studierenden haben schnell reingefunden. Was dann passiert ist war etwas unglücklich. Die Stimmung ist Ende Mai, Anfang Juni, etwas gekippt. Man muss sich das so vorstellen: Als Studierender ist man je nach Wohnsituation eingesperrt auf 17 Quadratmetern, zumindest im Studierendenwohnheim. Man hat die Freunde nicht mehr gesehen. Es ist eine gewisse Grundaggressivität entstanden. Das war aber eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. In diese Zeit ist die Tatsache gefallen, dass die Professor:innen die Hausarbeiten verlangt haben und den Prüfungsplan bekannt gegeben haben. Da hat es dann geknirscht unter der Haube. Die Situation war sehr hitzig. Dann aber haben die Professor:innen erkannt, dass es jetzt Fingerspitzengefühl braucht. Sie haben sehr klar definiert, was prüfungsrelevant ist. Sie haben die Anforderungen zum Teil gekürzt und haben ihre Erwartungen etwas heruntergeschraubt. Jetzt, nach der Prüfungsphase, müssen wir feststellen, dass die Lösung der Hochschule Augsburg mit den Prüfungs-Zelten sehr gut klappt.

Was lief gut und was lief noch nicht so rund und warum?

László Kovács: Sowohl die Technik als auch der Teamgeist haben super funktioniert. Die Experten aus dem Rechenzentrum der Hochschule haben uns gesagt, wie wir die Ressourcen optimal nutzen können. Wir haben uns hochschulweit auf bestimmte Lizenzen geeinigt. Die einheitliche Lizenz für die gesamte Hochschule hat auch den Studierenden das Leben leichter gemacht, denn sie haben in den meisten Vorlesungen die gleiche Software benutzt und mussten sich nicht immer auf neue Formate einstellen. Sie konnten sogar den Lehrenden Tipps aus anderen Vorlesungen mitgeben. Lehrende haben sich aber auch gegenseitig unterstützt. An manchen Fakultäten wurde eine Didaktik-Stunde pro Woche vereinbart, in der Lehrende ihre Erfahrungen in der virtuellen Lehre unter sich ausgetauscht haben. Vor allem am Anfang waren diese Initiativen sehr aktiv.

Zwei Schwierigkeiten hatten wir trotz der positiven Aufbruchstimmung. Zum einen waren einige Lehrende nicht in der Lage, einen schnellen Wechsel in die virtuelle Lehre hinzubekommen. Das konnte viele Gründe haben. Ältere Professor:innen haben uns immer wieder überrascht, wie gut sie mit den Möglichkeiten der Lehrplattformen umgehen konnten, aber nicht alle waren technisch so affin. Zum anderen waren gerade die jüngeren Lehrenden in ihrer Familie durch die Schulschließungen mit ihren Kindern beschäftigt und wenn beide Eltern in der Lehre tätig waren, konnten sie teilweise nur nachts arbeiten. Der dritte Grund für die verzögerte oder unvollständige Umstellung auf die digitale Lehre hat sich aus dem Lernstoff ergeben. Es gibt Lehrinhalte, die sich nur schwer oder gar nicht in die virtuelle Lehre einbringen lassen. Ein Experiment in einem Labor hat gerade den Wert, dass Studierende das Experiment durchführen und sich nicht nur vorstellen, dass sie es durchführen. Es sind viele kreative Lösungen entstanden. Eine Professorin für angewandte Chemie hat Studierende eingeladen, mit haushaltsüblichen Stoffen zu Hause zu experimentieren. Eine solche Umstellung braucht nicht nur eine klasse Idee, sondern auch viel Vorbereitung und Kommunikation.

"Zwei Schwierigkeiten hatten wir trotz der positiven Aufbruchstimmung. Zum einen waren einige Lehrende nicht in der Lage, einen schnellen Wechsel in die virtuelle Lehre hinzubekommen. [...] Zum anderen waren gerade die jüngeren Lehrenden in ihrer Familie durch die Schulschließungen mit ihren Kindern beschäftigt."

