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Regionale Lebensmittel Wann regional und saisonal besser als Bio ist

Wer Bio-Lebensmittel kauft, hat meist ein gutes Gefühl und wähnt sich auf der sicheren Umweltseite. In vielen Fällen sind aber regionale und saisonale Produkte sogar umweltfreundlicher. Warum das so ist, deckt der BAYERN 1 Umweltkommissar auf.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 13.10.2020 | Archiv

Eine Frau kauft regionale, saisonale Lebensmittel | Bild: mauritius-images

Bio-Lebensmittel mehr gefragt

In Europa sind die Deutschen Spitze, was Bio-Lebensmittel angeht. Niemand kauft EU-weit mehr Produkte ein, die ökologisch oder biologisch erzeugt worden sind. Dabei machen das die Deutschen vor allem, weil sie bei Bio-Lebensmitteln davon ausgehen, dass eine artgerechte Tierhaltung und eine geringe Schadstoffbelastung damit einhergehen. Etwa 80 Prozent kaufen aber auch deshalb Bio-Produkte, weil sie damit regionale Betriebe unterstützen wollen.

Fakt ist aber, dass derzeit ökologischer Landbau erst auf rund 9,7 Prozent der deutschen Ackerflächen betrieben wird (Stand: 2019). Das ist zwar eine kontinuierliche Steigerung in den vergangenen Jahren, reicht aber bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Gemessen an der gesamten ökologisch bewirtschafteten Fläche in Deutschland, weisen die Länder Bayern (rund 23 Prozent) und Baden-Württemberg (rund 12 Prozent) den größten Flächenanteil aus. Dort sind auch, mit einem Anteil von je 30 Prozent, die meisten Ökobetriebe in Deutschland zu finden. Zum Vergleich: Das Agrarland Niedersachsen stellt lediglich rund sechs Prozent aller Ökobetriebe in Deutschland. Das zeigt den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders deutlich.

In Landshut: Ein Acker. Eine Fläche. Alle Probleme.

Sehr anschaulich soll das Problem der "Weltacker" in Landshut zeigen: Weltweit gibt es bislang nur zehn dieser Schauäcker, die zeigen, wie Welternährung in Wirklichkeit funktioniert, auch wenn wir uns was anderes wünschen. Auf genau 0,2 Hektar Fläche des Lehrguts für ökologischen Landbau am Agrarbildungszentrum Landshut-Schönbrunn. So viel stünde derzeit – bei 7,8 Milliarden Menschen und geschätzten 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche auf der Erde – jedem Menschen zur Verfügung. Könnte sogar aufgehen, wenn man nur Kartoffeln anpflanzt. Aber wer will schon nur Kartoffeln essen, selbst wenn man 8 ½ Tonnen bei einer durchschnittlichen Ernte ausgraben könnte. Bei unterschiedlichen Kulturen wie etwa Getreide- und Gemüsesorten oder wenn plötzlich Nutzpflanzen als Tierfutter oder Agro-Treibstoff herhalten müssen, ändert sich die Versorgungslage dramatisch. Je weniger regional und saisonal sich der Mensch ernährt, umso mehr dieser "persönlichen" Fläche geht verloren.

Die stetig gestiegene Nachfrage in Deutschland ist also mit dem hiesigen Angebot an Bio-Produkten allein aber gar nicht zu befriedigen. Deshalb kommen viele Bio-Lebensmittel auch aus dem Ausland. Und dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden, wenn die Kriterien für ökologischen Landbau eingehalten werden.  In manchen Fällen, kann das Bio-Siegel aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass konventionell angebaute Lebensmittel in der Ökobilanz eigentlich besser abschneiden.

Für die Journalistin und Bestsellerautorin Katarina Schickling ("Der Konsum-Kompass") ist Bio die Lösung für Menschen, die nicht die Chance haben, ihren Erzeugern selber auf die Finger zu schauen: "Also jetzt mal angenommen, ich wohne in irgendeiner bayerischen Kleinstadt, wo es diesen tollen Metzger gibt, der selber schlachtet, der eigene Schweine hat und wo ich im Zweifel auch mal in seinen Hof gucken kann, wie der seine Schweine hält und behandelt. Da gibt es ganz viele Leute, die tolle Arbeit leisten und wo ich sagen würde, deren Produkte kann man bedenkenlos essen." Es muss eben nicht zwangsläufig immer Bio sein.

