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Die Bücherverbrennung Das Thema

Die Bücherverbrennungen, die auf Initiative der Deutschen Studentenschaft am 10. Mai 1933 parallel in etwa 20 deutschen Hochschulstädten stattfanden, waren neben einem engstirnigen und menschenverachtenden Kulturbegriff vor allem von starkem Antisemitismus getragen. Die Deutsche Studentenschaft war die Dachorganisation für Studentenvertretungen im ganzen Land, in denen seit 1931 Mitglieder des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes das Sagen hatten.

Stand: 05.01.2012 | Archiv

Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten 1933 | Bild: picture-alliance/dpa

Auch wenn die beiden Organisationen um den Vertretungsanspruch der Studenten konkurrierten, so teilten sie doch ein gemeinsames Ziel: die Eingliederung der Studenten in den nationalsozialistischen Staat. So ist es kaum verwunderlich, dass die Bücherverbrennung ganz der antijüdischen Weltsicht der neuen politischen Machthaber um Adolf Hitler entsprach. Doch auch bevor die Nationalsozialisten die studentischen Organisationen dominierten, war der Antisemitismus unter deutschen Studenten schon seit dem Beginn des Kaiserreichs verbreitet gewesen. Nicht zuletzt angestachelt durch Professoren wie den Berliner Historiker Heinrich von Treitschke, der 1879 in einem Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern schrieb, "Die Juden sind unser Unglück." So waren viele Studenten bereits während der Zeit der Weimarer Republik nicht nur ausgesprochen antirepublikanisch, sondern hatten auch eine stark nationalistische Einstellung, die von völkischem und judenfeindlichem Denken geprägt war. Die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten fiel an den Universitäten und Hochschulen also auf fruchtbaren Nährboden.

Das historische Vorbild der Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933

Die Deutsche Studentenschaft bezog sich mit den Bücherverbrennungen bewusst auf ein historisches Vorbild, das Wartburgfest des Jahres 1817. Damals hatten sich etwa 450 Studenten aus elf deutschen Universitätsstädten zu einem Fest auf der Wartburg versammelt. Geladen hatte die Jenaer Burschenschaft, die als "Urburschenschaft" gilt. Anlass war die Erinnerung an die Reformation von 1517 und an die Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813. Mit dem Treffen demonstrierten die Studenten für einen liberalen deutschen Nationalstaat. So verbrannten sie dort symbolisch Bücher, etwa den "Code Napoléon" und die "Geschichte des deutschen Reichs von dessen Anfängen bis zu seinem Untergang" von August von Kotzebue, der die in seinen Augen revolutionären Burschenschaften und den Liberalismus kritisierte. Mit diesem Bezug zum Wartburgfest erreichte die Deutsche Studentenschaft 1933 auch bei den studentischen Burschenschaften große Akzeptanz.

"Aktion wider den undeutschen Geist"

Die von der Deutschen Studentenschaft geplante und gesteuerte "Aktion wider den undeutschen Geist" war eine vierwöchige Kampagne, die mit den Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 ihren Höhepunkt finden sollte. Sie sah die Aktion als Fortführung des nationalsozialistischen Boykotts jüdischer Geschäfte Anfang April und als Beitrag zur "Erneuerung des Reichs". Im Rahmen der Aktion hängten Studenten an Universitäten das von den Führern der Deutschen Studentenschaft in Abstimmung mit dem Philosophieprofessor Alfred Baeumler verfasste Plakat mit zwölf Thesen "Wider den undeutschen Geist" auf. Sie gipfelten in der Feststellung: "Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude, und der, der ihm hörig ist."

Boykott unerwünschter Professoren und Studenten

In letzter Konsequenz zielten die Thesen darauf ab, Juden vom "deutschen Geistesleben" auszuschließen. Es wurde gefordert, Professoren und Studenten danach auszuwählen, wie sicher ihr Denken "im deutschen Geiste" ist. Und die nationalsozialistischen Studenten ließen Taten folgen. Am 7. April war das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wirksam geworden, das erlaubte, Beamte nichtarischer Abstammung in den Ruhestand zu versetzen und politisch nicht linientreue Beamte zu entlassen. Die Deutsche Studentenschaft sah das als gute Gelegenheit dafür an, einen Professorenboykott in ihre "Aktion wider den undeutschen Geist" mit einzubeziehen.

