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Humanismus Das Thema

Stand: 07.10.2009 | Archiv

Die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar als Symbol des Humanismus | Bild: picture-alliance/dpa

Humanismus ist seit rund zweieinhalbtausend Jahren grundlegendes Thema bei Philosophen, Schriftstellern und Dichtern. So beschwor auch Friedrich Schiller in seiner Ode "An die Freude" mit der Textzeile "Alle Menschen werden Brüder" die Zukunftsvision einer absoluten Menschlichkeit. Humanität war für den deutschen Dichter ein realisierbares Ideal. Humanität bedeutet jedoch mehr als Menschenfreundlichkeit und verantwortungsvolles Verhalten gegenüber den Mitmenschen. Es ist auch eine Gesinnung, die das Leben, die Freiheit und die Würde des Menschen schützt. Auch der Schweizer Heinrich Pestalozzi, der sein Leben lang daran arbeitete, Humanität zu praktizieren, war überzeugt, dass "wahre Menschlichkeit köstlicher ist als alle Schönheiten der Erde". Der Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder war sogar der Meinung, dass "reinste Menschlichkeit" allein dem Menschen Religion sein könne. Mit dem Begriff "Humanismus" ist auch eine Weltanschauung gemeint, deren Grundwerte in fast allen nationalen Verfassungen verankert sind: Respekt vor der Würde des Menschen, seiner Persönlichkeit und seinem Leben, Toleranz, sowie Gewissens- und Gewaltfreiheit.

Humanist und Humanisten

Der Begriff des "Humanisten" hat gleich mehrere Bedeutungen. Er kann einen Anhänger einer humanistischen Ethik und Moral sein, einen Schriftsteller oder Philosophen, in dessen Werk die Ideale der antiken Kultur einen zentralen Platz einnehmen, bezeichnen. Oder aber einen Lehrer für Altgriechisch und/oder Latein. Auch Schüler, die ein "humanistisches" Gymnasium besucht haben, nennt man einen "Humanisten". Natürlich gibt es aber auch humanistisch gebildete Leute, die überhaupt nicht human sind. Umgekehrt muss man nicht Griechisch oder Latein können, um Goethes Vision von wahrer Menschlichkeit  ("Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!") nahe zu kommen.

Vier Epochen und vier Zeitalter

In der Geschichte der Philosophie wird zwischen vier Epochen unterschieden: Den Humanismus der griechischen und römischen Antike, den Renaissance-Humanismus des 14. und 15. Jahrhunderts, dessen Bildungsideal von der antiken Kultur stark beeinflusst war, den von der Aufklärung begleiteten Neuhumanismus und den Humanismus der Moderne.

Widerspruch und wahres Wesen

Humanistische Denker gingen stets der Frage nach, wie das Glück und Wohlergehen des Einzelnen und ein menschliches Zusammenleben in der Gesellschaft am besten zu realisieren sei. Um das herauszufinden, mussten sie allerdings erst die Antwort auf die Frage finden, was der Mensch überhaupt ist und was sein wahres Wesen ausmacht. Ist er ein "denkendes Schilfrohr" (Blaise Pascal), "Das Maß aller Dinge" (Protagoras) oder des "Menschen Wolf", wie es der englische Philosoph Thomas Hobbes beschreibt? Ohne Zweifel ist, dass das Wesen des Menschen erschreckend widersprüchlich ist.

Selbsterkenntnis und der Weg zum Einklang

Der griechische Philosoph Heraklit fand heraus, dass der weise Mensch sich selbst als Teil eines Ganzen begreift. "Der Mensch hat die Aufgabe, die alles durchwaltende Weltvernunft auch in sich selbst zu erkennen und sein Handeln danach auszurichten". Um mit sich selbst im Einklang zu sein und richtig zu handeln, muss er sich aber seiner eigenen Stärken und Schwächen bewusst werden. Die Frage ist nur, wie sich ein Mensch sicher sein kann, dass die Erkenntnisse über sich auch wirklich wahr sind. Zumal laut Protagoras es "keine absoluten, sondern nur relative Wahrheiten" gibt.

