BR Fernsehen - Wir in Bayern


14

Allgemeinmedizin Demenz frühzeitig erkennen und bremsen

Demenz ist zwar nach wie vor nicht heilbar, dennoch sind die Betroffenen dieser Krankheit nicht völlig machtlos ausgeliefert. Es gibt einige Dinge, die Demenzpatienten tun können, um das Fortschreiten etwas zu bremsen. Je früher sie damit beginnen, desto besser. Allgemeinarzt Dr. Klaus Tiedemann erklärt, an welchen Anzeichen Sie Demenz erkennen können und wie sich das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen lässt.

Stand: 18.09.2023 08:36 Uhr

Symbolbild Demenz | Bild: BR/stock.adobe.compathdoc

In Deutschland sind etwa 1,8 Millionen Menschen dement. Demenz ist eine Form der Vergesslichkeit, die über die altersentsprechende Norm hinausgeht. Bei 60 bis 70 Prozent der Patienten geht die Demenz auf eine Alzheimererkrankung zurück. 20 bis 30 Prozent entfallen auf Durchblutungsstörungen im Gehirn (vaskuläre Demenz), den Rest machen Sonderformen aus.
Die Zahl der Alzheimerpatienten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, was hauptsächlich an der steigenden Lebenserwartung liegt. Je älter man ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken. Etwa fünf Prozent der über 65-Jährigen leiden unter Alzheimer. Bei den über 80-Jährigen sind es schon etwa zwanzig Prozent und bei den über 90-Jährigen liegt die Erkrankungsrate bei gut 40 Prozent. In seltenen Fällen, in denen eine erbliche Form von Alzheimer vorliegt, kann die Krankheit aber auch schon ab dem dreißigsten Lebensjahr ausbrechen.
Demenz ist zwar derzeit noch nicht heilbar, wenn sie früh genug erkannt wird, können jedoch die Symptome hinausgezögert und somit die Lebensqualität der Betroffenen länger erhalten werden.

Das passiert bei Demenzpatienten im Gehirn

Bei Alzheimer lagern sich im Gehirn Eiweißklumpen, so genannte Amyloid-Plaques ab, was dazu führt, dass das Gehirn nicht mehr so gut mit Sauerstoff und Energie versorgt wird. Deshalb sterben nach und nach Nervenzellen und Nervenkontakte ab, was dazu führt, dass der Informationsfluss im Gehirn immer schlechter funktioniert. Dabei kann das Gehirn um bis zu 20 Prozent schrumpfen, was bei fortgeschrittener Krankheit anhand von Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) festgestellt werden kann. Außerdem ist bei Alzheimer-Patienten der Stoffwechsel des Nervenbotenstoffes Acetycholin gestört.

Symptome von Demenz

  • Zu den ersten Symptomen gehört das Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses. Die Betroffenen verlieren bei Gesprächen den Faden, fragen mehrmals das Gleiche, obwohl sie die Antwort bereits erhalten haben, müssen beim Lesen immer wieder von vorne beginnen, vergessen, was sie gerade tun wollten und verlegen Dinge. Das Langzeitgedächtnis hingegen ist erst bei weiter fortgeschrittener Krankheit betroffen.
  • Nach und nach treten zudem Konzentrationsschwierigkeiten auf. Das äußert sich beispielsweise darin, dass die Patienten Dinge nicht zu Ende machen.
  • Mit der Zeit kommt es zu einem Verlust des Denk- und Urteilsvermögens sowie zu Sprachstörungen (Wortfindungsstörungen).
  • Demenzpatienten bekommen zudem häufig Schwierigkeiten mit der Orientierung. Sie finden dann beispielsweise nicht mehr vom Bäcker nach Hause und irren orientierungslos umher. 
  • Gegenstände werden nicht mehr erkannt oder falsch benutzt (der Kamm dient beispielsweise als "Messer" beim Schmieren des Butterbrotes).
  • Schleichender Gewichtsverlust, da das Hungergefühl nachlässt und die Patienten vergessen zu essen.
  • Typisch ist auch, dass die Betroffenen Probleme haben, ihre Bewegungsabläufe zu koordinieren. Das äußert sich beispielsweise darin, dass sie unfähig sind, ihre Krawatte zu binden oder sich anzuziehen, auch die Schrift wird krakelig. Deshalb ist es für Demenz-Patienten in fortgeschrittenem Stadium sehr schwierig, sich im Alltag allein zurecht zu finden.
  • Auch Veränderungen im Verhalten und in der Psyche, wie etwa Stimmungsschwankungen, Aggressivität, depressive Verstimmungen, Sinnestäuschungen und Sich-Einigeln gehören zu den typischen Symptomen.
  • Schlafstörungen und eine Veränderung des Tag-Nacht-Rhythmus sind in der Regel ebenfalls Teil des Krankheitsbildes.