Biosiegel ist für Verbraucher wichtig

Dass es für Bio-Lebensmittel einen stetig steigenden Markt in Deutschland gibt, haben auch die Discounter längst erkannt und ihr Sortiment entsprechend erweitert. REWE, derzeit zweitgrößter Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland, ist mittlerweile sogar Verbandsmitglied bei Demeter. Demeter-Erzeuger und -Hersteller arbeiten beispielsweise nach Richtlinien, die weit über die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung hinausgehen. Aber auch das EU-Biosiegel gibt mit seinen Vorgaben, gerade bei Obst und Gemüse oder auch bei Getreide, hilfreiche Orientierung für den Verbraucher. Defizite, was den Anspruch angeht, gibt es nach wie vor im Bereich "Tierwohl". Die Auflagen bezüglich Platz, Enthornung, Auslauf, Größe der Herden et cetera, sind hier einfach nicht so streng, wie es sich Tierschützer wünschen würden.

Hier den Umweltkommissar noch einmal nachhören:

In der Praxis kommt es aber auch sehr häufig vor, dass Landwirte gerade diese Auflagen und gesetzlichen Vorgaben meiden, obwohl sie grundsätzlich nach diesen produzieren. Es gibt viele Erzeuger, die die Zertifizierung scheuen, weil diese relativ teuer und aufwändig ist. In letzter Konsequenz ist es auch immer eine Frage des Vertrauens. "Auf einem Wochen- oder Bauernmarkt kann ich auch fragen, wie machst du das eigentlich?", sagt Autorin Katarina Schickling, "das sind aber fast immer Leute, die einen eigenen Vertriebsweg haben. Weil in dem Moment, wo ich für die großen Handelsketten produziere, muss sich im konventionellen Bereich deren Preispolitik mitmachen können. Und da ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auf ein anständiges konventionelles Produkt stößt, das genauso integer und einwandfrei erzeugt worden ist wie das vergleichbare Bioprodukt, echt gering."

Wir können uns nicht selbst versorgen

Auch das gehört zur Wahrheit: Nur bei Weizen und Gerste sowie bei Kartoffeln und Zuckerrüben könnte sich Deutschland aktuell selbst versorgen. Im konventionellen Bereich wohlgemerkt. Also hier produzieren die deutschen Landwirte normalerweise mehr als die Verbraucher in Deutschland kaufen.

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Schon bei Ölsaaten wie Raps, aber vor allem bei den meisten Obst- und Gemüsesorten sieht es ganz anders aus. "Deutschland ist schon heute zum großen Teil auf Importe angewiesen," sagt der Industrieverband Agrar e.V..

Demnach stammt sogar mehr als jeder zweite Apfel, der bei uns verkauft wird, aus dem Ausland. Das verblüfft vor allem dann, wenn Ende des Sommers und bis in den Herbst hinein eigentlich Erntezeit ist und trotzdem vorrangig Importäpfel, teils sogar aus Übersee, in den Obstregalen liegen. Was für konventionell produzierte Lebensmittel gilt, lässt sich natürlich auch auf biologische Produkte übertragen. Zumal bei vielen Verbrauchern der eigene Anspruch in Umfragen, von der Wirklichkeit im Supermarkt und dem Geldbeutel schnell wieder eingeholt wird.

Regional ist relativ

Regional ist gut und regional ist "in". Denn kurze Transportwege sorgen für eine gute Ökobilanz der produzierten Ware. Je weniger Kühlmittel, Sprit oder aufwändige Lagerungsverfahren eingesetzt werden müssen, umso besser. Aber in unserem Denken sind der Regionalität immer noch nationale Grenzen gesetzt. Dabei sind tschechische Äpfel schneller in Ostbayern als aus Niedersachsen. Oder Käse aus Frankreich ist in Baden-Württemberg "regionaler", als ein bayerischer Käse in Berlin.

Mittlerweile ist meist klar ersichtlich, woher ein Produkt stammt. Deshalb können wir Verbraucher auch sehr gut selbst entscheiden, was wir kaufen und was nicht. Dass Spargel aus Griechenland in der CO2-Bilanz wohl nicht mit heimischem Spargel in April und Mai konkurrieren kann, versteht sich von selbst.

Für die Region (ganz egal, ob Bio oder nicht) spricht übrigens auch, dass die Produkte voll ausgereift sind, weil sie aufgrund der kurzen Transportwege auch erntefrisch verkauft werden können.

Beispiel Bio-Kartoffel aus Nordafrika

Beziehen wir Früh- und Spätkartoffeln in den Erntezyklus mit ein, ist es in Deutschland – auch ohne aufwändige Lagerung – möglich, das ganze Jahr über Kartoffeln aus der Heimat zu kaufen. Kartoffeln aus dem Ausland schneiden da natürlich in der Ökobilanz durchweg schlechter ab, vor allem, wenn sie beispielweise aus Nordafrika kommen. Darüber dürfen sich die Verbraucher auch nicht durch das Label "Bio-Kartoffel" hinwegtäuschen lassen. Fehlende ökologische Standards oder Kontrollen stehen dabei nicht im Vordergrund, sondern der Transport der Ware. Dieser Aufwand steht in keinem Verhältnis zur CO2-Bilanz einer konventionell hergestellten Kartoffel aus Deutschland.  

