BR Fernsehen - Kontrovers


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Prozessauftakt in Spanien Ex-Münchner Prediger Hesham Shashaa unter Terrorverdacht

Als er in München lebte, gab er den moderaten Prediger. In Medien berichtete Hesham Shashaa, er deradikalisiere Islamisten. Doch seit 2017 sitzt er in Spanien in Untersuchungshaft. Nun muss er sich vor Gericht verantworten.

Von: Joseph Röhmel, Sabina Wolf

Stand: 18.10.2020

Der ehemalige Münchner Prediger Hesham Shashaa alias Abu Adam wurde im April 2017 auf seinem spanischen Anwesen in der Provinz Alicante festgenommen, wo er mit seiner großen Familie zeitweise lebte. | Bild: Bayerischer Rundfunk

Der ehemalige Münchner Prediger Hesham Shashaa alias Abu Adam muss sich ab Montag (19.10.) wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert neun Jahre Haft.

Der Prozess soll bis zum 30.10.2020 andauern.

Der ehemalige Münchner Prediger Hesham Shashaa alias Abu Adam

Hesham Shashaa, der von 2003 bis 2012 in München wirkte, soll eine Organisation mit Sitz in Alicante gegründet haben. Von dieser aus habe er radikal-islamische Ideologien verbreitet. Zudem habe die Organisation weiteren Zwecken gedient: als Rückzugs- und Transitort sowie als Anlaufstelle für die logistische Versorgung von Rückkehrern der Terrormiliz IS aus Syrien oder dem Irak.

Bei der Durchsuchung seines stattlichen Anwesens in Spanien, auf dem er mit seiner großen Familie lebte, stellten die Ermittler zahlreiche Fotos sicher, die Shashaa als schwerbewaffneten Kämpfern zeigen sollen.

Auf diverse Anfragen an den Beschuldigten erhielt der BR keine Antwort.

Extremisitisches Propagandamaterial entdeckt

Darul Quran Moschee | Bild: Kein Name zum Artikel Vorzeige-Imam verhaftet Finanzierte Abu A. den IS?

Er gilt als Mann des Friedens und als entschiedener Gegner der Terrormiliz IS. Ausgerechnet der auch in München bekannte Imam Abu A. wurde als mutmaßlicher IS-Unterstützer in Spanien verhaftet. Nach BR-Informationen werfen ihm die dortigen Behörden vor, über reichlich Geld und ein internationales Netz an Helfern zu verfügen. Von Ernst Weber und Joseph Röhmel [mehr]

Bei der Durchsuchung im April 2017 wurden auf dem Anwesen Shashaas dschihadistische Schriften sichergestellt, etwa Dokumente von Al Kaida, die radikalisieren sollen, Informationen zur Verwendung von Bomben, wie man Terrorzellen aufbaut oder Anleitungen im Zusammenhang mit dem Anschlag vom 11. März 2002 in Madrid. 

Wie belastend dieses Material wirklich ist, dürfte sich im Laufe des Prozesses herausstellen. In Spanien sei ein direkter Bezug zwischen Besitz von Terror-Propagandamaterial und einem Anschlag nicht nötig, erläutert Professor Jordi Nieva-Fenoll von der Universität Barcelona. Dennoch: Eine Verurteilung sei nur möglich, wenn bei einer verdächtigen Person Unterlagen gefunden würden, die von Terrororganisationen wie Al-Kaida stammten oder anderweitig extremistischen Inhalt hätten. Und Nieva-Fenoll schränkt ein, dass einem Verdächtigen nachgewiesen werden muss, dass er wirklich eine Terrororganisation unterstützen wollte - und das sei gar nicht so einfach.

Unklare Lage - Vom IS bedroht oder Sympathisant und Helfer

Mutmaßliche Bezüge Shashaas zum IS und anderen islamistischen Terrororganisationen stehen schon seit seiner Verhaftung im Jahr 2017 im Raum. Doch Freunde und Wegbegleiter bezweifelten immer wieder, dass es sich bei dem Verdächtigen wirklich um einen Terrorunterstützer handele. Der sogenannte Islamische Staat hatte den Prediger sogar bedroht. In seinem Magazin "Rumiyah" hatte die Terrormiliz 2017 zur Tötung Shashaas aufgerufen.