Wissen und Nichtwissen

Der einzelne Mensch kann somit nur das Maß seiner subjektiven Erkenntnis sein. Schon Sokrates wollte jedoch diesen Relativismus überwinden. Sein Leitspruch "Erkenne dich selbst" und sein Interesse galt der Frage nach dem wahren moralischen Leben. Allerdings musste er auch immer wieder feststellen, dass die meisten Menschen weder Wissen über tugendhaftes und moralisch tüchtiges Handeln gegenüber anderen Menschen besitzen, noch über ihre Unwissenheit. "Und dennoch kommt ein jeder sich sehr weise vor".  Laut Platon, dem Schüler Sokrates, ist somit der, der um sein Nichtwissen weiß, "eine Kleinigkeit weiser". Da jedoch Sokrates davon überzeugt war, dass jeder Mensch eine natürliche Anlage in sich  trägt, gut und somit auch glücklich zu sein, genügt es seiner Meinung nach, das Gute zu wissen, um es auch zu tun. Wer dagegen Böses tut, sei ein Opfer seines fehlenden Wissens.

Gut und Böse

Für den deutschen Sozialpsychologen Erich Fromm bedeutet "Gut" im Sinn der humanistischen Ethik die Bejahung des Lebens, die Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten. Tugend sei, sich der eigenen Existenz gegenüber verantwortlich zu fühlen. Das Böse führe dagegen zur Lähmung der menschlichen Kräfte. Laster sei die Verantwortungslosigkeit sich selbst gegenüber. Fromm glaubte jedoch auch an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen.

Unvereinbar waren für den römischen Staatsmann Cicero Ungerechtigkeit, Brutalität und Ignoranz mit dem vom ihm geprägten Begriff "humanitas". Und auch der französische Philosoph Jacques Maritain griff die Vorstellung auf, dass der Mensch die hohe Bestimmung hat, das Gute in sich zu kultivieren.

Erziehung und Aufklärung

Das 18. Jahrhundert war nicht nur von humanistischen Gedanken geprägt, sondern auch von dem Glauben an den moralischen Fortschritt, in dem der Mensch einer Erziehung bedarf, um gut und vollständig zu werden. Immanuel Kant rief dagegen auf, Mut zu haben, und sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Denn "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit". Auch heute noch zählen Gleichgültigkeit, Trägheit und Feigheit zu den schlimmsten Schwächen des Menschen.

Was wir sind und was wir wollen

Während der Humanist Pico della Mirandola den Menschen als die Krone der Schöpfung bezeichnete, erklärte Jean-Paul Sartre, dass der Mensch nichts anderes ist als sein eigener Entwurf, und er nur in dem Maß existiert, in dem er sich verwirklicht. Für Francesco Petrarca stand dabei Weisheit nicht im Vordergrund, sondern ein besserer Mensch zu werden. Dabei müsse der Mensch nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den guten Willen haben, um gut zu werden.

Der Mensch und das Problem

Dass sich zu keiner Zeit der Geschichte der Mensch so problematisch geworden ist, wie in der Gegenwart, stellte schon vor rund 80 Jahren der deutsche Philosoph Max Scheler fest. Als Gründe nannte Siegmund Freud die "drei großen Kränkungen", welche die "naive Eigenliebe" der Menschheit von der Wissenschaft hatte hinnehmen müssen: Dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, der Mensch vom Tierreich abstammt und er von seinem Unbewussten beherrscht wird. Weder als Ebenbild Gottes, noch eines Affen oder der Gesellschaft wollte auch der philosophische Schriftsteller Ludwig Marcuse den Menschen sehen.

"Denn er hat gelernt, zwischen seinen beiden Erfindungen, dem Engel und der Bestie, ein umrissloses, vieldeutiges Leben zu führen."

Ludwig Marcuse


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