Kultur


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Nobelpreis-Rede Kazuo Ishiguro hält Appell an die Literaturwelt

Kazuo Ishiguro hat den Literaturnobelpreis 2017 erhalten. Der Schriftsteller habe Romane von großer emotionaler Kraft geschrieben, begründete die Schwedische Akademie ihre Wahl. Ishiguros Nobelrede war ein flammender Appell.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 07.12.2017 | Archiv

Es war eine kleine Überraschung, als Kazuo Ishiguro im Oktober den Literaturnobelpreis 2017 verliehen bekam. Obwohl er keineswegs ein Geheimtipp war, sondern international bekannt für Romane wie "Was vom Tage übrig blieb", "Als wir Waisen waren" oder "Alles, was wir geben mussten" war er nicht aufgetaucht auf den Listen der aussichtsreichen Kandidaten, die im Vorfeld der Preisvergabe kursierten. In seiner Nobelpreisrede am 7. Dezember zeichnete Ishiguro am Ende ein düsteres Bild von der Welt – und eröffnete zugleich eine Perspektive, wie Literatur dazu beitragen könnte, wieder eine gemeinsame Vision davon zu entwickeln, wie wir leben wollen.

Literatur als Übung in Empathie

Im vergangenen Jahr sei er gezwungen gewesen, einzusehen, "dass der unaufhaltsame Fortschritt liberal-humanistischer Werte, die ich seit meiner Kindheit für selbstverständlich hielt, möglicherweise eine Illusion war", sagte Ishiguro in Stockholm. Die Zeit seit dem Fall der Berliner Mauer sei "eine der Selbstgefälligkeit, der verlorenen Möglichkeiten". Dadurch vermehrten sich jetzt rechte Ideologien und Nationalismus auf der Welt. "In Zeiten gefährlich zunehmender Spaltung müssen wir zuhören", forderte der Nobelpreisträger. Und gerade das könne Literatur lehren, die schließlich eine Übung darin sei, fremde Sichtweisen einzunehmen.

Lesung in "radioTexte - Das offene Buch" auf Bayern 2

"Was vom Tage übrig blieb", die legendäre, auch verfilmte Geschichte um den Butler Stevens, ist ein Meisterwerk Kazuo Ishiguros. Ishiguro greift das Stereotyp des Butlers auf, der nur dienen soll und keine eigenen Gefühle haben darf – nur um deutlich zu machen, dass er eigentlich in uns allen "Diener" sieht. Der Roman erzählt von der Angst vor Gefühlen, von einer ungelebten Liebe und den politischen Verwicklungen zwischen den Weltkriegen um 1925.

Ulrich Matthes liest die zentrale Passage, in der Stevens vollauf beschäftigt ist mit einer internationalen Konferenz, die das Schloss Darlington Hall nach dem 1. Weltkrieg zur politischen Bühne macht. Ausgerechnet in diesen hektischen Tagen stirbt sein Vater – und Stevens muss sich entscheiden zwischen Butler-Pflichten und seinen eigenen Gefühlen.

radioTexte - Das offene Buch, 10. Dezember, 11 Uhr

Ein Meister einfühlsamer Prosa

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren und kam schon 1960 mit seiner Familie nach Großbritannien. Seine ersten beiden Bücher spielen in seiner japanischen Geburtsstadt, später verlegte er den Schauplatz seiner Texte in seine neue Heimat.

Sara Danius von der Schwedischen Akademie bei der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises 2017 an Kazuo Ishiguro

"Ich sehe zwar japanisch aus, bin aber ein britischer Schriftsteller", hat Ishiguro im vergangenen Jahr der japanischen Tageszeitung "Mainichi Shimbun" gesagt, und in der Tat finden sich in seinen Büchern sehr britische Settings. Etwa in "Was vom Tage übrig blieb", der melancholisch-bitteren Geschichte vom Leben eines Butlers in der Vor- und Nachkriegszeit und seinem in den Nationalsozialismus verstrickten Dienstherren. Der Roman erschien 1989, machte Ishiguro international bekannt und wurde mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Ishiguro schreibt nicht nur hier einfühlsam, fein und psychologisch genau, zugleich rührt seine Prosa an die Rätsel und Abgründe der Existenz. Die ganz großen Themen packen seine Bücher an Einzelschicksalen an: Einsamkeit und gesellschaftliche Zwänge, individuelle Identität und Familienverstrickungen. Der Leser kommt Ishiguros Figuren sehr nahe - und wird wie sie mit den Tiefen und Schmerzen des Lebens, mit Selbsttäuschung und Vergänglichkeit konfrontiert. Genau diese ungewöhnliche und bestechende Spannung zeichnet die Schwedische Akademie aus.

"Kazuo Ishiguro hat in Romanen von großer emotionaler Kraft den Abgrund unter unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt bloßgelegt."

Begründung der Schwedischen Akademie zur Nobelpreisvergabe

Die existenzielle Verlassenheit des Menschen

Ein wichtiges Motiv in Ishiguros Werk ist die existenzielle Verlassenheit des Menschen. Sie verkörpert sich exemplarisch in der Gestalt von Waisen, die er wiederholt zu den Helden seiner Romane gemacht hat.

