Bayern 1


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Obsoleszenz Kurze Lebensdauer von Elektrogeräten: Gibt es "geplante Obsoleszenz"?

Gehen viele unserer alltäglichen Elektrogeräte vorzeitig kaputt, weil die Hersteller sie absichtlich so konstruiert haben? Was ist dran an "geplanter Obsoleszenz"? Der BAYERN 1 Umweltkommissar klärt auf.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 05.10.2020 | Archiv

Obsoleszenz | Bild: mauritius-images

Geplante Obsoleszenz Glühbirne

Seit vielen Jahren und Jahrzehnten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Industrie ganz bewusst so genannte Sollbruchstellen einbaut - in der Fachsprache "geplante Obsoleszenz" genannt - um die Lebensdauer ihrer Produkte auf absehbare Zeit zu begrenzen. Tatsächlich formierte sich Mitte der 1920er Jahre das "Phoebuskartell", zu dem die damals weltweit führenden Glühlampenherstellern gehörten. Sie tauschten Informationen über Patente und technische Entwicklungen aus, mit dem Ziel, den Weltmarkt unter sich aufzuteilen. Mehr noch: Es gab eine Absprache, um die Lebensdauer von Glühlampen auf 1.000 Stunden zu begrenzen. Um das zu gewährleisten, wurde damals ein enormer technischer Aufwand betrieben.

Was gegen geplante Obsoleszenz spricht

Dieser Aufwand wäre heutzutage noch höher und würde noch mehr Geld verschlingen als damals. Die meisten Elektronik- und Haushaltsgerätefirmen produzieren schließlich weltweit, an ganz unterschiedlichen Standorten. Die Produktion ist darauf ausgerichtet, enorm effizient zu arbeiten und das geht nur, wenn die gesamte Produktion standardisiert ist. Rein rechtlich betrachtet ist es außerdem zwar so, dass es im europäischen Raum eine harmonisierte Gewährleistungsfrist gibt, aber über den Binnenmarkt hinaus wird es rechtlich vage und sehr speziell. Das würde - um juristische Folgen und Ansprüche der Kunden abzufedern - bedeuten, dass für jedes Land eine eigene Sollbruchstelle verbaut werden müsste. Selbstredend, was das an Mehraufwand und Kosten für den Hersteller verursacht.

Geplante Obsoleszenz - doch nur ein Mythos?

Kaum nachzuweisen: Geplante Obsoleszenz

Der geplante und produktübergreifende Verschleiß seitens der Industrie ist nur schwer bis gar nicht nachzuweisen. Was auch an der aufwändigen Untersuchungsanordnung liegt, die solche Nachweise mit sich bringen. Um den Verschleiß einer Waschmaschine in zehn Jahren zu simulieren, muss sie bei der Stiftung Warentest ganze neun Monate im Dauereinsatz sein. Das verdeutlicht vielleicht den immensen Aufwand, der betrieben werden muss, um eine gültige Aussage über die Langlebigkeit einer Maschine zu treffen. Die problematische Beweisführung ist aber zugleich auch der Grund dafür, dass sich der Mythos der vorsätzlichen Obsoleszenz so hartnäckig hält. Selbst eine großangelegte Studie des Umweltbundesamtes (UBA), die 2016 ebenfalls keine Belege für "geplante Obsoleszenz" fand, hat daran nicht viel geändert.

Nutzungsdauer der Geräte hat sich verringert

Die Untersuchung im Auftrag des UBA konnte keine gezielt kurze Produktlebensdauer durch eingebaute Mängel nachweisen. In Zusammenarbeit mit dem Öko-Institut Freiburg und der Uni Bonn sind dafür Basisdaten gesammelt und zusammengeführt worden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten dafür Ergebnisse der Jahre 2004 bis 2012 auswerten und analysieren. Es ging darum, Belege für die Nutzungs- und vor allem die Lebensdauer von ausgewählten elektronischen Geräte zu finden und anschließend auch die Ursache für den Ausfall der Geräte.

Zahlt sich ein höherer Preis für mehr Qualität aus?

Raus kam: Wir nutzen eine Waschmaschine, einen Kühlschrank oder einen Fernseher nicht mehr so lange, wie es noch unsere Eltern oder Großeltern getan haben. Gerade bei den Haushaltsgroßgeräten (Wäschetrockner, Waschmaschinen etc.) liegt die so genannte "Erst-Nutzungsdauer" im oben genannten Zeitraum immerhin noch bei 13 Jahren im Schnitt. Auffällig ist nur, dass der Anteil der Geräte, die schon in den ersten fünf Jahren kaputtgehen, stärker angestiegen ist (von 3,5% auf 8,3% der untersuchten Geräte). Wie sich bei der "Stiftung Warentest" auch gezeigt hat, bewähren sich gerade Produkte, die in der Anschaffung teurer sind, was ihre Langlebigkeit angeht. Anders gesagt: Qualität, die etwas mehr kostet, zahlt sich auf lange Sicht schon aus!

Hier können Sie den ganzen Umweltkommissar noch einmal nachhören:

Enormer Kostendruck in der Lieferkette

Gerade im internationalen Wettbewerb gibt es einen enormen Kostendruck, der - entlang der Lieferkette - brutal weitergegeben wird. Die Kostenvorgaben sind extrem und einzelne Bauteile arbeiten zugleich am Limit. Bei Billigprodukten wird das einkalkuliert, aber die extreme Wettbewerbssituation macht da auch vor großen Unternehmen und Markenprodukten nicht halt. An einzelnen Produkten ist oftmals eine Vielzahl von Zulieferern beteiligt, was eine mögliche Fehlersuche nicht gerade erleichtert.

