Bayern 2


4

Frauenprobleme Sex im Alter bei Frauen

Inkontinenz, Scheidentrockenheit, mangelnde Lust und Erregbarkeit – es gibt viele Faktoren die ein befriedigendes Sexualleben im Alter einschränken können. Glücklicherweise lassen sich die meisten erfolgreich behandeln.

Von: Uli Hesse

Stand: 12.09.2019

Älteres Paar, das sich liebt | Bild: picture-alliance/dpa

Mit den Wechseljahren verändert sich für viele Frauen das Verhältnis zu ihrem Körper. War davor höchstens ein Verhütungsmittel notwendig, um ein unbeschwertes Sexleben zu genießen, werden jetzt Hormone oder Gleitmittel fällig, um die schmerzhafte Trockenheit zu vermeiden. Inkontinenz kann zu peinlichen Situationen führen aber lässt sich gut behandeln. Safer Sex bleibt ein Thema, und der Lust lässt sich bedingt nicht nur mit Fantasie, sondern auch einigen Präparaten nachhelfen. Mit Erfolg: Drei Viertel der Senioren beiderlei Geschlechts unter 70 haben Studien zufolge regelmäßig Sex, bei den unter 80-Jährigen ist es immer noch die Hälfte und bei den unter 90-Jährigen ein Drittel.

Scheidentrockenheit

Viele Frauen leiden darunter. Mit Eintreten der Wechseljahre fallen die weiblichen Geschlechtshormone ab: Die Eierstöcke stellen ihre Produktion ein und es wird viel weniger Östrogen produziert. Augen, Körperhaut und Scheidenhaut werden trockener. Eine Hormontherapie gegen Symptome wie Hitzewallungen und Schlafstörungen hält das natürlich auf, aber man kann deren Nebenwirkungen vermeiden, indem man statt Tabletten lokal Hormone anwendet. Es gibt Hormone in Form von Zäpfchen oder Cremes, die man in die Scheide appliziert oder einspritzt, und die nur dort wirken. Damit bekommen viele Frauen eine Scheidentrockenheit wieder sehr gut in den Griff.

"Zusätzlich verbessern diese lokalen Hormone eine mögliche Inkontinenz, weil sie auch am Blasenverschluss wirken – das ist wie eine Art Jungbrunnen."

Prof. Dr. Marion Kiechle

Wer überhaupt keine Hormone nehmen will, kann zu Feuchtigkeitscremes für die Scheide greifen. Diese sind nicht ganz so effektiv und man muss sehr viel cremen, denn viele ältere Frauen leiden schon beim Fahrradfahren oder Sitzen unter einem Brennen oder unangenehmen Gefühl in der Scheide, nicht nur beim Geschlechtsverkehr.

Inkontinenz

Wer inkontinent ist und ohne Einschränkungen sein Sexleben genießen möchte, muss beim Arzt die Ursache der Inkontinenz abklären lassen. Es gibt verschiedene Arten von Inkontinenz: Bei einer Senkung der Genitalorgane oder des Blasenverschlusses kann eine kleine Operation über die Scheide sehr erfolgreich sein. Manchmal wird eine Inkontinenz aber auch durch eine Überaktivität der Blasenmuskulatur und der Blasennerven ausgelöst, die man sehr gut mit Tabletten behandeln kann.

Penetrierender Sex hat immer Auswirkungen auf eine Inkontinenz. Wenn der Penis in die Vagina eindringt, drückt er auf die Blase, völlig unabhängig von der Stellung. Und bei einer unbehandelten Blasenschwäche kann dann Urin abgehen. Sobald sie behandelt ist, klappt es meist auch wieder mit dem Sex.

Manche Frauen versuchen das zu umgehen, indem sie längere Zeit vor dem Sex nichts trinken. Doch die fehlende Flüssigkeitszufuhr ist sehr schlecht für die ableitenden Harnwege, denn dann drohen Harnwegsinfektionen.