In "Als wir Waisen waren" (2000) geht der Protagonist dem rätselhaften Verschwinden seiner Eltern in den Tagen seiner Kindheit in Shanghai nach, in "Alles, was wir geben mussten" (2005) erzählt Ishiguro von einem Internat, in dem Jugendliche als menschliche Ersatzteillager, als Klone für Organspenden gehalten werden. Diese sanfte Dystopie von Kazuo Ishiguro kommt ohne die möglichen grellen Effekte des Genres aus - und ist wohl genau dadurch umso eindrücklicher. Das Buch wurde wie andere des Schriftstellers auch fürs Kino adaptiert. Der jüngste Roman Ishiguros, "Der begrabene Riese" (2015), geht dann wieder zurück in der Zeit, weit zurück diesmal: Er spielt in einem halb mythischen England des sechsten Jahrhunderts, einer Zeit der Kriege und Eroberungen, von der der Autor in einer Mischung aus historischem Roman und Fantasy erzählt.

Statements zum Literaturnobelpreis an Kazuo Ishiguro

Kehlmann

"Er ist ein ganz würdiger Nobelpreisträger, und ich erlebe an dem Tag, da er den Nobelpreis bekommen hat und an den Tagen danach etwas ganz Bemerkenswertes: Alle möglichen Bekannten und Freunde schicken mir SMS darüber, dass sie sich so freuen. Sie freuen sich, weil dieser Autor sie zu verschiedenen Momenten ihres Lebens so gepackt und berührt und bewegt hat. D.h., man merkt plötzlich, das ist ein Schriftsteller, der eine sehr starke emotionale Wirkung auf viele Menschen ausgeübt hat."

Schriftsteller Daniel Kehlmann

Scheck

"Die schwedische Akademie hat mit dieser Entscheidung ihr Brett vor dem Kopf in ein Fenster zur Welt verwandelt. Ishiguro ist ein idealer Brückenbauer nicht nur zwischen Japan und Großbritannien, sondern auch zwischen der fantastischen Literatur und Science Fiction hin zum bürgerlichen Roman."

Literaturkritiker Denis Scheck

Heidenreich

"Eine ganz fabelhafte Entscheidung. Ishiguro ist einer von den sehr Leisen, Klugen. Es ist ihm gelungen, Japan und Europa in seinen Geschichten zusammenzufügen. Denn die Gefühle der Menschen sind hier wie dort gleich, es äußert sich nur anders. Seine Literatur verbindet, sanft und leise."

Literaturkritierin und Autorin Elke Heidenreich

Weidermann

"Was für eine großartige Wahl! Kein anderer Schriftsteller unserer Zeit kann mit so leisen, diskreten, vorsichtigen Romanen so tief und intensiv in das Leben seiner Helden vordringen. Er schreibt Bücher wie auf Katzenpfoten. Möge der Lärm des Nobelpreisruhms, der nun über ihn hereinbricht, nicht die herrliche Stille seiner Bücher stören. Denn wir brauchen noch viel leise Ishiguro-Meisterwerke!"

Literaturkritiker Volker Weidermann

Danius

"Ich würde sagen, wenn sie Jane Austen - ihre Sittenkomödien und ihre psychologischen Einblicke - mit Kafka mischen, dann haben sie Ishiguro."

Sara Danius, Ständige Sekretaärin der Schwedischen Akademie

Heubner

"Kazuo Ishiguro hat in seinem Werk viel zu einem Erinnerungsprozess beigetragen, der weltweit Menschen berührt und auf die Reise zu sich selber schickt."

Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee

Keine Experimente

Mit Kazuo Ishiguro zeichnet die Schwedische Akademie einen Autor aus, der bei Publikum und Kritik gleichermaßen angesehen ist - vielleicht ist das auch eine Reaktion auf die vielen Debatten nach der Preisvergabe des vergangenen Jahres an Bob Dylan. Ishiguro war nicht unter den Favoriten, als Kandidaten hoch gehandelt wurden die Kanadierin Margaret Atwood, der Japaner Haruki Murakami und der Kenianer Ngũgĩ wa Thiong'o.

Der Preisträger selbst erfuhr von seinem Glück aus der Öffentlichkeit: Jury-Chefin Sara Danius sagte in Stockholm direkt nach der Bekanntgabe, der Autor werde von der Entscheidung der Akademie ebenso überrascht wie der Rest der Welt, sie habe ihn zuvor nicht erreicht, werde jetzt aber versuchen, ihn anzurufen. Die BBC kam ihr allerdings zuvor. Zuerst habe er an einen Scherz geglaubt, sagte Ishiguro über den Anruf des Senders, dann nannte er den Nobelpreis eine große Ehre, werde er damit doch in eine Reihe mit den größten Autoren gestellt, die je gelebt haben. Und er machte einen über die Literatur hinausweisenden Zusammenhang auf: "Die Welt befindet sich in einem sehr unsicheren Moment und ich möchte hoffen, dass alle Nobelpreise eine Kraft für etwas Positives" in dieser Situation sein könnten, so Ishiguro.


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