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Regionale Lebensmittel Warum "regional" und "saisonal" oft besser ist als "bio"

Sind Bio-Lebensmittel wirklich immer besser als Produkte aus konventioneller Landwirtschaft? Warum das keinesfalls so ist, erklärt die neue Folge unseres Podcasts "Besser leben".

Von: Alexander Dallmus

Stand: 18.01.2021

Eine Frau kauft regionale, saisonale Lebensmittel | Bild: mauritius-images

Sind Bio-Lebensmittel wirklich so beliebt?

In Europa sind die Deutschen Spitze, was Bio-Lebensmittel angeht. Niemand kauft EU-weit mehr Produkte ein, die ökologisch oder biologisch erzeugt worden sind. Dabei machen das die Deutschen vor allem, weil sie bei Bio-Lebensmitteln davon ausgehen, dass eine artgerechte Tierhaltung und eine geringe Schadstoffbelastung damit einhergehen. Etwa 80 Prozent kaufen aber auch deshalb Bio-Produkte, weil sie damit regionale Betriebe unterstützen wollen.

Fakt ist aber, dass derzeit noch nicht mal jeder zehnte landwirtschaftliche Betrieb als Bio-Betrieb arbeitet. Es gibt Bundesländer, die sind weit vorn: In Bayern betreiben zum Beispiel fast ein Viertel aller Landwirtinnen und Landwirte Öko-Landbau. In Baden-Württemberg weit weniger, aber immer noch überdurchschnittlich viele. Fast ein Drittel aller Ökobetriebe in Deutschland finden sich in Baden-Württemberg und Bayern. Zum Vergleich: Das Agrarland Niedersachsen stellt lediglich rund sechs Prozent aller Ökobetriebe in Deutschland. Das zeigt den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders deutlich.

Warum müssten unsere Lebensmittel viel teurer sein?

In den meisten Lebensmitteln sind lediglich die Produktionskosten enthalten, aber eben nicht, was sonst noch miteinfließt: Der Ausstoß des Klimagases CO2 oder auch Stickstoff und Nitrate im Grundwasser, durch den Einsatz von Dünger. Diese "wahren Kosten" der Lebensmittel hat übrigens kürzlich ein Forscherteam vom Materials Ressource Management der Augsburger Uni ausgerechnet - und auch, dass vor allem tierische Produkte, also Fleisch, Milch oder Käse, das Doppelte oder sogar Dreifache kosten müssten: Was sind unsere Lebensmittel wirklich wert?

Bei Bio-Lebensmitteln sind die Preissprünge nicht so heftig, so die Mit-Autorin der Studie, Wirtschaftsingenieurin Amélie Michalke:

"Das liegt natürlich daran, dass im biologischen Landbau zum Beispiel Dinge wie importierte Futtermittel oder auch synthetische Stickstoffdünger nur sehr begrenzt erlaubt oder sogar verboten sind. Und deswegen haben wir hier weniger Input-Faktor, die auch Emissionen verursachen. Und dadurch ist der Kostenfaktor etwas geringer."

Amélie Michalke, Forscherteam vom Materials Ressource Management der Augsburger Uni

Warum wir Bio-Lebensmittel aus dem Ausland brauchen

Die stetig gestiegene Nachfrage in Deutschland ist also mit dem hiesigen Angebot an Bio-Produkten allein aber gar nicht zu befriedigen. Deshalb kommen viele Bio-Lebensmittel auch aus dem Ausland. Und dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden, wenn die Kriterien für ökologischen Landbau eingehalten werden.  In manchen Fällen, kann das Bio-Siegel aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass konventionell angebaute Lebensmittel in der Ökobilanz eigentlich besser abschneiden.

Muss es wirklich immer bio sein?

