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08/15, Effeff & Co. Woher kommen diese Redewendungen?

Wenn Sie nichts aus dem Effeff in petto haben und nur Bahnhof verstehen, dann haben wir für Sie alles andere als 08/15-Erklärungen. So sind ein paar häufig gebrauchte deutsche Redewendungen (vermutlich) entstanden.

Von: Marc Strucken

Stand: 28.03.2017

Text "Verstehen Sie auch nur...?; Hintergrund ein Gleis am Münchner Hauptbahnhof | Bild: BR/picture-alliance/dpa

Kohldampf schieben / haben

Auch wenn man sofort das Bild eines Kochtopfs mit dampfendem Kohl vor Augen hat und vielleicht sogar Hunger bekommt, die Redewendung setzt sich aus zwei Begriffen der Gauner- und Soldatensprache des 17. Jahrhunderts zusammen. Im sogenannten Rotwelschen haben "Koll" und "Dampf" beide die Bedeutung von Hunger.

Das "Schieben", das wir heute noch in dem Sprichwort "Kohldampf schieben" verwenden, ist eine Abwandlungen von "scheffen", was so viel bedeutet wie "sein / sich befinden". In dieser Bedeutung kommt es auch vor in "Wache schieben", also "die Wache sein" oder sich "auf Wache befinden".

Viele weitere Ausdrücke aus dem Rotwelschen sind im 19. Jahrhundert in die deutsche Umgangssprache aufgenommen worden: z.b. ausbaldowern (auskundschaften), Bulle (Polizei), kaspern (reden).

Etwas in petto haben

Die Redewendung, dass jemand etwas "in petto hat", geht direkt auf ein italienisches Wort zurück und kam schon im 18. Jahrhundert ins Deutsche. "Avere in petto" heißt so viel wie "etwas im Herzen, der Brust, im Sinn haben". Das italienische Petto bedeutet heute noch Brust - sehr schmackhaft ist z.B. petto di pollo (Hähnchenbrust).

Mit der Brust ist bei der Redewendung aber eher das Herz gemeint (lateinisch: in pectore); vergleichbar mit dem deutschen Sprichwort "etwas auf dem Herzen haben". Mittlerweile wird "in petto haben" aber weiter gefasst und immer dann verwendet, wenn jemand etwas öffentlich macht, das zunächst verborgen war: "Er hatte noch eine Überraschung in petto."

Das ist doch nur 08/15

In der Politik oder beim Handwerken, überall gibt diese schnelle 08/15-Lösung. Zur Entstehung dieser Redewendung gibt es zwei Erklärungsansätze, die aber beide im Zusammenhang mit einem Maschinengewehr stehen.

Der erste Ansatz geht darauf zurück, dass die deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg lange und langweilige Schießübungen machen mussten mit einem Gewehr: Modellbezeichnung MG 08/15 . Irgendwann bedeutete "08/15" bei den Soldaten so viel wie "langweilig" oder "eintönig".

Die andere Erklärung geht auf die Qualität dieser Waffen zurück. 08/15 bezeichnet die Jahreszahlen, als das Gewehr eingeführt wurde. Das Ursprungsmodell, das MG 08 bekam die Armee 1908 und dessen Weiterentwicklung kam 1915. Die Modellbezeichnung war in die Waffen eingeprägt. Weil im Erste Weltkrieg die Ressourcen knapp wurden, hatte das MG 08/15 eine schlechtere Qualität als der Vorgänger. "Die Waffe ist 08/15!" wurde zur Redewendung: "nichts Besonderes, normal".

Nur Bahnhof verstehen

Aus der Zeit des Ersten Weltkrieg stammt wohl auch das Sprichwort "nur Bahnhof verstehen". Was heute so viel bedeutet wie "nicht verstehen, worum es geht", hatte damals einen tragischeren Nebensinn. Von den jahrelangen Kämpfen zermürbt, wurde der Bahnhof zu einem Symbol der Soldaten im Ausland für die hoffentlich baldige Heimkehr nach Deutschland. Wer mit einem Soldaten über irgendetwas anderes sprach als die Rückkehr, dem entgegnete er, er habe nichts anderes im Kopf als den "Bahnhof" und deshalb "nur Bahnhof verstanden".

Es gibt auch die Erweiterung der Redewendung "Ich verstehe nur Bahnhof und Kofferklau". Das spielt darauf an, dass Reisende an den überfüllten Bahnhöfen immer ein wachsames Auge auf das Gepäck haben mussten. Wer nicht aufpasste, dem wurden schnell die Koffer geklaut. Die Wendung bedeutet also, dass man das Gesagte nicht versteht, weil man in Gedanken woanders oder gerade nicht aufmerksam war.

Das beherrscht sie aus dem Effeff

Im alten Rom gab es die "Pandekten", ein Gesetzeswerk, das mit dem griechischen Buchstaben Pi (π) abgekürzt wurde. Auch damals hatten Römer es eilig und schluderte das Pi wie zwei kleine "f" hin. Irgendwann ersetze die Abkürzung "ff" das Pi ganz.

Auch im 18. Jahrhundert fußten die Gesetze noch auf den römischen Grundlagen und die Abkürzung "ff" hatte sich dafür durchgesetzt. Ein guter Jurist kannte demnach die "ff-Gesetze" in- und auswendig. Wenn heute jemand etwas aus dem "Effeff" kann, dann ist er ein echter Experte.

Außerdem bestehen noch weitere Erklärungsversuche. Auch die Abkürzungen "ff" aus der Musik für "fortissimo" (sehr laut) oder aus der Literatur für "folgende Seiten" könnten die Bedeutung für Effeff geprägt haben. Jemand, der etwas aus dem Effeff kann, ist stark (sehr laut) auf diesem Gebiet, kennt also auch alle möglichen Aspekte (die folgenden Seiten).

Lieschen Müller und die Mustermanns

"Lieschen Müller", quasi die Schwester von "Otto Normalverbraucher", ebenfalls verwandt mit den beiden Alten "Krethi und Plethi" oder ihren Enkeln "Hinz und Kunz", steht als Platzhalter für den Durchschnittsmenschen. Dabei geht Lieschens Stammbaum auf den Schriftsteller Heinrich Moritz Heydrich zurück, der 1861 "Prinz Lieschen" schrieb. Eine Weberstochter und Hochstaplerin gab sich darin als Prinz aus - eine "Gewöhnliche" aus dem Volk wollte in den Adel aufsteigen.

Der 1961 gedrehte Spielfilm "Der Traum von Lieschen Müller" führte die Phrase endgültig in den deutschen Sprachgebrauch ein. Hier träumt eine deutsche Büroangestellte der 60er davon, in den USA als "Liz Miller" zur höheren Gesellschaft zu gehören.

Herr und Frau Mustermann sind bewusst eingeführte Namen für fiktive Personen in Deutschland. Erika Mustermann und Max Mustermann werden seit 1978 in allen möglichen Vorlagen und Ausfüllhilfen, Formularen sowie Datenbanken verwendet. Erika ist vor allem vom Personalausweis-Muster bekannt. Ihr Aussehen änderte sich allerdings immer wieder mal.


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