Festverbaute Akkus: Böse Absicht oder was?

Geht der Akku in die Knie, landet das Handy schnell auf dem Müll.

Ein allgemeiner Trend, der bei Elektrogeräten für viel Schrott sorgt, lässt sich gerade bei modernen Smartphones ganz gut belegen. Eine der größten Schwachstellen des Mobiltelefons ist der Akku. Sinkt hier die Leistung rapide ab, wächst der Frust beim Nutzer und zugleich der Wunsch nach einem besseren und leistungsfähigeren Gerät. Oftmals schwächelt eigentlich nur der Akku, während der Rest des Smartphones noch ohne Einschränkungen läuft. Früher haben sich Batterien oder Akkus selbstständig - auch ohne große Technikkenntnisse - austauschen lassen. Die meisten Gehäuse können aber heutzutage ohne Fachkenntnisse oder Spezialwerkzeuge gar nicht mehr geöffnet werden. Der Batteriewechsel geht nur noch im Fachgeschäft, was den Austausch aufwändiger und auch teurer macht. Natürlich liegt das auch an den Anforderungen, wie zum Beispiel, dass das Gerät möglichst wasserdicht sein soll. Aber indem immer mehr Mikroelektronik in immer kleinere Geräte "gestopft wird", nimmt auch die Anfälligkeit der Produkte zu.

Können Hersteller zu mehr Langlebigkeit verpflichtet werden?

Bereits seit langem wird darüber diskutiert, wie Hersteller künftig verpflichtet werden könnten, die durchschnittliche Lebensdauer und Reparierbarkeit von Konsumprodukten auch auszuweisen. Entsprechende Anträge und Gesetzesvorlagen hat es bereits gegeben. Passiert ist bislang nichts. Ein Gesetz, das diese Kennzeichnung vorsieht, ist in Frankreich bereits in Kraft getreten. Ob das wirklich viel gebracht hat, ist ebenfalls umstritten. Hierzulande fehlt Verbrauchern oft die Orientierung, was die Langlebigkeit von Produkten angeht. 

Warum "funktionale Obsoleszenz" uns viel schlimmer trifft

Je intelligenter die Geräte, desto kürzer die Lebensdauer.

Gerade im IT-Bereich gibt es nämlich Beispiele, wie Hersteller die Verbraucher am langen Arm verhungern lassen können. "Funktionale Obsoleszenz" wird die Möglichkeit genannt, zum Beispiel indem einfach keine Updates mehr zur Verfügung gestellt werden. Damit laufen Geräte langsamer, verschiedene Funktionen können nicht mehr genutzt werden und die Möglichkeit mit der Familie oder Freunden zu kommunizieren, ist teilweise eingeschränkt. Das kann dermaßen nerven, dass man am Ende doch ein neues Gerät kauft, auch wenn es das alte eigentlich noch tut. Das Problem dürfte sich mit der zunehmenden Digitalisierung noch verschärfen, sagt auch Lorenz Hilty, Professor am Institut für Informatik (IfI) der Universität Zürich, wo er die Forschungsgruppe Informatik und Nachhaltigkeit leitet:

"Der so genannte intelligente Kühlschrank, der einen Touchscreen hat, der WiFi-fähig ist, eine Kamera hat - all diese Komponenten halten keine 15 Jahre, weil generell IT-Komponenten keine 15 Jahre halten. Aber ein Kühlschrank würde durchschnittlich 15 Jahre halten. Dadurch, dass wir die Geräte zu Teilnehmern des Internets der Dinge machen und digitale Komponenten einbauen, verkürzen wir - ohne groß darüber nachzudenken - auch deren Lebensdauer."

Lorenz Hilty, Professor am Institut für Informatik (IfI) der Universität Zürich

Daran können Verbraucher sich orientieren

Seit einiger Zeit bieten einige Händler und Hersteller deshalb auch Zusatzgarantien an, und zwar über die gesetzlichen Gewährleistungsrechte hinaus. Die Länge dieser Garantiedauer - die entweder für das Gesamtgerät oder auch einzelne Komponenten gilt - bietet zumindest eine Orientierungshilfe. Da diese Garantieverlängerungen aber immer mit zusätzlichen Kosten verbunden sind, lohnt es sich unbedingt, die Garantiebedingungen nochmal genau unter die Lupe zu nehmen.

Ein gutes Zeichen: Ersatzteile lange vorrätig

Übrigens: Ein funktionierender Service ist oft wesentlicher Bestandteil eines Unternehmens. Auch was die Kosten angeht. So orientiert sich die Bevorratung von Ersatzteilen auch immer an der kalkulierten Lebensdauer für ein Produkt. Wie die Stiftung Warentest bereits festgestellt hat:

"Ersatzteile (sind; Anm. d.R.) oft erfreulich lange zu bekommen. Wir prüften das für Waschmaschinen, Kaffeeautomaten, Staubsauger und Geschirrspüler, die wir vor etwa zehn Jahren getestet haben. Die meisten Anbieter konnten sämtliche Teile liefern, die nach unseren Recherchen oft kaputtgehen."

Stiftung Warentest

Weiterführende und hintergründige Links:

Die Lebensdauer von Produkten ist planbar - Artikel aus der Fachzeitschrift Ökologisches Wirtschaften

Weniger Obsoleszenz durch modulare Smartphones? Studie auf Elsevier

Obsoleszenz-Studie des Umweltbundesamtes

Stiftung Warentest zu defekten Haushaltsgeräten: Wann sich eine Reparatur lohnt

Der Verein Murks? Nein Danke setzt sich für eine Kreislaufwirtschaft ein.

Podcast "Besser Leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar"

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