Doch das Bild bleibt weiter unklar: Ermittlungsergebnisse, die dem BR vorliegen, offenbaren neue Details, etwa Auszüge aus abgehörten Telefonaten oder mutmaßliche Bezüge Shashaas in jene Kreise, die versuchen über Missionierung die salafistische Ideologie weltweit zu etablieren. In einem Mitschnitt eines abgehörten Telefonats vom  23.07.2016 um 12.00'57 mit einer Person in den Vereinigten Arabischen Emiraten heißt es: Shashaa habe betont, dass er die Ausbreitung seiner Ideologie fortführen werde. Man müsse sich um gute Anwälte zur Verteidigung kümmern, wegen der Delikte, die auftauchen könnten. Shashaa wörtlich: "Jetzt sind wir nicht in einer Angriffssituation, sondern leider in einer Verteidigung."

Die spanischen Behörden zeichnen das Bild eines Mannes, der die Öffentlichkeit nutzte, um ein falsches Spiel zu treiben - schon während seiner Zeit in München. Damals wirkte der heute 49-Jährige als Imam der Darul-Quran Moschee, die 2015 laut bayerischem Verfassungsschutz aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schließen musste. Nach seiner Zeit in München zog Shashaa zuerst nach Leipzig, dann nach Spanien. 

In Deutschland präsentierte sich Shashaa in Videos, in den Medien und bei öffentlichen Veranstaltungen als moderater Prediger. Immer wieder war er auch in Bildungseinrichtungen ein gefragter Gast.

Hesham Shashaa alias Abu Adam gibt sich als Mann des Friedens.

2014 etwa hatte er einen Auftritt bei einer Podiumsdiskussion in Bonn bei einer Fachtagung der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema Salafismus. Im Nachbericht wurde er in einem Magazin der Bundeszentrale mit den Worten zitiert, er sehe sich als Muslim dazu berufen, "gutes Benehmen" an den Tag zu legen und für ein friedvolles, multikulturelles Miteinander einzutreten. 

Falsches Spiel mit den Medien?

Jedoch könnten Informationen aus abgehörten Telefonaten auf eine perfide Strategie des Predigers hindeuten. Laut Transkript eines im Juli 2016 abgehörten Gesprächs soll er gesagt haben, es sei "weise", sich "…bei Personen, die Macht hätten und auch bei den Medien falsch einzuschmeicheln…".  

Fakt ist: Shashaa ist seit Jahren auch Sicherheitsbehörden in Deutschland bekannt. Während seiner Zeit in München hatte ihn schnell der bayerische Verfassungsschutz im Visier. Beweise für terroristische Aktivitäten fanden die Behörde nicht.

Allerdings: Für den bayerischen Verfassungsschutz ist Shashaa ein Salafist, der in seinen Predigten eine "erkennbare Bevormundung und Herabstufung der Frau" erkennen lässt sowie die Muslime dazu auffordert, sich von den Ungläubigen zu distanzieren. 

Rechenschaftsbericht an Ministerium in Kuwait

Kritisch sieht der bayerische Verfassungsschutz, dass Shashaa zweitweise öffentlich als jemand auftrat, der Salafisten deradikalisiere.

Die kuwaitische Botschaft bestätigt zudem, dass Shashaa seit Dezember 2013 als Abgesandter des "Ministeriums für religiöse Stiftungen und islamische Angelegenheiten" tätig war.

Seine Arbeit habe sich auf das Unterrichten der "arabischen Sprache und die Verbreitung moderater gemäßigter Gedanken unter der Schirmherrschaft der offiziellen Behörden in Deutschland" beschränkt.   

Staatliche geförderte Missionierung aus Kuwait?