Für die Journalistin und Bestsellerautorin Katarina Schickling ("Der Konsum-Kompass") ist Bio die Lösung für Menschen, die nicht die Chance haben, ihren Erzeugern selber auf die Finger zu schauen: "Also jetzt mal angenommen, ich wohne in irgendeiner bayerischen Kleinstadt, wo es diesen tollen Metzger gibt, der selber schlachtet, der eigene Schweine hat und wo ich im Zweifel auch mal in seinen Hof gucken kann, wie der seine Schweine hält und behandelt. Da gibt es ganz viele Leute, die tolle Arbeit leisten und wo ich sagen würde, deren Produkte kann man bedenkenlos essen." Es muss eben nicht zwangsläufig immer Bio sein.

Kann ich mich auf Biosiegel oder Ökosiegel verlassen?

Sowohl "Bio" wie "Öko" sind seit fast 30 Jahren geschützt - und diese Begriffe auf seinen Produkten führt, der muss auch sämtliche Vorgaben der EU-Öko-Verordnung erfüllen. Das wird überprüft und kontrolliert. Das EU-Biosiegel ist ein grünes Sechseck, in dem in Schwarz-Grün BIO steht. Es garantiert Mindeststandards, wie keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel, keine oder wenig Pestizide, Begrenzung von Düngemitteln, im weitesten Sinne ein Verbot von Gentechnik oder auch Mindeststandards in der Tierhaltung. Auch die meisten Siegel des Einzelhandels erfüllen nur die Vorgaben der EU-Ökoverordnung.

Darüber hinaus geht nur das bayerische Bio-Siegel, es orientiert sich auch an den Standards der vier Öko-Anbauverbände, die im Freistaat aktiv sind. Da ist dann eben auch Regionalität mit drin. Und das spielt - im Sinne einer Ökobilanz - auch ein große Rolle.

Am strengsten sind die Siegel von Naturland, Bioland, Demeter - das sind die großen ökologischen Anbauverbände. Demeter-Erzeuger und -Hersteller arbeiten nach Richtlinien, die weit über die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung hinausgehen. Sie haben mit die höchsten Standards, was aber auch für die Erzeuger mit sehr viel Dokumentationsarbeit verbunden ist. Und es gibt einige Landwirte oder Erzeuger, die die Zertifizierung scheuen, weil sie relativ teuer und aufwändig ist.

Gut zu wissen: Was besagt "aus kontrolliertem Anbau"?

Mit "bio" oder "öko" hat die Bezeichnung "aus kontrolliertem Anbau" nichts zu tun. Sie besagt nur, dass derjenige, der das Produkt herstellt, es auch kontrolliert.

In letzter Konsequenz ist es auch immer eine Frage des Vertrauens:

"Auf einem Wochen- oder Bauernmarkt kann ich auch fragen Wie machst du das eigentlich? Das sind aber fast immer Leute, die einen eigenen Vertriebsweg haben. Weil in dem Moment, wo ich für die großen Handelsketten produziere, muss sich im konventionellen Bereich deren Preispolitik mitmachen können. Und da ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auf ein anständiges konventionelles Produkt stößt, das genauso integer und einwandfrei erzeugt worden ist wie das vergleichbare Bioprodukt, echt gering."

Katarina Schickling, Buchautorin Der Konsum-Kompass

Könnten unsere Landwirte ganz Deutschland versorgen?

Auch das gehört zur Wahrheit: Nur bei Weizen und Gerste sowie bei Kartoffeln und Zuckerrüben könnte sich Deutschland aktuell selbst versorgen. Im konventionellen Bereich wohlgemerkt. Also hier produzieren die deutschen Landwirte normalerweise mehr als die Verbraucher in Deutschland kaufen.

Schon bei Ölsaaten wie Raps, aber vor allem bei den meisten Obst- und Gemüsesorten sieht es ganz anders aus. "Deutschland ist schon heute zum großen Teil auf Importe angewiesen," sagt der Industrieverband Agrar e.V..