Diagnose von Demenz

Bei Verdacht auf Demenz sollten Sie einen Neurologen oder Psychiater aufsuchen.
Die Diagnose wird anhand verschiedener körperlicher und geistiger Symptome gestellt. Der Arzt versucht beispielsweise mit dem Mini-Mental-Status-Test festzustellen, wie sich die geistige Leistungsfähigkeit verändert.
Auch der so genannte Uhrentest kann Aufschluss darüber geben, ob eine Demenz vorliegt. Dabei soll der Patient ein Ziffernblatt mit einer bestimmten Urzeit zeichnen. Demenzpatienten schaffen es in der Regel nicht, sich die Zeit zu merken und diese gleichzeitig aufzumalen.
Da das Gehirn bei fortgeschrittenem Verlauf schrumpft, kann die Krankheit in einem späten Stadium bei der Computer Tomographie oder Kernspin-Tomografie erkannt werden.

Krankheitsverlauf von Demenz

Demenz ist eine Krankheit, die fast unmerklich beginnt und sich langsam im Laufe der Jahre verschlimmert. Die ersten Symptome machen sich meist erst Jahre nach dem Beginn der Krankheit bemerkbar. Am Ende steht die völlige Pflegebedürftigkeit. Die Patienten erkennen ihre Angehörigen nicht mehr, werden bettlägerig und haben keine Kontrolle mehr über ihre Köperfunktionen. Nach dem Ausbruch der Krankheit ist die Lebenserwartung der Patienten in der Regel vier bis acht Jahre.
Demenz-Patienten sterben meist an Krankheiten, die auf ihre allgemeine Schwäche und Bettlägerigkeit zurückzuführen sind. Häufige Todesursache ist eine Infektion der Atemwege (Lungenentzündung).

Risikofaktoren

  • Das größte Risiko ist das Alter, da die Gefahr, die Krankheit zu bekommen, mit zunehmendem Alter steigt. In der Regel sind die Patienten über 65 Jahre alt.
  • Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Schilddrüsenunterfunktion, Cholesterin und Diabetes können zudem das Risiko erhöhen.
  • Eventuell können auch Kopfverletzungen (Schädel-Hirn-Traumata) den Ausbruch der Krankheit begünstigen.
  • Soziale Faktoren wie beispielsweise fehlende Kontakte zu anderen Menschen und fehlendes soziales Engagement zählen ebenfalls zu den Risikofaktoren.
  • Rauchen erhöht das Demenzrisiko um 30-50 Prozent.
  • Bei hochgradiger Schwerhörigkeit steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Demenz um das Fünffache.
  • In etwa fünf Prozent der Fälle ist Alzheimer genetisch bedingt: Bei diesen Patienten kann die Krankheit bereits weit vor dem 60. Lebensjahr ausbrechen. Wenn man davon ausgeht, dass in einer Familie Alzheimer genetisch vererbt wird, kann mit einem Bluttest festgestellt werden, ob eine Person Träger eines "Alzheimer" - Genes ist. Aber es gibt keine Möglichkeit, diese Patienten vorbeugend zu behandeln.
  • Medikamente, wie etwa Benzodiazepine, die bei Schlafstörungen oder Angsterkrankungen zum Einsatz kommen, Methotrexat (Rheumamittel), Schmerzmittel (vor allem Opioide) oder psychisch wirksame Mittel wie Doxepin oder Amitripylin stehen ebenfalls in Verdacht, Demenz zu begünstigen.