Wegen Unterstützung von Missionierungs-Projekten haben deutsche Sicherheitsbehörden dieses "Ministerium für religiöse Stiftungen und islamische Angelegenheiten" in Kuwait im Blick. Es verstehe in seiner Selbstdarstellung die Missionierung im In- und Ausland als "staatlichen Auftrag", heißt es vom Bundesamt für Verfassungsschutz. 

Eine Verbindung zu diesem kuwaitischen Ministerium sehen auch die spanischen Ermittler im Fall Shashaa. Sie berichten von einer Art digitalen Dokumentation von Shashaas Aktivitäten in Europa, offenbar gerichtet an das "Ministerium für religiöse Stiftungen und islamische Angelegenheiten". In einer undatierten Auflistung, die dem BR vorliegt, heißt es unter anderem: Konferenzen in Spanien, zwei Konferenzen in München, vier in Berlin, Interviews für Zeitungen und Fernsehsender, Blutspendeaktionen, zehn Konvertiten, sechs Reisen für die "DAWAA" und Besprechungen mit Nicht-Muslimen.

Dawaa oder Dawa meint laut dem von der bayerischen Staatsregierung unterstützen Internetprotal "Antworten auf Salafismus" Missionierung: "In einem salafistischen Kontext ist Dawa als "Vereinnahmung" oder "Propaganda" für das eigene Weltbild zu verstehen."

Die kuwaitische Botschaft bestreit, dass das Ministerium in salafistische Missionierung verwickelt sein könnte.

Hesham Shashaa der Missionar

Hesham Shashaa selbst ist vor allem während seiner Zeit in München als Missionar aufgefallen. Videos im Internet zeigen Frauen und Männer, die unter Shashaas Anwesenheit zum Islam konvertieren. Unter einem Video aus dem Jahr 2011 steht auf Arabisch, dass die Konversion allein den missionarischen Büchern zu verdanken sei, die von der Münchner Darul-Quran Moschee verteilt würden.

In Videos, in Interviews und in sozialen Netzwerken hatte sich Shashaa immer wieder von jeglichem extremistischem Denken distanziert. In einem 2017 an die Öffentlichkeit geleakten Verhör gibt der Prediger an, für die Stiftung "Al Maktoum Foundation" gearbeitet zu haben, um Terrorismus zu bekämpfen. Dafür habe ihn die Stiftung mit Sitz in Dubai unter Vertrag genommen und monatlich bezahlt. Auch habe sie sein großes Anwesen in Spanien für eine Million Euro gekauft sowie die Schulkosten seiner Kinder übernommen, die sich jährlich auf bis zu 180.000 Euro beliefen.

Wie die "Al Maktoum Foundation" selbst zu der Darstellung Shashaas steht und ob es überhaupt eine Zusammenarbeit gegeben hat, darauf erhält der BR auf Anfrage keine Antwort.

Spanische Behörden: Shashaa aus Rumänien ausgewiesen

Den spanischen Ermittlungen zufolge war der Prediger von 1996 bis 2000 in Rumänien. Bisher ist vollkommen fraglich, was er dort gemacht hat. Die rumänischen Behörden, so formulieren es die spanischen Ermittler, hätten Shashaa beschuldigt, Teil einer arabisch-afghanischen Gruppierung zu sein, die versucht habe, junge Menschen zu "fangen" und für terroristische Operationen nach Afghanistan zu schicken. Im Jahr 2000 sei Shashaa aus Rumänien ausgewiesen worden.

Eine Anfrage des Bayerischen Rundfunks wollte das rumänische Innenministerium mit Verweis auf den Datenschutz nicht beantworten. 

Deutsche Behörden bestätigen dem BR, dass Shashaa nach seinem Aufenthalt in Rumänien nach Deutschland kam. Doch sie sagen nicht, ob sie die Akten der rumänischen Behörden zum damaligen Zeitpunkt kannten und wenn ja, warum er einreisen durfte. Der Verfassungsschutz Sachsen stützt sich auf BR-Anfrage auf Shashaas Angaben im Asylverfahren. Demnach habe er selbst berichtet, dass er von den Sicherheitsbehörden in Rumänien wegen angeblicher terroristischer Aktivitäten massiv verfolgt wurde.


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