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Digitale Lehre Wenn der Dozent zum YouTuber wird

Sprachwissenschaftler Fabian Bross muss wegen der Corona-Krise seine Kurse an der Uni Stuttgart auf digitale Lehre umstellen. Aus seinem eigenen kleinen TV-Studio unterrichtet er jetzt von seiner Stuttgarter Wohnung aus.

Von: Lukas Hellbrügge

Stand: 22.04.2020

Wenige Tage vor dem bereits verschobenen Beginn des Sommersemesters weiß Hochschuldozent Fabian Bross nicht, was ihn erwartet: Wird er seine Seminare überhaupt halten können? Fällt vielleicht das ganze Semester flach? Oder strömen schon in ein paar Wochen Studierende und Lehrende zurück in den Hörsaal? Dass er bald wieder persönlich unterrichten darf, glaubt er nicht. Deshalb hängt er in seiner Wohnung ein grünes Tuch an die Wand, baut Videokamera und Scheinwerfer auf und nimmt die ersten beiden Sitzungen seiner Kurse auf Video auf.

Vorlesung für Studierende auf Abruf

Sprachwissenschaftler Fabian Bross nützt zur Unterhaltung auch Emojis

Was zunächst nur als Provisorium gedacht war, damit Fabian Bross seinen Stoff trotz des verschobenen Semesterbeginns durchbekommt, ist inzwischen zur Regel an deutschen Hochschulen geworden: Dozierende erstellen kurzfristig digitale Lernmaterialien, organisieren Videokonferenzen oder nehmen ihre Vorlesungen auf Video auf. Fabian Bross kann frei wählen, auf welche Weise er unterrichten will und hat sich bewusst gegen einen Livestream und für eine Vorlesung auf Abruf entschieden:

"Erstens liegt das bei mir jetzt daran, dass ich zwei sehr große Seminare habe, da sind einmal 80 und einmal 100 Leute drin. Da wäre eine Interaktion über eine Webkonferenz nur sehr eingeschränkt möglich. Und andererseits ist es auch so, dass ich Rückmeldung von Studierenden bekommen habe, die haben systemrelevante Nebenjobs. Da ist es wichtig, dass die sich die Zeit frei einteilen können."

Fabian Bross, Sprachwissenschaftler an der Uni Stuttgart

Screenshot aus Fabian Bross Online-Vorlesung

Bross forscht zum Thema Gebärdensprache, er setzt dafür bereits seit mehreren Jahren Videotechnik ein. Diese Expertise kommt ihm jetzt in der Corona-Krise zu Gute. Andere Dozierende tun sich schwerer mit den neuen Medien:

"Ich glaube ganz ehrlich, dass es die Lehrenden in zwei Lager aufspalten wird und ich nehme das jetzt schon so wahr: In Leute, die technisch versiert sind und welche, die Probleme mit so etwas haben."

Fabian Bross, Sprachwissenschaftler an der Uni Stuttgart

Vom einfachen Skype bis zum "One Button Recording Studio"

Sprachwissenschaftler Fabian Bross bei der Nachbearbeitung der Online-Vorlesung an seinem Computer

Die Hochschulen haben deshalb eigene Unterstützungsangebote für die digitale Lehre aufgelegt. Das reicht vom Online-Austauschforum für Dozierende bis zum einfach zu bedienenden "One Button Recording Studio". Trotzdem wirkt vieles zum Semesteranfang noch improvisiert, nicht jede Veranstaltung kann stattfinden. Dass die Unis jetzt mehr digital arbeiten freut Sprachwissenschaftler Bross trotzdem, aber er sieht auch Grenzen:

"Ich denke, dass das schon etwas bewirken kann, dass die Leute mehr und verstärkt auf digitale Techniken zurückgreifen werden. Ich bin aber sehr sicher, dass die Online-Lehre die Präsenzveranstaltungen niemals ersetzen können. Die direkte Interaktion ist unersetzlich."

Fabian Bross, Sprachwissenschaftler an der Uni Stuttgart


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