"Gerade, wenn man einen neuen Partner hat, wird die Harnröhre mit neuen Bakterien konfrontiert und wenn man dann eine schlechte lokale Immunabwehr hat, weil man nicht genügend trinkt, ist das ganz schlecht. Dann folgt schnell die sogenannte Honeymoon-Zystitis."

Prof. Dr. Marion Kiechle

Stattdessen empfiehlt es sich, am Anfang auf penetrierenden Sex zu verzichten, bis die Inkontinenz behandelt wurde, und mit Fantasie und Zärtlichkeit zu ersetzen.

Safer Sex im Alter

Auch im fortgeschrittenen Alter kann man sich mit Geschlechtskrankheiten anstecken. Wer sich davor schützen möchte, verzichtet am Anfang einer Beziehung auf Oralsex und verwendet Kondome bis beide getestet sind. Eine britische Studie ergab, dass sich die Zahl der sexuell übertragbaren Krankheiten in der Gruppe der 50- bis 90-Jährigen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat. Auch hierzulande steigt die Zahl der Neuerkrankungen bei den Senioren. Dazu gehören Chlamydien, Gonorrhö und Syphilis sowie HIV und Hepatitis.

Lustpille für die Frau

Das sogenannte "männliche" Hormon Testosteron beeinflusst die Libido und die sexuelle Aktivität – doch auch Frauen produzieren es. Sinkt nun bei Frauen in den Wechseljahren der Östrogenspiegel ab, steigt im Vergleich der Testosteronspiegel an. Das bedeutet, dass manche Frauen mehr Lust als früher verspüren. Bei anderen lässt der Abfall der weiblichen Hormone eine Unlust aufkommen, die man mit Hormontherapie wieder in den Griff bekommen kann. Das Lusterleben ist also sehr individuell, und man muss vieles einfach ausprobieren.

Für Männer gibt es alleine drei verschiedene PDE-F-Hemmer sowie Testosteron, die alle Lust und Erregung steigern können. Für Frauen gibt es das nicht.

"Es gibt ein Präparat aus Peru-Ginseng, Ingwer und anderen pflanzlichen Substanzen, mit dem ich keine schlechte Erfahrung gemacht habe – Macabido – und zu dem es zwei Studien gibt. Außerdem kann man bei Frauen Hormone oder niedrig dosiert Testosteron geben; letzteres ist allerdings in Deutschland nicht zugelassen."

Prof. Dr. Marion Kiechle

Auch die beiden Wirkstoffe aus den USA für die Lustpille für die Frau sind in Europa nicht zugelassen, daher gibt es hierzulande keine medizinischen Erfahrungen damit. Von Flibanserin – dem älteren Mittel - wurden in den USA bisher nur mehrere tausend Einheiten verkauft; es kann Müdigkeit, Kopfschmerzen und Schwindel verursachen. Und das zweite Mittel - Bremelanotid - kommt erst jetzt im Herbst 2019 auf den amerikanischen Markt. Erregung und Lust bei Frauen zu erzeugen ist einfach viel komplexer als beim Mann.

Ganzheitliche Sexualität

"Man muss immer das Paar betrachten. Die Cousine meiner Mutter beispielsweise war total unglücklich, weil nach einer Krebsoperation im Unterleib praktisch gar nichts mehr ging. Dann rief sie mich eines Tages an und sagte: 'Der liebe Gott hatte ein Einsehen mit uns.' Ihr Mann litt an Prostatakrebs und verlor damit auch das Interesse an Sex. Eine Beziehung hat eben mehrere Dimensionen: Nähe, Streicheln, Sicherheit, Geborgenheit – da muss es dann nicht unbedingt immer zu Orgasmus und Penetration kommen. Jedes Paar lebt Sex anders. Wenn beide zufrieden sind, ist es wunderbar."

Prof. Dr. Marion Kiechle


4