Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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21. Juli 1950 Elefant Tuffi stürzt aus Schwebebahn

Eine Fahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn endet für Tuffi mit einem Sturz in das zehn Meter tiefer liegende Flussbett. Die Elefantendame sollte zu Werbezwecken mitfahren. Der Fall verläuft glimpflich. Autorin: Prisca Straub

Stand: 21.07.2020 | Archiv

21 Juli

Dienstag, 21. Juli 2020

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

"Fünf Fahrscheine, bitte!" Zirkusdirektor Franz Althoff macht seine Sache gut - ein Ticket für ihn, die restlichen vier für seine Begleitung, Tuffi. Die Elefantenkuh nimmt die gestanzten Billets einzeln mit dem Rüssel entgegen. Blitzlichtgewitter. Die Fotografen sind begeistert. Pressesprecherin Helma Vogt dirigiert Tuffi die steile Treppe zur Wuppertaler Schwebebahn hinauf. Ein elegantes Tier, trotz ihrer 700 Kilogramm. Der Zeitplan stimmt. Helma Vogt kann durchatmen. Zum ersten Mal an diesem Morgen.

Ja, auf Tuffi ist Verlass. Die Elefantenkuh ist an Werbeaktionen gewöhnt. Für die Zirkusfamilie Althoff ist sie schon Straßenbahn gefahren und hat eine Hafenrundfahrt absolviert. Zugegeben, nicht immer läuft nicht alles nach Protokoll. Auf einer Tour durch Altötting hat Tuffi ein Weihwasserbecken leer gesoffen und vor wenigen Tagen beim Bürgermeisterbesuch in Oberhausen eine Zimmerlinde aus dem Kübel gerissen, einen Blumenstrauß gefressen - und auf den Teppich gepinkelt. Aber, was soll’s! Am Ende alles prima Reklame! Und jetzt also Wuppertal: Die historische Schwebebahn ist das Wahrzeichen der Stadt. Es ist der 21. Juli 1950 - auf dem Bahnsteig streckt Tuffi den Rüssel durchs Sicherheitsnetz. Gute zehn Meter unter ihr glänzt die Wupper. "Läuft dufte, oder?"

Werbe-Gag mit Elefant

Die Bahn fährt ein. Haltestelle Alter Markt. Waggon 13 ist für Tuffi reserviert. Die Journalisten knipsen, drängeln wie verrückt. "Viel mehr Presse als erwartet!" - Helma Vogt strafft die Schultern. Die Bahn zuckelt los - legt sich quietschend in die erste Kurve. Tuffi schlägt nervös mit den Ohren, trompetet - die Pressesprecherin schreit auf. Das massige Tier ist jemandem auf den Fuß gestiegen.

Freier Fall für Tuffi

Dann geht alles ganz schnell: Tuffi verliert die Nerven. Sitzbänke gehen zu Bruch. Die Insassen bringen sich kreischend in Deckung. Das verstörte Tier wirft sich gegen die Kabinenwand - einmal, zweimal - Waggon 13 gibt ächzend nach.

Glas splittert. Freier Fall für Tuffi. - Helma Vogt schwinden die Sinne, sie hat einen Elefanten-Tritt abbekommen. "Wie tief die Wupper hier wohl ist?" Die Schwebebahn fährt weiter - ohne Unterbrechung - bis zur nächsten Station. Adlerbrücke.

Franz Althoff ist außer sich. Mit flatterndem Anzug rennt er am Flussufer zurück. Hier ist die Wupper kaum mehr als einen halben Meter tief, das Flussbett steinig. Und Tuffi? Kaum zu glauben: Sie steht im schlammigen Wasser - und grast. Außer einer Schramme am Hinterteil hat der Elefant keinerlei Verletzungen. Althoff steigt bis zur Hüfte in die trübe Brühe, um sein Tier wieder ans Ufer zu bringen. Helma Vogt ist auf dem Weg ins Krankenhaus - Rippenprellung und Schnittwunden im Gesicht.

Tuffis Sprung in die Wupper ist am nächsten Morgen der Aufreger. Doch das spektakuläre Bild in den Zeitungen ist eine Fotomontage. Vor lauter Schreck hat kein einziger Fotograf auf den Auslöser gedrückt. Und Tuffi? Sie muss zahlen! Mit dem Ticketkauf habe der Zirkusdirektor nämlich die Beförderungsbedingungen der Wuppertaler Schwebebahn akzeptiert: "Mitnahme von Tieren nicht gestattet!" Wie gut, dass Tuffi am Abend schon wieder in der Manege steht.


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