Demnach stammt sogar mehr als jeder zweite Apfel, der bei uns verkauft wird, aus dem Ausland. Das verblüfft vor allem dann, wenn Ende des Sommers und bis in den Herbst hinein eigentlich Erntezeit ist und trotzdem vorrangig Importäpfel, teils sogar aus Übersee, in den Obstregalen liegen. Was für konventionell produzierte Lebensmittel gilt, lässt sich natürlich auch auf biologische Produkte übertragen. Zumal bei vielen Verbrauchern der eigene Anspruch in Umfragen, von der Wirklichkeit im Supermarkt und dem Geldbeutel schnell wieder eingeholt wird.

Warum sollte man regionale Produkte kaufen?

Regional ist gut und regional ist "in". Denn kurze Transportwege sorgen für eine gute Ökobilanz der produzierten Ware. Je weniger Kühlmittel, Sprit oder aufwändige Lagerungsverfahren eingesetzt werden müssen, umso besser. Aber in unserem Denken sind der Regionalität immer noch nationale Grenzen gesetzt. Dabei sind tschechische Äpfel schneller in Ostbayern als aus Niedersachsen. Oder Käse aus Frankreich ist in Baden-Württemberg "regionaler", als ein bayerischer Käse in Berlin.

Mittlerweile ist meist klar ersichtlich, woher ein Produkt stammt. Deshalb können wir Verbraucher auch sehr gut selbst entscheiden, was wir kaufen und was nicht. Dass Spargel aus Griechenland in der CO2-Bilanz wohl nicht mit heimischem Spargel in April und Mai konkurrieren kann, versteht sich von selbst.

Für die Region (ganz egal, ob bio oder nicht) spricht übrigens auch, dass die Produkte voll ausgereift sind, weil sie aufgrund der kurzen Transportwege auch erntefrisch verkauft werden können. Und deshalb dürfen übrigens aucvh regional erzeugte ohne Geschmacksverlust im Kühlschrank gelagert werden - "weit gereiste" Tomaten dagegen nicht: Und sie dürfen doch! Tomaten in den Kühlschrank

Konventionelle deutsche Kartoffeln oder Bio-Kartoffeln aus Nordafrika - was ist besser?

Beziehen wir Früh- und Spätkartoffeln in den Erntezyklus mit ein, ist es in Deutschland - auch ohne aufwändige Lagerung - möglich, das ganze Jahr über Kartoffeln aus der Heimat zu kaufen. Kartoffeln aus dem Ausland schneiden da natürlich in der Ökobilanz durchweg schlechter ab, vor allem, wenn sie beispielweise aus Nordafrika kommen. Darüber dürfen sich die Verbraucher auch nicht durch das Label "Bio-Kartoffel" hinwegtäuschen lassen. Fehlende ökologische Standards oder Kontrollen stehen dabei nicht im Vordergrund, sondern der Transport der Ware. Dieser Aufwand steht in keinem Verhältnis zur CO2-Bilanz einer konventionell hergestellten Kartoffel aus Deutschland.  

Sind Bio-Erdbeeren aus Spanien ok?

Erdbeeren werden in Deutschland angebaut, aber eben vor allem saisonal - vorrangig in den Monaten Mai und Juni. Kommen die Erdbeeren im Frühjahr jedoch aus Spanien und werden dort im trockenen Süden angebaut (wo vielleicht das Wasser sogar illegal gefördert wird, um die intensive Bewässerung möglich zu machen) sieht die Sache schon wieder anders aus. Von den ausgebeuteten Landarbeitern mal ganz zu schweigen. Das Bio-Siegel hat da nicht wirklich viel Wert.

Tomaten: Besser Bio-Ware aus Spanien?

Eine durchschnittliche 70 Gramm Tomate, aus hiesigem, konventionellem Anbau, steht für ungefähr 13 Liter virtuell verbrauchtes Wasser. Eine Bio-Tomate aus Spanien kann dagegen die mehrfache Menge davon in sich tragen – ökologischer Anbau hin oder her. Das Bio-Siegel sagt nämlich nichts über den Wasserverbrauch bzw. eine mögliche Wasserverschwendung aus. Da ist der Transport mit dem Flugzeug in die Ökobilanz noch gar nicht eingerechnet.