Schon in den Jahren zuvor hatten nationalsozialistische – Studenten mit ihrer Hetze dafür gesorgt, dass Professoren die Universitäten verlassen mussten. Nun hielt die Führung der Deutschen Studentenschaft die Studentenvertretungen an den Hochschulen vor Ort dazu an, ihr die Hochschullehrer zu nennen, die unter das neue Gesetz fielen, die also "Juden sind oder kommunistischen Organisationen bzw. dem Reichsbanner u. ä. angehört haben". Parallel betrieben der kommissarische preußische Kultusminister Bernhard Rust und die Deutsche Studentenschaft die Vertreibung unliebsamer Professoren. Die freie Kieler Studentenschaft forderte die "Beurlaubung" von 28 Professoren, ansonsten gebe es keine "Gewähr für einen störungsfreien Verlauf des Vorlesungsbetriebes" – ein Beispiel von vielen an den deutschen Universitäten. In einigen wurden zeitweise sogar "Schandpfähle" mit den Namen der denunzierten Professoren errichtet. Als ab dem 25. April infolge des "Gesetzes gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" der Anteil der "Nichtarier" unter Schülern und Studenten auf fünf Prozent begrenzt wurde, drangsalierten nationalsozialistische Studenten auch jüdische Studenten und verboten ihnen etwa den Zugang zur Hochschule.

"Schwarze Listen"

Der jüdische Autor Lion Feuchtwanger: verfemt wegen seiner Herkunft und senier gesellschaftskritischen Romane

Anfang Mai begann mit der Büchersammlung für die geplante Verbrennung die letzte Phase der "Aktion wider den undeutschen Geist". Als Grundlage dafür dienten "Schwarze Listen", auf denen die Namen "undeutscher" Autoren und Titel standen. Die Listen hatten der nationalsozialistische Bibliothekar Wolfgang Herrmann und zwei Kollegen verfasst, um bei ihrer Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien die verzeichneten Bücher der Autoren entfernen zu lassen. Für die Bücherverbrennung gab es Listen zu den Gebieten schöne Literatur, Geschichte, Kunst, Politik und Staatswissenschaften, Literaturgeschichte, Religion, Philosophie und Pädagogik. Allein unter dem Stichwort schöne Literatur waren über 120 Autoren genannt: " Fast die gesamte weltbedeutende zeitgenössische Literatur und Soziologie wurde auf die Liste der 'Schmutz- und Schundliteratur' gesetzt, verbrannt, verboten, zensiert, entstellt, de facto unterdrückt und den Klassikern der Weltliteratur ging es nicht viel besser", urteilte damals der Schriftsteller Alfred Kantorowicz.

Büchersammlung und eigenmächtiges Aussortieren durch die SA

Um die Bücher für geplante Verbrennung zu sammeln, machten sich nationalsozialistische Studenten über die Bestände der öffentlichen Stadt- und Volksbibliotheken und der privaten Leihbüchereien und Buchhandlungen her. Während die öffentlichen Bibliotheken in Kenntnis der "Schwarzen Listen" die entsprechenden Bücher schon bereit hielten, sortierten in den Leihbüchereien und Buchhandlungen studentische Stoßtrupps in SA-Uniform die zu verbrennenden Bücher aus, die zum Teil mit Lastwagen abtransportiert wurden. Dabei gingen sie mitunter eigenmächtig über die "Schwarzen Listen" hinaus. So räumten Studenten etwa die Bibliothek des Berliner Instituts für Sexualforschung mit über zehntausend Bänden aus, für die es gar keine Liste gab.

Bundesweit koordinierte Aktion mit Feuersprüchen

Erich Kästner war bei der Verbrennung - auch seiner eigenen Bücher - in Berlin selbst dabei.

