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Kriegsende 1945 | KZ-Befreiung (2) Wettlauf zwischen Krankheit und Krieg

Typhus, Fleckfieber, extrem harte Arbeit und eine mörderische SS - im Frühjahr 1945 lauerten viele Todesgefahren auf die KZ-Häftlinge in Dachau und Flossenbürg. Einzige Hoffnung: die herannahende US-Armee.

Von: Ernst Eisenbichler

Stand: 07.04.2015 | Archiv

KZ Flossenbürg: An der Ruhr erkrankte Häftlinge nach der Befreiung | Bild: National Archives Washington / KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Beim Einmarsch in Bayern befreiten die Amerikaner nicht nur die beiden bayerischen KZs Dachau und Flossenbürg, sondern auch deren zahlreiche Außenstellen. 1944 hatten die Nazis viele KZs ausgebaut, indem sie verstärkt externe Lager einrichteten. Nach den Kriegsniederlagen der vergangenen Monate versuchte Hitler verzweifelt, die Waffenproduktion aufrecht zu erhalten. Dazu setzte er KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie ein, deren Produktionsstätten die Außenstellen zum Teil angegliedert waren. Flossenbürg ordnete man knapp 100 Außenlager zu, Dachau etwa 160.

Katastrophale Lebensbedingungen

KZ Flossenbürg: An der Ruhr erkrankte Häftlinge nach der Befreiung

In den KZs waren die Gefangenen auf engstem Raum zusammengepfercht. Sie litten unter unvorstellbar unhygienischen Verhältnissen. Im Lager Flossenbürg breitete sich 1944 außerdem Typhus aus. Die Seuche wurde durch Überstellung von Häftlingen ins KZ Dachau eingeschleppt. Ab Dezember 1944 wütete auch dort Typhus, zudem Fleckfieber. Bis Kriegsende starben im KZ Dachau daran rund 15.000 Menschen.

"Es ist klar, daß diese Skelette kaum noch einige Tage zu leben haben. Die verbrauchte Haut ist nur noch eine graue Hülle. Sie liegt ganz eng auf dem Knochengerüst auf und läßt Rippen, Becken und Schenkelknochen heraustreten, die sich nur noch in einem letzten automatischen Reflex bewegen. Die Leute entleeren sich teilnahmslos vor uns auf den Boden."

Edmond Michelet, französischer Dachau-Häftling, über Neuankömmlinge aus anderen KZs

KZ Flossenbürg: Tote Häftlinge, fotografiert von US-Soldaten

In den Außenlagern waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen noch härter als in den KZs. Besonders berüchtigt war das Lager Kaufering bei Landsberg. Dort kamen im letzten Kriegsjahr mehr als 10.000 Menschen um, fast alle ungarische und polnische Juden. Aber auch im KZ Hersbruck, einem Flossenbürger Außenlager, starben zwischen dem Frühjahr 1944 und 1945 etwa 4.000 Häftlinge. In den letzten fünf Kriegsmonaten verschärfte sich die Situation in den Lagern Dachau und Flossenbürg durch hoffnungslose Überbelegung. Tausende Häftlinge waren dorthin von anderen KZs wegen des Vormarsches der Alliierten transportiert worden. In manchen "Stuben" mussten 600 statt - wie vorgesehen - 60 Gefangene hausen.

Warten auf die Amerikaner

Einzige Hoffnung war die Befreiung durch die Amerikaner, die Mitte April 1945 nicht mehr weit vor den Toren der KZs standen. In Dachau hatte das subversiv agierende Internationale Häftlingskomitee ein geheimes Informationssystem aufgebaut. Deren Mitglieder ahnten spätestens seit Ende März - als der US-Armee die Rhein-Überquerung gelang -, dass der baldige Kollaps des NS-Regimes wahrscheinlich und nur noch eine Frage der Zeit war. Für viele der Todkranken begann damit aber auch ein Wettlauf gegen die Zeit - besonders in Dachau, da sich dort hartnäckig das Gerücht hielt, die SS plane vor der Ankunft der Amerikaner eine Massenexekution aller Häftlinge.

SS gibt Lager auf

Die US-Truppen erreichten Flossenbürg am 23. April 1945. Zuvor - von 17. bis 20. April - hatten dort die SS-Wachmannschaften das Lager evakuiert. Zunächst pferchten sie mehrere tausend Häftlinge in Güterwaggons. Der erste dieser Eisenbahntransporte nach Dachau startete am 17. April. Am 19. und 20. April mussten sich dorthin etwa 16.000 Häftlinge des Stammlagers zu Fuß auf den Weg machen. Gegen Ende April konnte man auch im Lager Dachau den nahenden Geschützdonner der US-Panzer hören. Am 26. April flüchtete der Lagerkommandant und nach etlichen Fliegeralarmen suchten viele SS-Männer das Weite, einige Hundert blieben aber in Dachau. Die Auflösungserscheinungen dort setzten sich fort: Nach dem Start des Todesmarsches am 26. April waren ursprünglich für die nächsten beiden Tage weitere Evakuierungen angesetzt, doch dazu kam es nicht mehr.


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