Weit weg und trotzdem ökologisch sinnvoller

Klar macht es mehr Sinn, Bananen in Regionen anzubauen, die dafür klimatisch besser geeignet sind, als Deutschland. Das liegt auf der Hand. Genauso verhält es sich aber beispielsweise auch mit Rosen, die aus Ostafrika kommen. Setzen wir voraus, dass die Blumen aus zertifizierten FairTrade-Betrieben stammen, können Rosen aus Kenia eine bessere Umweltbilanz ausweisen, als Rosen, die aus den Niederlanden stammen. Ganz einfach deshalb, weil der enorme Heizaufwand für die oft alten Gewächshäuser, mit der Energiebilanz, verursacht durch die Luftfracht, nicht mithalten kann. 

Umweltfreundlicher Anbau im Gewächshaus - gibt es das überhaupt?

Gemüse im Winter, aus der Region - das gibt es. In Bayern, genauer gesagt in Franken, gibt es mittlerweile einige Gartenbaubetriebe, die mit Gewächshäusern, einem geschlossenen Wasserkreislauf und Tröpfchenbewässerung arbeiten. "Es gibt zum Beispiel in Bayern einen Gewächshausbetreiber, der arbeitet konventionell, aber nutzt Geothermie, die's dort natürlich sowieso gibt", sagt Autorin Katarina Schickling, "und das ist ein tolles Konzept, weil er praktisch keine Pestizide braucht. Ein geschlossenes System, in dem mit Nützlingen, die Schädlinge bekämpfen werden. Da ist dann plötzlich eine konventionelle Gewächshaustomate ziemlich in Ordnung."

Warum wir mehr auf regionale Produkte zurückgreifen sollten

In Umfragen geben zwar fast 80 Prozent an, Lebensmittel aus der Region zu bevorzugen, natürlich der Jahreszeit entsprechend und nach Möglichkeit ohne Gentechnik. In der Realität sieht es aber oft anders aus. Ganz einfach deshalb, weil regionale und Bioprodukte ihren Preis haben. Regionale Produkte und Bio-Lebensmittel sind auch deshalb oft teurer, weil die Kosten der konventionellen Landwirtschaft nicht adäquat eingepreist sind.

Dabei ist nicht jedes Bio-Produkt besser für die Umwelt als Lebensmittel, die konventionell hergestellt worden sind. Natürlich sind vielleicht weniger Pestizide eingesetzt worden, aber weitere Transportwege oder auch der Verbrauch von Trinkwasser ist bei den Standard-Biolabeln kein Kriterium, das negativ zu Buche schlägt. Das bedeutet, wer saisonal und regional einkauft, macht nicht viel falsch und muss dabei gar nicht zwangsläufig auf Bio-Lebensmittel zurückgreifen.

Und wer zu jeder Jahreszeit vor allem auf das Obst und Gemüse zurückgreift, das gerade Saison hat, spart sich zudem oft Geld - und kann sich dann auch wieder richtig etwa auf die Erdbeer-, Spargel- und anderen Erntezeiten freuen.

Hier geht's zu unserem Saisonkalender: Wann ist welches Obst und Gemüse frisch und regional?

Saisonal kochen: Hier ein Rezept für Graupenrisotto mit Roter Bete - gekocht von unserem Umweltkommissar

Links:

Katarina Schickling: "Der Konsumkompass. Was Sie wirklich über Plastikverpackungen, Neuseelandäpfel & Co. wissen müssen - Gut und nachhaltig leben muss nicht kompliziert sein." Mosaik Verlag ISBN: 3442178665

Podcast "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar"

Alle Episoden zum Nachhören oder auch den Podcast im Abo gibt's jederzeit und kostenlos im BR-Podcast Center, bei iTunes, Spotify und der ARD Audiothek.
Alle Folgen zum Nachlesen finden Sie auf der Übersichtsseite "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar".

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