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Kippen wegwerfen Umwelt Lassen sich Zigarettenstummel recyceln?

Weggeworfene Zigarettenkippen sind weltweit ein Problem. Vor allem für die Umwelt, aber auch für die Kommunen, denn das Aufsammeln kostet viel Geld. Ein Kölner Verein lässt alte Kippen für das Recycling verwerten. Und jeder kann mitmachen.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 16.02.2021 | Archiv

Eine jugne Frau raucht eine Zigarette | Bild: mauritius-images

Wie viele Zigarettenstummel landen in der Umwelt?

Laut einem Bericht der WHO aus dem Jahr 2017 landen fast 5 Billionen (da sind 12 Nullen dran) Kippen in der Umwelt und der Natur. Allein für Deutschland reden wir da von etwa 57 Milliarden Zigarettenstummeln. Auch wenn Raucher, die bis hierher gelesen haben, sofort versichern werden, dass ihre Kippen immer im Aschenbecher landen: 80 Prozent der Raucher weltweit sind nicht so achtsam!

Vielen Rauchern ist gar nicht bewusst, welch winzigen Giftcocktail sie da zu Boden werfen. Und viele Zigarettenstummel - mit und ohne Filter - ergeben dann jährlich zwischen 340 und 680 Millionen Kilogramm, die sich später auch wieder an Stränden, im Rinnstein und selbst auf Kinderspielplätzen wiederfinden.

Bußgelder fürs Zigaretten-Wegwerfen?

Zigaretten einfach wegwerfen - das ist verboten. Und kann Strafe kosten.

In einigen Städten und Gemeinden sind die Bußgelder für das achtlose Wegwerfen von Zigarettenkippen drastisch erhöht worden. In Baden-Württemberg kann es zwischen 50 und 250 Euro kosten, Zigarettenschachteln und -kippen aus dem Auto zu werfen. In Bayern wird das insgesamt noch als Bagatelle mit 20 Euro geahndet.

Allerdings kann eine weggeworfene Kippe in München schon mal 55 Euro kosten. In Nürnberg dagegen zwischen 15 und 35 Euro. Rauchen auf dem Kinderspielplatz ist aber auch in der Frankenmetropole mittlerweile eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße von bis zu 2.500 Euro belegt werden kann.

Warum Zigaretten ohne Zusatzstoffe nicht genießbar wären

Erst die Zusatzstoffe machen eine Zigarette überhaupt genießbar.

In allen herkömmlichen Zigaretten ist weit mehr enthalten als nur Tabak. Die Zigarettenfilter werden mit Weichmacher besprüht, hinzukommen Druckfarben, Bindemittel und Klebstoffe. Feuchthaltemittel (z.B. Glyzerin) verhindern ein schnelles Austrocknen des Tabaks. Geschmacksstoffe wie Kakao, Lakritz oder auch Zucker sind u.a. dafür zuständig, die Reizung unserer Atemwege zu minimieren, also das Rauchen schlichtweg angenehmer zu machen. In einer handelsüblichen "Aroma-Zigarette" sind - je nach Marke und Tabak - einige hundert verschiedene Aromen gemischt. Für Krebsforscherin Martina Pötschke-Langner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) wäre eine Zigarette gänzlich ohne Zusatzstoffe schlicht ungenießbar:

"Denn der Tabak würde zerbröseln. Ohne Feuchthaltemittel bekommen sie das Ganze nicht zusammen. Ohne Klebstoffe auch nicht Papier und Filter. Ohne Zusätze ist eine Fabrikzigarette gar nicht denkbar."

Martina Pötschke-Langner, Krebsforscherin am Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ

Wie giftig sind Zigarettenkippen?

Auch in Filter und Papier sind jede Menge Zusatzstoffe drin. Darüber hinaus wird trotzdem mit Aromen und anderen Stoffen gearbeitet, die das Rauchen "angenehmer" erscheinen lassen sollen, als es eigentlich ist. Allein durch die Abbrandsituation des Tabaks entstehen eine Vielzahl von krebserzeugenden Substanzen. Gemessen werden etwa 50 bis 90 unterschiedliche und absolut krebserregende Substanzen. Für diese gibt es noch nicht mal Schwellenwerte, also Werte, die zumindest eine gewisse gesundheitliche Unbedenklichkeit bescheinigen.

Eine Zigarettenkippe vergiftet 1.000 Liter Wasser für kleine Meerestierchen.

Insgesamt stecken auch in einem Zigarettenstummel noch mehrere tausend Giftstoffe, die von Nikotin und Blei, über Cadmium und Chrom bis hin zu Arsen oder Benzol reichen. Je nach Lage und Witterung kann es viele Jahre dauern, bis sich ein kleiner Stummel vollständig zersetzt hat. In dieser Zeit werden die Giftstoffe freigesetzt. Sie gelangen über den Boden bis ins Grundwasser:

"Eine einzige Zigarettenkippe kann 1.000 Liter Wasser für kleine Wassertiere vergiften und unbewohnbar machen. Darüber hinaus zerfallen die Zigarettenfilter aus Kunststoff zu Mikroplastik und schaden unseren Meeren auch so massiv."

Dorothea Seeger, BUND-Meeresmüllexpertin

Zigarettenstummel sammeln

Der gemeinnützige Kölner Verein TobaCycle e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, die giftigen Zigarettenkippen aus den Aschenbechern, aber vor allem den Grünanlagen, Straßen und öffentlichen Plätzen zu holen und - soweit es eben geht - den Müll noch irgendwie sinnvoll weiter zu verwerten.

