Respekt - Respekt

Zeitzeug*innen

RESPEKT Zeitzeug*innen

Stand: 02.09.2020

  • 75 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes in Deutschland leben nur noch wenige Zeitzeug*innen – also Menschen, die diese Zeit damals miterlebt haben.
  • Die Erinnerung lebendig zu halten ist wichtig, um Bewegungen und Ereignisse, die in Richtung Diktatur und Völkermord gehen, rechtzeitig zu erkennen und zu stoppen.
  • Gedenkstätten sind ein wichtiger Baustein für das Erinnern, zum Beispiel die ehemaligen Konzentrationslager.
  • Sinn des Erinnerns ist, dass wir verstehen, wie wir uns heute richtig, wachsam und solidarisch verhalten können.

Als "Holocaust" wird der Völkermord der Nationalsozialisten an Juden* bezeichnet. Wie viele jüdische Menschen Opfer des Holocaust wurden, lässt sich nur schätzen: zwischen 5,6 und 6,3 Millionen. Damit so etwas nie wieder passiert, muss die systematische und organisierte Ermordung von Menschen in Erinnerung bleiben - und die Umstände, die so etwas möglich gemacht haben.

Zeitzeug*innen - lebendige Erinnerung

Sie haben persönlich eine historisch wichtige Phase miterlebt und können genau berichten, wie es sich für sie damals angefühlt hat. Ihre Erinnerung ist natürlich subjektiv; doch sie deckt sich in sehr vielen Punkten mit den Berichten anderer Zeitzeug*innen. So ergibt sich ein objektives Bild von dem, was damals passiert ist: die Diskriminierung, Verfolgung oder Ermordung. Ergänzt werden diese Fakten mit individuellen, emotionalen Aspekten und Details. Und gerade diese persönlichen Erinnerungen haben eine große Kraft und erreichen Menschen der jüngeren Generation viel mehr als sachliche Fakten. Deshalb ist das Erleben von Zeitzeug*innen – live oder auch in Aufzeichnungen – von unschätzbarem Wert.

"Für die jüdischen Bürger gab es gerade noch zum Überleben Brot und Margarine und ein bisschen Marmelade. Aber kein Fleisch, keine Butter, kein Käse, kein Obst, keine Wurst. Du schaffst so ein Gefühl der Wertlosigkeit: Was haben wir Juden getan? Es ist auch so, was uns ja letzten Endes heute auch beschäftigt: Wie erleben andere das Furchtbare? Flüchtlinge? Wie erleben Menschen auch diesen Antisemitismus? Wie erleben Menschen diesen Rassismus, diese Ablehnung? Und um das geht es."

Ernst Grube, Holocaust-Überlebender

Was ist der Holocaust?

Der Begriff stammt aus dem Griechischen holókaustos. Das bedeutet: vollständig verbrannt. Der Holocaust – die systematische Ermordung jüdischer Menschen – beginnt am 9. November 1938. In ganz Deutschland zünden Menschen Synagogen an, zerstören und plündern jüdische Geschäfte. Juden* werden auf offener Straße verunglimpft, angegriffen und getötet. Im Oktober 1941 beginnen die Nazis, jüdische Mitmenschen systematisch zu ermorden: in industriell organisierten Vernichtungslagern. Das größte dieser Lager ist Auschwitz.
In weniger als nur vier Jahren ermorden die Nazis etwa 6 Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder. Historiker*innen schätzen, dass etwa 500.000 Menschen an den Schreibtischen die Ermordung von Juden* geplant haben und bei der Ausführung beteiligt waren.

Gedenkstätten: Orte des Erlebens

Die Bilder von Holocaust-Opfern in Yad Vashem

Die Gedenkstätte Yad Vashem befindet sich in Jerusalem. In dem kuppelartigen Gebäude sind die Einzelschicksale von Juden* dokumentiert, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Persönliche Geschichten berühren Menschen viel mehr als Statistiken oder Schwarz-Weiß-Bilder von Massenerschießungen. Jedes Jahr besuchen zwei Millionen Menschen aus aller Welt die Gedenkstätte und begreifen dadurch besser, welche Ausmaße Menschenverachtung und Hass annehmen können – aber auch wie viel Solidarität und Mut es in dieser Zeit gab.