(László Kovács)

Wenn einige Vorlesungen aus diesen Gründen nur mit Verzögerung starten konnten, mussten andere umso schneller sein und in der ersten Semesterhälfte mehr anbieten. Die Koordination dieser Veranstaltungen war schwierig und wir haben unsere Studierenden sicher an manchen Stellen über- an anderen unterfordert.

Einweihung des Didaktik-Medien-Zentrums an der Hochschule Augsburg mit Staatsminister Bernd Sibler (2. v.l.).

Philipp Schubaur: Man ist in der reinen Online-Lehre ungefähr um ein Drittel ineffizienter, was die Vermittlung von Inhalten angeht. Man kann nicht über Zoom in der gleichen Zeit den gleichen Inhalt transportieren wie in Präsenzveranstaltungen. Manche Dozent:innen haben in diesem Sommersemester einfach den Präsenzvorlesungs-Inhalt digital gehalten, das war aber ja aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit nicht anders möglich. Die Studentische Vertretung hat daher bereits am 24. April schon einmal Empfehlungen zur Online-Lehre an das Präsidium weitergegeben. Was darin steht, gilt weiterhin. Wir als Studierende wünschen uns, dass Professor:innen vielleicht noch ein bisschen variabler sind in der Ausgestaltung der Online-Vorlesungen. Mit dem Didaktik-Medien-Zentrum der Hochschule gibt es dazu nun auch einen Erfahrungsaustausch. Wir haben mit dem DMZ einen neutralen Ansprechpartner gefunden. Die Mitarbeiter:innen dort sind offen für unsere Fragen und Anregungen. Das ist sehr gut. Viele Lehrende sind ja dazu bereit, ihre Vorlesungen umzustrukturieren, wenn es denn länger nötig sein sollte, digitale Lehre abzuhalten. Nicht so elementare Inhalte könnte man dann zum Beispiel auch mal weglassen. Denn es ist unglaublich schwierig, ein hohes Tempo anzusetzen in einer Online-Vorlesung. Die Studierenden müssen sich aber auch darauf einstellen, dass es mehr Selbststudium geben wird.

Sollen in Zukunft mehr Lehrveranstaltungen digital absolviert werden?

László Kovács: Das anstehende Wintersemester wird teilweise in Präsenz, teilweise virtuell laufen. Vor allem die Vorlesungen mit großer Teilnehmerzahl müssen virtuell durchgeführt werden. Wir werden die Erfahrungen vom Sommersemester nutzen und weiterentwickeln. Wir diskutieren jetzt schon viel darüber, welche Vor- und Nachteile die virtuelle Lehre im Vergleich zur gewohnten Präsenzlehre hat. Ich bin mir sicher, wenn wir irgendwann aus dem Notbetrieb in den Normalbetrieb zurückkehren, werden wir auf manche Elemente der digitalen Lehre nicht mehr verzichten wollen. Welche das sind, darüber kann ich noch wenig sagen. Sie werden von Lehrenden und von Lehrinhalten abhängen, aber es wird in Zukunft definitiv mehr digitale Lehrformen geben als bisher.

Wie sehen die konkreten Planungen für das kommende Semester aus?

Lázló Kovács: Wir werden Lehrveranstaltungen mit Abstandsregeln durchführen. Das bedeutet, ein Hörsaal, der hundert Sitzplätze hat, wird nur ca. 30 Studierenden Platz bieten. Die anderen müssen entweder zu Hause bleiben und die Vorlesung virtuell besuchen, oder sie gehen, wenn andere Hörsäle noch frei sind, in einen zweiten Raum, in den die Vorlesung übertragen wird. Es wird auch Lehrveranstaltungen geben, die nur digital stattfinden, und andere, die in Kleingruppen mehrfach angeboten werden, damit alle Studierenden in der Präsenz lernen können. Welche Veranstaltungen für welches Format geeignet sind, müssen die Fakultäten entscheiden.

Das Medienstudio an der Hochschule Augsburg bietet den Lehrenden die Möglichkeit, Lehrvideos professionell zu produzieren.

