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Martin Walser Roman "Gar alles" und sein sexistischer Ich-Erzähler

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Altherren-Sexismus? Martin Walsers neuer Roman "Gar alles"

Martin Walser ist ein Großer der deutschen Nachkriegsliteratur, aber auch ein streitbarer Geist. Jetzt steht er wieder in der Diskussion: Sein neuer Roman provoziert den Zorn vieler Leserinnen und Leser. Von Cornelia Zetzsche

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Justus Mall, ehedem Gottlieb Schall, erst Jurist und Oberregierungsrat, jetzt Philosoph, frühpensioniert nach einem Eklat und seiner Flucht in die Krankheit Alzheimer, sucht via Blog, also in Monologen, nach "restloser Nähe", nach weiblicher Erlösung.

"Er erlebt sich in einer, das nennt er so, Standard-Situation: Ein Mann zwischen zwei Frauen. Er tut so, als sei das überhaupt üblich." Martin Walser

Standardsituation: Ein Mann zwischen zwei Frauen

Da ist Gerda, die Gattin, das "Sternbild", Inbegriff von "Innigkeit". Und Silke, Biologin, deutlich jünger, versteht sich, ein "Blütenschwall". Und Justus Mall – mal ist er "Ich", mal "er", da lässt sich alles leichter sagen – sucht die Dritte, die ihn versteht. Ein Zerrissener, ein Suchender, ein Mangelwesen in seelischer Not, gegen das sich alle verschworen haben, eine typische Walser-Figur also.

"Wenn er auf die Straße geht: überall diese Weibs-Attacken, die Frauen meinen das gar nicht, aber die sind alle so verführerisch, die sind alle so optisch aufdringlich."

Wahrnehmungsangebot

Nach strittigen Themen wie Deutsche Einheit, kollektives Gedächtnis, Glauben und Sterbehilfe, riskiert Martin Walser erneut einen Blick auf die Frauen, streitbar wie immer, von Altersmilde eines 91-jährigen keine Spur. Dass sein Held Präsident Trump als "belebendes Element" sieht, ist nur ein Seitenast. Die Rede ist vielmehr von einer "hageldichten Folge weiblicher Erscheinungen", von "Weibstattacke", "Lust-Qual" und einer "Anmach-Armee", "Reize prügeln" auf die armen Männer ein, "steile Brüste" sind so demonstrativ wie bloße Schenkel, ein "Rümpfchen, an dem Titten wippen"!

"Das sind alles Erotik-Erlebnisse meines Helden. Nicht jeder, aber mein Justus Mall darf so die Welt erleben. Das ist ja nur ein Angebot. Vielleicht, warten wir‘s mal ab."

Naive alte Herren

Aber Justus Mall muss schweigen! Schwer wiegen die gesellschaftlichen Gebote, diese "Mordinstrumente". Als er, erregt von Alkohol und Wagners "Tristan und Isolde" im Opernfoyer an der Bar einer unbekannten jungen Frau auf den bloßen Schenkel tippt, beginnt sein Absturz. Ein Schelm, wer denkt, das komme gerade recht zur MeToo-Debatte.

"Diese Frau macht daraus ein großes, öffentliches Thema", sagt Martin Walser und solidarisiert sich mit seinem Helden: "Sie macht ihn zum Grapscher, und er kommt in die Zeitung, und er wird der Grapscher aus der Altherren-Riege. Und wie er sich verteidigt, da sieht man, wie er und ich, wie naiv wir sind."

Ein Chronist von Stimmungslagen

Wichtiger als jeder Plot ist bei Walser die Gefühlslage seiner meist männlichen, oft erotomanen Helden, die an sich leiden. "Mir entkommen möchte ich, aber wohin?", notiert Justus Mall, und man möchte ihm gleich zustimmen. Martin Walser ist kein Geschichtenerzähler, eher ein Aphoristiker und Chronist von Stimmungslagen. Schreiben ist für ihn eine Suchbewegung, Sprachfindung eine Selbstfindung, seine Schreibenergie ungebrochen. Sie folgt der schreibenden rechten Hand. Political Correctness hat da keinen Platz, bestenfalls Ironie. Als Leserin ist man konsterniert angesichts dieser unbekümmerten Beichte als Blog, und amüsiert, mit welcher Chuzpe, welcher Lust, wie dialektisch wendig der 91-jährige Walser wieder ein Tabu torpediert.