Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Risikogruppen und Risikofaktoren Das 'Suchtpotential' eines Menschen

Ob jemand süchtig wird, hängt von vielen Faktoren ab: dem familiären Umfeld, in dem er großgeworden ist, seinen Genen. Besonders gefährdet sind Jugendliche in der Pubertät.

Von: Holger Kiesel

Stand: 29.03.2017

Junger Mann schiebt Zehn-Euro-Schein in Glücksspielautomat | Bild: picture-alliance/dpa

Wie groß bei einem Menschen im Einzelfall die Gefahr ist, tatsächlich eine Sucht zu entwickeln, hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab:

  • familiäre und genetische Einflüsse: Wächst jemand in einem Umfeld auf, wo nahe Angehörige schon viel getrunken haben, steigt die Gefahr für eine Abhängigkeit um bis zu 50 Prozent.
  • die Häufigkeit des eigenen Konsums: Wer beispielsweise nur selten Alkohol trinkt, wird vermutlich nie die kritische Schwelle zur Sucht überschreiten

das Suchtpotential der jeweiligen Substanz: Verschiedene Stoffe machen unterschiedlich stark abhängig (berechnet nach dem Risiko einer Abhängigkeit nach etwa einem Jahr Probier-Konsum). Am häufigsten süchtig machen Opiate (z.B. Heroin), gefolgt von Nikotin, den Stimulanzien (z.B. Kokain), Cannabis, Beruhigungsmitteln und dem Alkohol (etwa 5 Prozent Suchtwahrscheinlichkeit nach einem Jahr erhöhten Konsums).

Risikogruppe Jugendliche

Eine ganz besondere Gruppe beim Thema Abhängigkeit sind Jugendliche. Die Pubertät ist evolutionär dazu gedacht, sich von der Familie weiter abzunabeln und ins Leben hinauszugehen. Zu diesem Prozess gehört es, viel auszuprobieren und auch mal etwas Riskantes zu tun. Leider hinkt die Fähigkeit, diese Risiken abzuwägen in der Pubertät immer ein bisschen hinterher. So kommt es dann zum ersten Kontakt mit Suchtmitteln oder eigenartigen Verhaltensweisen wie Komasaufen. Die Werbung hat das erkannt und versucht für viele Produkte, gezielt Jugendliche anzusprechen, um sie dann langfristig als Kunden zu binden. Und so diskutieren wir beim Thema Sucht natürlich auch über Werbung für Alkohol oder Zigaretten.

Sucht bei Frauen und Männern

Beim Alkohol geraten nach wie vor mehr Männer in die Abhängigkeit, wobei die Frauen 'aufholen', beim Rauchen gibt es den Gleichstand schon fast. Bei der Medikamentensucht sind die Frauen in der Mehrzahl. Gründe für diese Verteilung liegen in Traditionen und Rollenbildern: Stammtische und Militärdienst bei Männern, häufigere Arztbesuche und mehr Psychopharmaka-Konsum bei Frauen. Aber mit dem gesellschaftlichen Wandel ändern sich solche Muster, und jede Generation hat 'ihre Suchtmittel'.

Sucht und Psyche

Je nach Dauer und Schwere der Substanzstörung haben bis zur Hälfte der Abhängigkeitskranken neben der Abhängigkeit noch andere psychische Probleme. Dabei kann es sich z.B. um Depressionen, Angsterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen handeln.

Die Rolle des Umfelds

Bei der Frage, ob jemand süchtig wird, spielt das persönliche und berufliche Umfeld eine ganz wichtige Rolle. Es kann den Konsum begünstigen, wenn etwa innerhalb einer Gruppe (z.B. aus Langeweile oder zu bestimmter Musik) regelmäßig bestimmte Substanzen wie Alkohol oder Cannabis die Runde machen. Das Umfeld kann aber auch schützen, wenn das Weggehen am Abend auch ohne Saufgelage viel Spaß macht.

Suchtprävention

Wer einer Sucht vorbeugen will, sollte ganz einfach Substanzen vermeiden, die in die Abhängigkeit führen können. Es klingt ein bisschen platt, stimmt aber: Was man noch nie probiert hat, davon kann man nicht süchtig werden. Dabei ist aber auch klar, dass Menschen eben neugierig sind oder in Situationen geraten, in denen sie sich von Suchtmitteln etwas versprechen. Deshalb wird in der Prävention versucht, Jugendlichen und Erwachsenen gezielt in Konflikt- und Schwellensituationen (Familienstreit, Verlust des Arbeitsplatzes, Probleme in der Partnerschaft) mit alternativen Konzepten zu helfen, damit sie nicht in eine Sucht abrutschen.

"Die beste Suchtprävention ist ein abwechslungsreiches und zufriedenes Leben in guten und stabilen Beziehungen!"

Prof. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald


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