Eine andere Frage ist die Gestaltung der Prüfungszeit. Im Sommersemester konnten wir die Prüfungen in Präsenz durchführen, indem wir Zelte auf dem Hochschulhof aufstellen ließen. Diese Lösung bietet sich für den Winter nicht mehr an, denn die Zelte sind nicht beheizbar. Wir werden neue Prüfungsformen überlegen müssen, welche die erworbenen Kompetenzen angemessen überprüfen können. Digitale Prüfungsformate sind auch eine Alternative. An den juristischen Regeln dieser Prüfungen wird im Ministerium gerade intensiv gearbeitet.

Wie hat Corona die Rollen und Aufgaben von Lehrenden bzw. Studierenden verändert?

László Kovács: Unsere Studierenden sind mit den technischen Möglichkeiten der Digitalisierung oft mehr vertraut als die Lehrenden selbst. Auch für die Gestaltung der Lehrveranstaltung haben sie gute Ideen, die Lehrende beherzigen sollten. Studierende sind neugierig und möchten mehr wissen und können. Wir Lehrende tun das Beste, wenn wir den Studierenden im Lernen mehr Freiheit und Selbstständigkeit geben. Wir müssen immer weniger Fakten vermitteln, denn diese Fakten sind einfach verfügbar. Wir müssen zunehmend auf die Kompetenz achten, wie die Fakten herzustellen sind, wie sie zu hinterfragen sind, wie man sie für die Praxis interpretiert. Wer vom Studium in dieser Zeit erwartet, dass ihm das Wissen eingetrichtert wird, der wird es bei den Prüfungen schwerer haben als zuvor.

Hat der persönliche Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden durch die eher „unpersönliche“ digitale Lehre im vergangenen Semester gelitten? Wie schätzen Sie das ein?

László Kovács: Unser Leitbild sind „gefragte Persönlichkeiten“. Wir wollen unsere Studierenden dazu bewegen, gefragte Persönlichkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft zu werden. Und dafür haben wir in der Vergangenheit zahlreiche Methoden entwickelt. Viele dieser Methoden haben mit dem persönlichen Kontakt zu tun. Wenn Lehrende als Persönlichkeiten auftreten, die ein persönliches Interesse für ihr Fach zeigen und mit ihrer Begeisterung die Studierenden anstecken können, haben wir viel von diesem Ziel erreicht. Die Persönlichkeit der Lehrenden ist also ein zentrales Element unseres Profils. Diese Persönlichkeit wird durch die digitale Lehre weniger erlebbar, sie wird weniger wirksam. Viele unserer Lehrenden haben dieses Problem in den eigenen Lehrveranstaltungen gemerkt und betont, dass sie ein sehr wichtiges Element ihrer Tätigkeit vermissen. Wir werden deshalb sobald es geht zur Präsenzlehre zurückkehren. Bis dahin erforschen wir unsere Möglichkeiten, dieses zentrale Element unserer Lehre unter den gegebenen Bedingungen so gut wie möglich umzusetzen.

Philip Schubaur: Die soziale Komponente ist im Studium extrem wichtig, und die hat komplett gefehlt in diesem Sommersemester. In normalen Zeiten, reist man sich gegenseitig mit und rechnet noch etwas zusammen durch oder macht noch gemeinsam ein Modell fertig. Das fiel komplett weg. Die Selbstdisziplin zu Hause allein vor dem Bildschirm ist schwierig aufrechtzuerhalten. Wir versuchen, das soziale Miteinander jetzt nach den Lockerungen im privaten Umfeld wiederherzustellen, aber es ist nie so, wie wenn man an der Hochschule vor Ort gemeinschaftlich lernt.

Die Studierenden wünschen sich daher auf jeden Fall für das Wintersemester wieder mehr Präsenzlehre. Denn die aktuell veröffentlichten Studien sprechen darüber, wie digitale Lehre aussehen muss aber lassen dabei einen elementaren Aspekt aus dem Blick: Studium ist nicht nur die Vermittlung von Wissen sondern vor allem eines: Eine soziale Weiterentwicklung und Charakterbildung. Selbiges entfällt leider in weiten Teilen der digitalen Lehren. Und dies kann und darf im Interesse von Niemandem sein. Weder von den Hochschulen, noch von der Regierung und erst recht nicht von der Industrie.

