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Zu egoistisch für Umweltschutz?

RESPEKT Zu egoistisch für Umweltschutz?

Stand: 14.10.2020

  • Umweltschutz wurde erst in den 1970er-Jahren zum Thema: nach fürchterlichen Umweltkatastrophen wie dem Fischsterben im Rhein, der Chemiekatastrophe in Seveso oder dem Waldsterben.
  • Das deutsche Umweltrecht ist über viele Gesetze verstreut. Über die Forderung, es in einem eigenen Umweltgesetzbuch zusammenzufassen, streiten die Parteien noch.
  • Der Verzicht Einzelner und nachhaltige Lebensweisen sind positiv - aber Freiwilligkeit ist nicht ausreichend.
  • Klimaschützer warnen: Wenn es keine strengeren Umweltschutzgesetze gibt, wird die Erderwärmung zu einer Katastrophe führen.

Umweltschutz finden alle gut - irgendwie. Aber wenn's ans Umsetzen geht, ist es vorbei mit der Gemeinsamkeit: Während die einen vegan und minimalistisch leben, jetten andere um die Welt. Manchen fällt es leicht, zu verzichten. Mitunter macht es ihnen sogar Spaß, aus weniger mehr zu machen. Anderen fällt es schwer. Umweltschutz funktioniert aber nur, wenn alle ihr Verhalten darauf einstellen. Wie also die motivieren, die "keinen Bock auf Verzicht" haben? Braucht es dazu Zwang und strengere Regeln? Unbequeme Vorschriften und Gesetze lassen sich in Demokratien nur mit breiter Zustimmung durchsetzen. Doch wo soll die herkommen?

"Der Einzelne muss bereit sein, mehr zu tun, aber die Politik ist gefordert. Es kann nicht sein, dass ein Politiker sagt, der Verbraucher muss sich ändern. Die Rahmenbedingungen müssen gemacht werden. Und es hilft nichts, wenn wir sagen, wir essen weniger Fleisch. Wenn wir aber trotzdem Fleisch produzieren und das wieder irgendwo in andere Länder exportieren, das macht keinen Sinn."

Leonhard Zach, Biomilchbauer

Die Challenge: Motocross und Umweltschutz

Biomilchbauer Leonhard Zach ist einer von denen, die beim Umweltschutz wirklich was bewegen wollen. Nicht nur auf seinem Hof, sondern auch bei der Jugend. Das geht nur mit Kompromissen und dem Willen zur Verständigung, sagt er. Beispiel: Die Jugendlichen aus dem Dorf fahren seit Jahren Motocross - wild durch Wald und Wiesen. Zach hat sich dafür eingesetzt, dass es ein Motocross-Areal gibt, auf dem die Jugendlichen "geordnet" fahren dürfen, in einem bestimmten Zeitraum, jeden Tag. Und das sie ganz nebenbei auch als Naturraum kennenlernen: mehr Sicherheit und Respekt für die Umwelt.

Ohne Regeln funktioniert es nicht

Individuelles Engagement ist gut und wichtig, aber ohne Gesetze und ihre Durchsetzung werden wir als Gesellschaft, in Deutschland und weltweit, die Klimakatastrophe nicht verhindern können. In dem Punkt sind sich die meisten Klima- und Umweltschützer und große Teile der Politik einig. Die Motivation Einzelner ist zu wenig. Zumal sie, wie jede*r von uns weiß, von Tag zu Tag schwankt. Und für Menschen ist es psychologisch gesehen sehr schwer, Verhalten zu ändern, wenn die (negativen) Konsequenzen wenig spürbar sind.

Überzeugen durch Mitsprache: Beispiel Bürgergutachten

Wie bekommen Umweltgesetze mehr gesellschaftliche Akzeptanz? Eine Antwort lautet: indem der Staat ganz normale, zufällig ausgewählte Menschen schon beim Entwurf neuer Gesetze beteiligt. So können sie Für und Wider abwägen und in einem Team Lösungen finden. Die sind oft näher an der Realität von Bürger*innen als Gesetze, die nur im Parlament entstehen, und werden deshalb besser angenommen - so die Idee, mit der Länder wie Irland und Frankreich gute Erfahrungen gemacht haben.

Geloster Bürgerrat heißt diese in Deutschland relativ neue Art der Mitsprache. Solche Bürgerräte könnten zu jedem Gesetzesentwurf ein Bürgergutachten erstellen, um den Entwurf zu optimieren. Befürworter Wolfgang Scheffler von Scientists4future sagt: Für die Demokratie würde sich das voll rechnen.

"120 Entscheidungen gab's, das wären also 120 Bürgergutachten, die würden 30 Millionen Euro kosten. 24.000 Bürgerinnen werden beteiligt. Im Vergleich zu den Kosten des Parlaments, das ist eine Milliarde Euro pro Jahr, ist es drei Prozent. Aber wir haben so viel mehr Demokratie. Das ist ein Schnäppchen."

Wolfgang Scheffler, Scientists4future

Demokratien tun mehr für den Umweltschutz

  • Wissenschaftler messen, wie gut einzelne Länder beim Umwelt- und Klimaschutz abschneiden. Zum Beispiel mit dem Environmental Performance Index und dem Klimaschutz-Index.
  • Auf Platz 1 im Umwelt-Ranking 2020: Dänemark, gefolgt von Luxemburg und der Schweiz. Deutschland ist auf Platz 10.
  • Beim Klimaschutz führt Schweden, gefolgt von Dänemark und Marokko - weil Marokko stark in erneuerbare Energien investiert.
  • Diktaturen wie China oder "unvollständige Demokratien" wie die USA schneiden deutlich schlechter ab.

Umweltschutz einklagen

Für Sophie Backsen ist die Klimakatastrophe kein scheinbar fernes Horrorszenario, sondern schon eine ganz reale Bedrohung: Der Meeresspiegel auf Pellworm, rund um den Landbesitz ihrer Familie, steigt sichtbar an. Ihre Heimat ist unmittelbar in Gefahr, in wenigen Jahren unbewohnbar zu werden. Deshalb ist sie nicht nur persönlich aktiv und engagiert. Sie beteiligt sich auch an einer Klage von Greenpeace gegen die Deutsche Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht. Das soll die Bundesregierung zu Entscheidungen zwingen, mit der die versprochenen Klimaziele auch erreicht werden.

Doch selbst, wenn das klappt: Für Sophie Backsen ist auch jede*r Einzelne in der Verantwortung, den eigenen Egoismus infrage zu stellen und mehr für den Umweltschutz zu tun. Etwa den günstigen Flug NICHT buchen und stattdessen eine langwierige Zugreise in Kauf nehmen. Der Mehrheit von uns tue der Klimawandel aber eben "nicht weh genug", um da etwas zu ändern, wo es "weh tut".

"Sich vorzustellen, dass man seine eigene Heimat verliert. Oder halt das, wo man aufgewachsen ist, was einem sozusagen gehört. Das ist schon ziemlich krass. (...) Und dann kann man nicht so ein lasches Gesetz hinlegen und sagen: Das ist alles, was die Demokratie hergibt."

Sophie Backsen, kämpft vor dem Bundesverfassungsgericht für mehr Klimaschutz

Wattwandern auf Pellworm

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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