Für die eigentlichen Bücherverbrennungen, die am späten Abend des 10. Mai auf zentralen öffentlichen Plätzen in den meisten deutschen Hochschulorten stattfanden, hatte die Propagandazentrale der Deutschen Studentenschaft einen genauen Zeitplan vorbereitet für die Studentenschaften vor Ort: "20.30 Uhr – 22 Uhr: Kundgebung der Studentenschaft im Auditorium Maximum der Universität; 22 – 23 Uhr: Fackelzug durch den Ort, endigend mit dem 23 – 24 Uhr: stattfindenden Verbrennungsakt." Verbindlich festgelegt waren neun Feuersprüche die in Verbindung mit bestimmten Namen von insgesamt fünfzehn Autoren ausgerufen werden sollten, wenn deren Werke auf den Scheiterhaufen geworfen wurden. "Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner", lautete einer der neun Feuersprüche. Georg Bernhard, Friedrich Wilhelm Foerster, Sigmund Freud, Werner Hegemann, Emil Ludwig, Karl Marx, Karl Kautsky, Alfred Kerr, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Theodor Wolff waren die anderen zwölf Autoren, deren Namen mit den Sprüchen ins Feuer zu werfen waren.

"Giftstoffe abtun aus der Zeit einer falscher Duldung"

Studenten werfen Bücher "undeutscher" Autoren in die Flammen.

In Berlin war die Antrittsvorlesung Alfred Baeumlers, des neuen Ordinarius der Philosophie und Pädagogik, der Auftakt zur Bücherverbrennung. Flankiert von Studenten in SA-Uniform erklärte er, "was wir heute von uns abtun, sind Giftstoffe, die sich in der Zeit einer falschen Duldung angesammelt haben". Im Anschluss an die Vorlesung zog der Fackelzug begleitet von Blasmusik durch die Berliner Innenstadt. Auf Lastwagen, auf denen Hakenkreuze und Transparente angebracht waren, wurden über 20.000 Bücher mitgeführt. Hinter Professoren in Talaren, folgten nationalsozialistische Studenten, SA- und SS-Verbände, Burschenschaften und die Hitler-Jugend. Um den Scheiterhaufen auf dem Opernplatz, wo Studenten anschließend die Bücher in Flammen aufgehen ließen, versammelte sich eine große Menschenmenge. Im Visier von Film- und Fotokameras hielt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels eine Rede, was der zentralen Bücherverbrennung in Berlin einen offiziellen Staatscharakter verlieh und deutlich machte, dass die Regierung die studentische Aktion gut hieß.

Auch in München wurde die Bücherverbrennung zu einem Staatsakt. Den Studentenführern wurde im Auditorium Maximum der Universität feierlich das neue Studentenrecht verliehen, das die Studentenschaften in Bayern zu staatlichen Organen machte. Der bayerische Kultusminister Hans Schemm sprach in seiner Rede von "einheimischen Ausländern", die nach dem Krieg "einen viel schlimmeren Kampf gegen die deutsche Seele" geführt hätten als ihn "Deutschland gegen eine Welt von Feinden im großen Krieg zu bestehen hatte". Nach dem Festakt machte sich der Fackelzug auf den Weg zum Königsplatz, zu dem über 50.000 Menschen gekommen waren, um die Bücherverbrennung mit anzusehen.

Abwanderung der Menschen und der Kultur

Der Schriftsteller Heinrich Mann gehörte zu den unerwünschten Autoren. Er ging erst nach Frankreich, dann in die USA ins Exil.

Die Bücherverbrennung war ein Symbol für die grausame Konsequenz, mit der die Nationalsozialisten ihre Gegner bekämpften. Und für viele der Schriftsteller, deren Werke 1933 in deutschen Städten auf dem Scheiterhaufen in Flammen aufgingen, begann damit ein Exil auf ungewisse Zeit. Acht der fünfzehn Autoren, deren Namen die Studenten mit ihren Feuersprüchen aufzählten, waren Anfang 1933 noch in Deutschland gewesen. Bis zum Ende des Jahres hatten sechs von ihnen das Land verlassen, nur Erich Kästner ging in die innere Emigration und Carl von Ossietzky war bereits im April von den Nationalsozialisten verhaftet worden. Ihre Schicksale stehen stellvertretend nicht nur für die anderer Schriftsteller und Publizisten, sondern auch für die von Wissenschaftlern, Architekten und Künstlern aller Sparten, die Deutschland nach 1933 verlassen mussten oder den Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Das Land der Dichter und Denker erlebte eine Abwanderung großer Teile seiner Intelligenz. Viele der Schriftsteller, deren Bücher 1933 verbrannt wurden, und die von da an in Deutschland keine Stimme mehr hatten, verschwanden auch aus dem Gedächtnis der Leser. Und auch nach dem Krieg dauerte es, bis die "verbrannten" Bücher wieder erschienen.


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