Wir benötigen daher die Hochschule als Lern- und Arbeitsort und vor allem als Ort für ein Zusammenkommen unter den aktuell geltenden Hygienemaßnahmen. Wir würden uns in dieser Richtung ein Handeln der Regierung wünschen und nicht immer nur ein Vertrösten auf später. Zumal es aus unserer Sicht völlig unverständlich ist, dass die Wirtschaft mittlerweile wieder zum Normalzustand zurückkehrt, die Gebäude der Hochschulen aber weiterhin zu großen Teilen verschlossen bleiben müssen. Was völlig absurd ist, denn viele Studierende sind auf öffentliche Gebäude und Lernorte angewiesen.

"Wir benötigen [...] die Hochschule als Lern- und Arbeitsort und vor allem als Ort für ein Zusammenkommen unter den aktuell geltenden Hygienemaßnahmen. Wir würden uns in dieser Richtung ein Handeln der Regierung wünschen und nicht immer nur ein Vertrösten auf später."

(Philip Schubaur)

Didaktik-Medien-Zentrum als Erfolgsfaktor

Mitte Mai eröffnete die Hochschule Augsburg ihr Didaktik-Medien-Zentrum. Ursprünglich hätte es erst im Juni 2020 an den Start gehen sollen, doch Corona machte es nötig, diesen Prozess zu beschleunigen. Bereits Mitte März nahm das vierköpfige Team um Prof. Michael Kipp die Arbeit auf und begleitete Studierende und Lehrende beim Einstieg in die Online-Lehre. Ein wichtiges Tool: Das mobile E-Leraning-Studio, das jeden Dozenten schnell zum Video-Profi macht.

Wie funktioniert das mobile E-Learning-Studio konkret?

Prof. Dr. Michael Kipp

Prof. Dr. Michael Kipp, Leiter Didaktik-Medien-Zentrum: Das mobile E-Learning-Studio klingt so bombastisch, dass man denkt, es wäre für einen Professor unmöglich, eine solche Einrichtung in der eigenen Wohnung einzurichten. Das ist aber nicht wahr. Als Ausstattung braucht man nicht mehr als einen Laptop, eine Kamera und ein Mikrofon mit entsprechender Qualität. Als Hintergrund kann man eine Leinwand benutzen. Viele benutzen auch einen virtuellen Hintergrund und sehen aus, als würden sie auf dem Hochschulhof sitzen, im Hörsaal oder in der Bibliothek oder sie verwenden einen offiziellen Hintergrund der Hochschule. Man braucht zudem einen Internetzugang, der die Übertragung der Daten in der entsprechenden Geschwindigkeit ermöglicht, aber dafür sind auch die günstigeren Tarife bereits geeignet.

Eine größere Herausforderung ist die Benutzung der Lernplattform. Unsere Hochschule arbeitet mit Moodle und mit Zoom. Diese beiden bieten die Möglichkeit für vielfältige didaktische Methoden an wie Diskussionsforen, Befragungen unter Studierenden, Feedback der Studierenden für die Lehre oder der Lehrenden für Studierende, Einreichen von Hausarbeiten, digitale Prüfungen etc. Für Vorlesungen ist die am häufigsten genutzte Funktion die sogenannte Video-Konferenz in Zoom. Jede Person erscheint in der Videokonferenz mit einem kleinen Bild und kann etwas zur Veranstaltung beitragen. Zoom erlaubt den Teilnehmenden, den Bildschirm des eigenen Rechners zu teilen und damit eine Präsentation wie in einer Vorlesung zu zeigen. Nebenher können die Teilnehmenden in einem kleinen Chat-Fenster schriftliche Ergänzungen hinzufügen oder Fragen stellen. Sie können sich auch unter sich austauschen, d.h. gezielt sich anschreiben, ohne dass der Referent oder die Referentin dabei angesprochen wird. Größere Gruppen können auch in sogenannte Brake-out-rooms aufgeteilt werden. Der Moderator kann die Arbeit der Kleingruppen begleiten, die Diskussion anregen oder die Rückkehr in die gemeinsame Video-Konferenz anregen.