Beispiel Bio-Ware aus Spanien  

Erdbeeren werden in Deutschland angebaut, aber eben vor allem saisonal – vorrangig in den Monaten Mai und Juni. Kommen die Erdbeeren im Frühjahr jedoch aus Spanien und werden dort im trockenen Süden angebaut (wo vielleicht das Wasser sogar illegal gefördert wird, um die intensive Bewässerung möglich zu machen) sieht die Sache schon wieder anders aus. Eine durchschnittliche 70 Gramm Tomate, aus hiesigem, konventionellem Anbau, steht für ungefähr 13 Liter virtuell verbrauchtes Wasser. Eine Bio-Tomate aus Spanien kann dagegen die mehrfache Menge davon in sich tragen – ökologischer Anbau hin oder her. Das Bio-Siegel sagt nämlich nichts über den Wasserverbrauch bzw. eine mögliche Wasserverschwendung aus. Da ist der Transport mit dem Flugzeug in die Ökobilanz noch gar nicht eingerechnet.

Weit weg und trotzdem ökologisch sinnvoller

Klar macht es mehr Sinn, Bananen in Regionen anzubauen, die dafür klimatisch besser geeignet sind, als Deutschland. Das liegt auf der Hand. Genauso verhält es sich aber beispielsweise auch mit Rosen, die aus Ostafrika kommen. Setzen wir voraus, dass die Blumen aus zertifizierten FairTrade-Betrieben stammen, können Rosen aus Kenia eine bessere Umweltbilanz ausweisen, als Rosen, die aus den Niederlanden stammen. Ganz einfach deshalb, weil der enorme Heizaufwand für die oft alten Gewächshäuser, mit der Energiebilanz, verursacht durch die Luftfracht, nicht mithalten kann. 

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Aber auch in diesem Bereich, gibt es neue Technologien, die bisherige und gängige Meinungen über den Haufen werfen: "Es gibt zum Beispiel in Bayern einen Gewächshausbetreiber, der arbeitet konventionell, aber nutzt Geothermie, die's dort natürlich sowieso gibt", sagt Autorin Katarina Schickling, "und das ist ein tolles Konzept, weil er praktisch keine Pestizide braucht. Ein geschlossenes System, in dem mit Nützlingen, die Schädlinge bekämpfen werden. Da ist dann plötzlich eine konventionelle Gewächshaustomate ziemlich in Ordnung."

Besser leben? – ganz einfach

In Umfragen geben zwar fast 80 Prozent an, Lebensmittel aus der Region zu bevorzugen, natürlich der Jahreszeit entsprechend und nach Möglichkeit ohne Gentechnik. In der Realität sieht es aber oft anders aus. Ganz einfach deshalb, weil regionale und/oder Bioprodukte ihren Preis haben. Regionale Produkte und Bio-Lebensmittel sind auch deshalb oft teurer, weil die Kosten der konventionellen Landwirtschaft nicht adäquat eingepreist sind.

Dabei ist nicht jedes Bio-Produkt besser für die Umwelt als Lebensmittel, die konventionell hergestellt worden sind. Natürlich sind – soweit die Standards erfüllt wurden – vielleicht weniger Pestizide eingesetzt worden, aber weitere Transportwege oder auch der Verbrauch von Trinkwasser ist bei den Standard-Biolabeln kein Kriterium, welches negativ zu Buche schlägt. Das bedeutet, wer saisonal und regional einkauft, macht nicht viel falsch und muss dabei gar nicht zwangsläufig auf Bio-Lebensmittel zurückgreifen.

Links:

https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/naturbewusstseinsstudie_2017_de_bf.pdf

https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/biomarkt/zahlen-zum-deutschen-biomarkt/oekobarometer-1/

https://www.fleischwirtschaft.de/verkauf/nachrichten/Biolebensmittel-Verbraucher-verhalten-sich-widerspruechlich-41238?crefresh=1

https://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen/aus-landwirtschaft-und-umwelt/erdbeeren-huelva-bewaesserung-100.html

Katarina Schickling: "Der Konsumkompass. Was Sie wirklich über Plastikverpackungen, Neuseelandäpfel & Co. wissen müssen - Gut und nachhaltig leben muss nicht kompliziert sein." Mosaik Verlag ISBN: 3442178665


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