Gründer Mario Merella ist vor einigen Jahren durch einen WHO-Bericht auf das Problem des Tabakkonsums und der mangelhaften Entsorgung der Kippen aufmerksam geworden und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, vor allem Raucher "mit einem durchdachten Sammelsystem zu sensibilisieren, damit Raucher lernen für die Art ihres Abfalls Verantwortung zu übernehmen."

Und zwar ganz praktisch. Ein kleiner Teil der aufbereiteten und getrockneten Kippen wird zu einem Taschenaschenbecher verarbeitet, der wiederum an Raucher verteilt wird - damit künftige Zigarettenstummel gar nicht erst auf dem Boden und damit in der Umwelt landen. In den ersten drei Jahren hat der Verein immerhin schon 22.000 Kilogramm Zigarettenkippen über dieses System gesammelt.

Zigarettenstummel entsorgen

"Grundsätzlich sind und bleiben Zigarettenkippen der Dreck, der sie sind - das ist kein Gold! Das ist auch nicht der Wertstoff, zu dem wir ihn eigentlich stilisieren, wenn wir ihn stofflich verwerten lassen."

Mario Merella, Gründer Verein TobaCycle e.V.

Die Taschenaschenbecher stammen nur zu einem kleinen Teil aus Zigarettenresten. Etwa 5 Prozent sind dann später Teil des Kunststoffs, der aus anderen, klein gemahlenen Kunststoffarten gegossen wird, die zum großen Teil aus Plastikmüllsammlungen stammen. "Und das soll auch das Bewusstsein schaffen, beim Rauchermensch: Aus meinen Kippen wird ja noch was."

Merella lässt aber auch weiter forschen:

"Derzeit haben wir drei weitere Verwertungsmöglichkeiten, die auch auf dem Prüfstand stehen - wie die Pyrolyse, Biogasanlagen und auch Kompostierung. Dann gibt es eben auch noch die Abfall-Vergärungsanlagen, die noch in Frage kommen. Wir haben jeweils mehrere hundert Kilogramm dort in Versuchsreihen, so dass wir dann die bestmögliche Verwertung regional finden und einsetzen."

Mario Merella, Gründer Verein TobaCycle e.V. 

Kippen sammeln: Jeder kann mitmachen - auch in Bayern

Vorzugsweise gibt es natürlich in und um Köln zahlreiche Sammelstellen. Aber mittlerweile gibt es Verbindungen und Sammler in ganz Deutschland. Auch in Bayern.

Zum Beispiel die Initiative "Amberger Kippenjäger", die - allen voran Karin Meixner-Nentwig - schon seit einiger Zeit für TobaCycle e.V. Zigarettenstummel sammelt. Mittlerweile weit über 200.000 Kippen. In Amberg sind auch immer mehr Unternehmen mit dabei und inzwischen auch in Mühldorf am Inn und Freyung im Bayerischen Wald.

Der Verein TobaCycle finanziert sich über Fördermitgliedschaften und durch Sponsoring von Unternehmen. Und auch Privat-Raucher sind willkommen:

"Das heißt, Unternehmen können sehr gut bei uns Mitglied werden, und die Kosten sind sogar aufgrund unserer Gemeinnützigkeit hervorragend in voller Höhe auch absetzbar. Als privater Raucher darf man ebenfalls mitmachen und bekommt dann für 25 Euro im Jahr ein Sammelsystem, was aus zehn Liter Eimern besteht, die luftdicht verschließbar sind."

Mario Merella, Gründer Verein TobaCycle e.V. 

Übrigens: Der Versand der Eimer ist sogar inklusive, wenn keine Sammelstelle in der Nähe sein sollte.

Weggeworfene Kippen: Die Zeche zahlt der Steuerzahler

Rund eine Viertel Milliarde Euro zahlen deutsche Städte und Gemeinden allein für die Entsorgung von Zigarettenkippen. Für die Entleerung der öffentlichen Aschenbecher und Abfallbehälter in Parks und Straßen kommt der Steuerzahler auf. Und natürlich umso mehr, wenn die Kippen achtlos in die Gegend geschnippt werden. Steht in einer Studie des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), die 2020 veröffentlicht worden ist. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) versprach zwar die Kommunen auch dabei zu unterstützen, mehr Reinigungspersonal einzustellen, neue Kehrmaschinen anzuschaffen oder zusätzliche Papierkörbe und Aschenbecher aufzustellen, aber gerade Zigarettenkippen landen dort oft gar nicht. Für die VKU-Studie wurden in 20 ausgewählten Klein-, Mittel- und Großstädten Abfälle aus Straßenpapierkörben und Kehricht analysiert und auf dieser Basis die Entsorgungskosten ermittelt. Die Studie wurde im Auftrag des VKU vom INFA-Institut für Abfall, Abwasser und Infrastruktur-Management erhoben. Ziel des Bundesumweltministeriums ist es, dass sich künftig die Produzenten von Zigaretten, aber auch die Hersteller von Verpackungen und anderem Einweg-Plastik an den Entsorgungskosten beteiligen sollen.

Quellen und weiterführende Links:

Bundesregierung zu Kleiner Anfrage der Grünen wegen Umweltverschmutzung durch Zigarettenkippen

Bayerische Staatszeitung: Kippe auf die Straße? 100 Euro!

Podcast "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar"

Alle Episoden zum Nachhören oder auch den Podcast im Abo gibt's jederzeit und kostenlos im BR-Podcast Center, bei iTunes, Spotify und der ARD Audiothek.
Alle Folgen zum Nachlesen finden Sie auf der Übersichtsseite "Besser leben. Nachhaltig im Alltag mit dem Umweltkommissar".

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