Welche Erfahrungen konnten gesammelt werden? Welche Learnings hat man gemacht?

Michael Kipp: Wenn ein Dozent seine Lehrveranstaltung mit den verfügbaren Tools durchführen kann, fällt nicht auf, dass im Hintergrund die richtigen Entscheidungen für die Entwicklung und Absicherung der Technik und eine hervorragende Teamarbeit geleistet wurden. All das wird nur sichtbar, wenn die Technik nicht funktioniert. Wir wussten bereits zu Beginn des Semesters, wir werden in digitalen Vorlesungen durch die Übertragung von Ton und Bild große Datenmengen produzieren, mit denen wir keine Erfahrung haben. Das wollten auch andere Hochschulen und Schulen gleichzeitig tun. Wir haben uns deshalb innerlich auf die Situation vorbereitet, dass der technische Hintergrund zusammenbricht und dass wir gegebenenfalls mehrere Anbieter brauchen. Zoom hat sich jedoch hervorragend bewährt.

Prof. Dr. Manfred Uhl, Experte für Marketing-Management und Unternehmenskommunikation, präsentiert sein mobiles E-Learning-Studio.

Die wichtigsten Funktionen der digitalen Tools mussten wir unseren Lehrenden natürlich erklären. Wir haben verschiedene Fortbildungsformate erprobt, kleine Erklärvideos gemacht, online Kurse für die Nutzung von Moodle und Zoom angeboten, persönliche Beratungstermine und Gesprächskreise eingerichtet. Es zeigte sich am Anfang, dass persönliche Beratung sehr intensiv nachgefragt wurde. Die didaktischen Methoden der Lehrenden sind so verschieden, dass nur wenig standardisiert werden konnte.

Muss man die „klassische“ Lehre ändern, um sie „online-tauglich“ zu machen? Wenn ja, welche Änderungen werden benötigt?

Michael Kipp: Klassische Lehre ist nicht einheitlich. Die verschiedenen Disziplinen haben sehr unterschiedliche didaktische Methoden entwickelt. Diese Vielfalt soll erhalten bleiben. Die digitale Lehre eröffnet aber neue Möglichkeiten, die bisher in keiner klassischen Lehre genutzt wurden. Studierende sind gewohnt, diese Mittel für den Alltag zu nutzen. Sind Studierende im Alltag vertrauter mit digitaler Technik, dann sollten wir diese Kanäle nutzen, um die Inhalte des Studiums zu vermitteln. Digitale Lehre fördert damit die Vielfalt in der Didaktik und geht auf die Interessen und vorhandenen Kompetenzen der Studierenden noch mehr ein. Insofern ist es ein Vorteil für den klassisch lehrenden Dozenten, wenn er sich mit digitalen Lehrmethoden auskennt und diese nutzt. Die gelehrten Inhalte sind meistens online-tauglich.

Diente Corona hier als „Katalysator“, um die digitale Lehre schneller voranzubringen, als es sonst möglich gewesen wäre?

Michael Kipp: Definitiv. Digitale Lehre galt bis zu diesem Semester als eine exotische Methode, für die sich nur wenige begeistern ließen. Heute ist die Kompetenz für digitale Lehrmethoden eine Selbstverständlichkeit. Diese Kompetenz lässt sich noch intensiv weiterentwickeln. Damit meine ich sowohl die individuellen Kompetenzen der Lehrenden, die ein Semester Erfahrung mit dieser Methode haben, als auch die wissenschaftliche Hochschuldidaktik, die sich mit der Entwicklung dieser Methoden beschäftigt. Wir werden in den nächsten Jahren große Fortschritte in diesem Bereich erreichen.

Was sind die nächsten Schritte im Bereich E-Learning? Soll das Angebot weiter ausgebaut werden?

Michael Kipp: Die Nachfrage nach Beratungen ist in der zweiten Semesterhälfte zurückgegangen und die Fragen der Lehrenden wurden immer spezieller. Die Einführungsveranstaltungen werden immer weniger benötigt. Wir werden im kommenden Semester Interessensschwerpunkte der Lehrenden sondieren und auf sie eingehen. 


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