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Murillos Werke: Mehr als Kitsch | BR24

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© Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München

400. Geburtstag Murillo

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Murillos Werke: Mehr als Kitsch

Vor 400 Jahren wurde der spanische Maler Bartolomé Esteban Murillo geboren. Schon zu Lebzeiten wurde er in seiner Heimatstadt Sevilla als Meister seiner Zunft verehrt. Doch was können uns seine Bilder heute noch sagen? Von Julie Metzdorf.

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Zwei Buben beim Spielen: Sie hocken am Boden, werfen erwartungsfroh die Würfel. Ein dritter steht daneben, kaut an einem Stück trockenem Brot und schaut dem Betrachter dabei selbstvergessen in die Augen. Ein anderes Bild zweigt zwei Kinder, die lachend Weintrauben und Melone essen.

Im Museums-Shop der Alten Pinakothek gehören diese Bilder zu den Rennern. Wer sich eher für zeitgenössische Kunst interessiert, rümpft aber vielleicht die Nase: Murillos Bilder gelten vielen als süßlicher Kitsch. Doch ein genauerer Blick lohnt:

Süßliche Kitschbilder?

Die fünf Kinderbilder der Alten Pinakothek zeigen Szenen aus dem Alltag armer Straßenkinder in Sevilla. Sevilla, einst durch den Handel mit der Neuen Welt eine der reichsten Städte der Zeit, wurde im 17. Jahrhundert von Krisen erschüttert. 1649 wütete die Pest in der Stadt, es gab Hungersnöte und soziale Unruhen. Hunderte elternlose Kinder müssen damals in den Straßen gelebt haben. Gleichzeitig schaffte Murillo einen merkwürdigen Spagat: Bei aller sichtbaren Armut präsentiert er die Kinder doch erstaunlich lebensfroh und unbekümmert, erklärt Elisabeth Hipp von der Alten Pinakothek:

"Wenn wir uns die Kinder anschauen, sehen sie nicht hässlich aus, sie werden nicht denunziert, also er hätte sie auch karikierend, verzerrt darstellen können, so etwas gab es in der niederländischen Malerei, da werden arme Leute so dargestellt, dass man sich über sie kaputtlachen kann, es gab auch im Europa der frühen Neuzeit Vorstellungen, dass die Armen eine Belastung sind, auch deswegen, weil sie meistens sich nicht an Regeln halten könne, weil sie dann doch stehlen. Das ist eine Haltung, die hier nicht drinsteckt in diesen Bildern." Elisabeth Hipp

Murillos Kinder mögen keine Schuhe haben, doch so wohlgenährt, mit reiner Haut und rosigen Wangen wie er sie zeigt, erscheinen sie trotzdem voller Würde und Anmut. Ganz klar: Die echten Straßenkinder in Sevilla sahen anders aus. Ein Kind ohne blaue Flecken am Schienbein gibt es ja nicht mal im digitalen 21. Jahrhundert.

Wohlgenährte Straßenkinder

Doch Murillos Straßenkinder haben weder Hautkrankheiten, noch schlechte Zähne, sie haben keine verfilzten Haare und keine aufgeblähten Hungerbäuche, nicht einmal eine einfache Rotznase findet man.

"Das entspräche auch nicht dem Bildverständnis der damaligen Zeit, dass man sozial anklägerisch, fotografisch genau arme Kinder wiedergibt, sondern das funktioniert über Zeichen. Wir sehen hier eben diese schönen Kinder, aber in Lumpen und mit dreckigen Füßen und das sind die Zeichen, dass es arme Kinder sind. Aber weil sie schön sind, mögen wir sie, mögen wir sie anschauen und erkennen wird auch, dass sie eigentlich gut sind, dass es sich lohnt, sich diesen armen Kindern zu widmen, indem man ihnen Essen zur Verfügung stellt, womit man natürlich etwas für sein Seelenheil tut." Elisabeth Hipp

Und noch etwas ist bemerkenswert: Murillos Kinder tauchen wirklich als Kinder auf, und nicht nur als kleine Mini-Erwachsene, wie man das aus Dutzenden höfischer Porträts etwa von Velázquez kennt.

Murillos Kinder aber sind frei und unbedarft, ungezügelt in ihren Bewegungen. Viele Details sind äußerst gut beobachtet, ihre tiefe Vergessenheit im Spiel, das Fehlen gesellschaftlicher Konventionen alias Tischsitten, das Schelmische, die unbändige Freude über Dinge, die mit Geld und Erfolg nichts zu tun haben.

Schönheit erzeugt Empathie und Hilfsbereitschaft

Abgesehen von seinen Kinderbildern ist Murillo vor allem für seine zahlreichen Mariendarstellungen bekannt. Auch seine Madonnen sind eher Kind als Mutter. Statt erhabener Frauen zeigt er niedliche Mädchen mit rundlichen Gesichtszügen. Genau das war das Erfolgsrezept dieses bereits zu Lebzeiten als Star seiner Zunft verehrten Malers: Murillo hat den in ihrem Wirken unerreichbar scheinenden Heiligen ein menschliches Antlitz gegeben und sie damit nahbarer gemacht.