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Erich Mühsam, der "Anarchist in Anführungsstrichen" | BR24

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Erich Mühsam, der "Anarchist in Anführungsstrichen"

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Erich Mühsam, der "Anarchist in Anführungsstrichen"

Er war Revolutionär, Bohemien und Poet: Für das Porträt "Anarchist in Anführungsstrichen" hat der Zeichner Jan Bachmann drei Monate aus Erich Mühsams Tagebüchern verarbeitet - und zeigt einen höchst widersprüchlichen Menschen. Von Hardy Funk

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"Sollen diese Tagesaufzeichnungen für mich selbst als Erinnerungsstützen Wert haben, so müssen sie ehrlich sein, die notierten Ereignisse niemals fälschen und für mein gegenwärtiges Erleben wichtige Vorgänge nicht verschweigen. Die Rücksicht darauf, dass die Notizen einmal publiziert werden könnten, darf nichts entscheiden."

Das schreibt Erich Mühsam 1910 in seinem Tagebuch über das Tagebuch-Schreiben. Und ihm ist es ernst damit: Schamlos ehrlich berichtet er über sein Leben als Schriftsteller, Bohemien und Anarchist. Zumindest so ehrlich, dass er Selbstzweifel so wenig auslässt wie die ihm eigene Selbstüberschätzung, die ständige Geldknappheit so wenig wie seine Unsicherheit gegenüber Frauen.

Bohemien und öffentliche Figur

Seit 2011 veröffentlicht der Verbrecher Verlag sukzessive die kompletten Tagebücher Erich Mühsams, die die Jahre 1910 bis 1924 umfassen. Der Schweizer Comic-Zeichner Jan Bachmann hat nun aus den ersten drei Monaten des ersten Bandes von 1910 die Graphic Novel "Mühsam: Anarchist in Anführungsstrichen" gemacht. Für ihn ist Mühsam der ideale Comic-Held, denn, so Bachmann: "Mühsam war schon damals ein Freak, würde man heute sagen. Er hat sich ganz schräg gekleidet. Wirklich schräg, lange Haare, dieser Blick, diese Brille. Er ist viel aufgetreten, hat viele Reden geschwungen, Gedichte rezitiert. Er war wirklich eine öffentliche Figur, die sich sehr stark inszeniert hat."

Uns begegnet ein Mühsam mit überlanger, spitzer Nase, mit krausem Haar und dichtem Rauschebart, gezeichnet in satten Farben und mit krakeligen Linien. Expressionistische Bilder, ganz verpflichtet dem künstlerischen Zeitgeist des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Für die Story übernimmt Bachmann ausgewählte Tagebucheinträge Wort für Wort, entwickelt Szenen daraus, erfindet Dialoge dazu. Und weil die Story 1910 spielt, lernen wir nicht den Mühsam kennen, der die Revolution von 1918 mit anführt, sondern den 32-jährige Poeten und Bohemien, der noch von der Revolution träumt. Der kaum Bücher verkauft – und trotzdem überzeugt ist von sich selbst: "Natürlich lehnt mein Verleger die Herausgabe meiner Moritate [sic!] ab", lautet ein Tagebucheintrag. "Ich glaube, ich kann das Buch auf das Massengrab meiner übrigen Pläne werfen. Als ob ich geradezu mit dem linken Fuße aus dem Mutterleib gestiegen wäre. Denn am Ende habe ich doch alles; Talent, Fleiß, Intelligenz und bin ein leidlich netter Mensch."

Ein Anarchist auf Kur

Obwohl nur ein Ausschnitt von knapp drei Monaten aus Mühsams Leben gezeigt wird, bekommt man ein sehr gutes Bild von ihm. Mühsam ist auf Kur in Château d’Oex in der Schweiz, nachdem er zu Unrecht im Gefängnis saß, flieht von dort zu seinem Liebhaber Johannes Nohl und geht später nach München. Er schreibt Gedichte und Artikel für linke Zeitschriften – und schnulzige Chansons, um über die Runden zu kommen. Er ahnt den kommenden Krieg voraus, stellt sich gegen den Militarismus der Zeit. Er bezeichnet sich als Anarchist, kritisiert die Sozialdemokraten für ihre Kompromisse – und pumpt sich immer wieder Geld von den Verwandten. Er verachtet das Bürgertum – und sucht doch dessen Anerkennung.

"Erich Mühsam: Anarchist in Anführungsstrichen" von Jan Bachmann ist in der Edition Moderne erschienen.