Vorbeugung von Demenz

Es gibt keinen wirklichen Schutz vor Demenz. Sie können aber versuchen, die Risiken zu mindern, indem Sie Risikokrankheiten, wie etwa Diabetes, Bluthochdruck oder Schilddrüsenunterfunktion behandeln lassen. Zudem sollten Sie sich geistig und körperlich fit halten, denn das Gehirn ist trainierbar wie ein Muskel und ein gut trainierter Muskel braucht beim Abbau länger, bis eine kritische Grenze unterschritten wird. Bewegung verbessert die Durchblutung des Gehirns. Zudem ist es wichtig, auch im Alter soziale Kontakte zu pflegen, neugierig zu bleiben, neue Erfahrungen zu machen sowie neue Fertigkeiten zu erlernen. Reisen und Sprachen lernen sind beispielsweise Top-Trainingseinheiten für unser Gehirn.

Behandlung von Demenz

Die Krankheit ist beim derzeitigen Forschungsstand noch nicht heilbar. Es gibt jedoch Medikamente, sogenannte Antidementiva, die die Folge- und Begleiterscheinungen über einen Zeitraum von etwa ein bis zwei Jahren unterdrücken beziehungsweise hinauszögern. So kann die Lebensqualität ein Weilchen länger aufrechterhalten werden.
Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser. Die Medikamente sollten möglichst früh eingesetzt werden, um die Symptome möglichst lange hinauszuzögern.
Zudem ist es hilfreich, die psychischen Symptome, wie Unruhezustände, Aggressivität, und depressive Verstimmungen zu behandeln. Hierfür werden Antidepressiva und Neuroleptika eingesetzt. Neuroleptika wirken entspannend sowie beruhigend und mit Hilfe der Antidepressiva kann die Stimmung gehoben werden. 
Außerdem helfen verschiedene Therapieformen den Patienten, mit der Krankheit besser klarzukommen. Dazu gehören unter anderem Erinnerungstherapien, kognitives Training und Verhaltenstherapien.
Auch Bewegung spielt bei Demenzerkrankungen eine wichtige Rolle. Durch Bewegung ist eine Steigerung der Gedächtnisleistung von knapp 20 Prozent möglich. Mit speziellen Übungen und Behandlungen wird zudem versucht, Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht sowie Koordination zu erhalten und zu fördern. Störungen und Fehlfunktionen des Bewegungsapparats werden minimiert oder behoben.

Tipps zum Umgang mit Demenz-Kranken

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Welt, die Sie immer weniger verstehen. Warum passiert das gerade? Was passiert mit mir? Diese Welt würde auch einem Gesunden Angst machen, Panik oder Verzweiflung schüren. Genau so geht es Demenzpatienten.
Da die Betroffenen zunehmend Schwierigkeiten haben, sich logisch zu äußern und Bedürfnisse zu artikulieren, bleibt nur der Weg über die Emotionen, die noch lange erhalten bleiben. Auf emotionaler Ebene kommt man noch lange an die Persönlichkeit heran. Berührungen, Umarmungen und Hand-Halten sind beispielsweise intensive Kontaktaufnahmen, die keiner Logik bedürfen und die dem Patienten zeigen: Ich lasse Dich nicht allein. Zuwendung und Wertschätzung verbessern die Lebensqualität des Patienten.

Buchtipp: Gesund, aktiv und fit

Mehr medizinische Tipps von Allgemeinarzt Dr. Klaus Tiedemann und die dazu passenden Übungen von Physiotherapeutin Andy Sixtus finden Sie in dem BR-Buch "Gesund, aktiv, fit", erhältlich im BR-Shop und im gut sortierten Buchhandel.

Bleiben Sie gesund! Wünschen Dr. Klaus Tiedemann und "Wir in Bayern"!


14