Auch in Deutschland gibt es Gedenkstätten, in Bayern etwa die Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg.

"Der Ort ist einfach der Beweis, dass diese Verbrechen stattgefunden haben. (...) Deswegen ist dieser Ort wichtig als ein Tatort, ein früherer. Wir stehen hier auf dem Friedhofsgelände. Wir haben gerade eine große französische Delegation da. Das sind lauter junge Menschen, deren Großeltern und Urgroßeltern hier in Flossenbürg gestorben sind. Die kommen aus Frankreich hierher und gehen auch auf diesen Friedhof. Also, es ist auch ein wichtiger internationaler Familienort."

Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Erinnern mit Podcasts und Stories im Internet

Eva Heyman 14 Tage vor ihrer Deportation

Das mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Projekt "Die Quellen sprechen" bringt Zeitgeschichte durch Stimmen nahe: Schauspieler*innen und Zeitzeug*innen lesen Hunderte von ausgewählten Dokumenten – verfasst von Tätern, Opfern und Beobachter*innen. Zeitungsberichte, Hilferufe, Verordnungen, Befehle, Tagebuchaufzeichnungen und Privatbriefe. Historiker*innen erklären die Zusammenhänge und Hintergründe.

Eine sehr moderne Art des Erinnerns nutzen die Eva Stories auf Instagram. Das Schicksal der dreizehnjährigen Jüdin Eva Heyman wird als Insta-Story erzählt: hautnah, spannend und berührend. Eva Heyman hat es wirklich gegeben, die Stories orientieren sich an ihren Tagebucheinträgen. Eine Besonderheit ist die Unmittelbarkeit – man muss nichts über den Holocaust wissen, um der Geschichte folgen zu können; und weiß nachher umso mehr, nämlich: Wie es sich angefühlt hat, als Jüdin in dieser gefährlichen Zeit zu leben.

Familiengeschichte - nicht immer zuverlässig

  • Die eigene Familiengeschichte ist eine wichtige, aber nicht immer verlässliche Quelle für die Erkundung der NS-Zeit. Denn wer hat schon gerne Täter und Täterinnen in seiner Ahnenreihe?
  • Rund 36 Prozent sagen, dass Vorfahren von ihnen unter den Opfern des Nationalsozialismus waren, vor allem als zivile Opfer des Krieges, zum Beispiel bei Bombenangriffen oder als Geflüchtete und Vertriebene.
  • Circa 29 Prozent sagen, dass eigene Vorfahren Opfern der NS-Diktatur geholfen haben.
  • Deutlich weniger, knapp 20 Prozent, geben an, dass ihre Vorfahren Täter oder Täterinnen waren.

Zahlen und Fakten: Quellen

Wissen über Auschwitz-Birkenau (PDF, S. 15)

Zugänge zur Beschäftigung mit der NS-Zeit
Studie "MEMO Deutschland" der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) und Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG)/Universität Bielefeld 2019: Dokumentar- und Spielfilme sowie Internet als Zugang

Umfrage-Ergebnis zum Besuch von Gedenkstätten (PDF, S. 10 und 32 f.)

Eigene Familie und NS-Zeit ("Familiennarrative") (PDF, S. 13 ff. und 35 ff.)

"Das gilt für Geschichte ja immer, dass man nicht dabei war. Sonst wäre es ja nicht Geschichte. Aber es gibt eben Strukturen, die sich durchziehen, auch so was wie Mobbing in der Klasse. Mal davon abgesehen, dass jetzt gerade es auch einige ethnische Gruppen oder religiöse Gruppen gibt, die angefeindet werden. Aber es gibt eben solche Mechanismen auch in kleinen Gruppen. Und das hat mit uns allen zu tun. Und wenn man diese Verbindung zu heute herstellt, wenn man sagt, das ist nicht die Erfahrung von Anne Frank, das ist die Erfahrung von dem, der neben dir sitzt, von deinem Bruder oder deiner Schwester oder deiner Mutter: Dann hat man vielleicht zwar nicht dieselbe, aber doch eine Ebene, die einen unmittelbarer berührt."

Lena Gorelik, Autorin

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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