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Süßstoffe, Zucker Helfen Süßstoffe beim Abnehmen?

Süßstoffe haben keine Kalorien und werden oft als Zuckerersatz verwendet - vor allem von Menschen, die abnehmen möchten. Doch sorgen Süßstoffe wirklich dafür, dass die Kilos purzeln? Oder bewirken sie genau das Gegenteil und fördern sogar Heißhunger? Und was ist dran an anderen Gerüchten wie: Süßstoffe würden das Krebsrisiko erhöhen? Gesundheit! macht den Check.

Von: Monika Hippold

Stand: 12.05.2019

Süßstoff ist beliebt: 2017 haben die Deutschen laut Euromonitor rund 3.000 Kilogramm Süßstoff konsumiert. Kalorienarm und trotzdem süß – das versprechen sich viele von dem Zuckerersatz. Aber: Wie gesund ist Süßstoff wirklich? Gesundheit! macht den Süßstoff-Check.

Süßer als Zucker

In der EU sind elf verschiedene Süßstoffe zugelassen.

In der EU sind elf verschiedene Süßstoffe zugelassen. Sie haben je eine unterschiedliche Süßkraft und sind hundert- bis tausendfach süßer als Zucker. Wer 70 Kilogramm wiegt, sollte so zum Beispiel vom Süßstoff Aspartam pro Tag maximal 2,8 Gramm einnehmen.

Doch was passiert bei der Einnahme von Süßstoffen im Körper genau? Das weiß Dr. Maik Behrens. Er forscht am Leibniz-Institut in Freising.

"Süßstoffe aktivieren auf unserer Zunge den Süßrezeptor, so wie das auch natürliche Zucker tun. Wenn wir die Süßstoffe runterschlucken, tun sie eine Sache aber nicht, die normale Zucker tun würden: Sie werden nicht verstoffwechselt und damit tragen sie nicht zu unserer Kalorienaufnahme bei und sind kalorienneutral."

Dr. Maik Behrens, Molekularbiologe, Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie, TU München

Warnung vor Phenylalanin

Doch auch da gibt es Ausnahmen: So bildet der Süßstoff Aspartam im Körper zum Beispiel Phenylalanin. Diese Aminosäure ist für Menschen mit der Stoffwechselstörung Phenylketonurie problematisch, sie vertragen Phenylalanin nicht. Deswegen steht auf Getränken eine Warnung, wenn sie eine Phenylalaninquelle enthalten.

Wie schmeckt Süßstoff?

Doch schmecken Süßstoffe auch anders als Zucker? Dr. Maik Behrens erklärt: Dadurch dass wir auf unserer Zunge nur einen Süßrezeptor haben, schmecken alle Süßungsmittel für uns gleich. Unterscheiden können wir Süßstoff von Zucker nur, wenn gleichzeitig Nebengeschmäcker auftreten.

Probierbecher für den Geschmackstest im Sensoriklabor.

"Süßstoffhaltige Getränke sind in aller Regel bitterer oder haben andere sogenannte Off Tastes, also Nebengeschmäcker. Das kann ins metallische gehen oder häufig wird beschrieben, dass es ein plastikähnlicher Geschmack ist. In der Regel sind zuckerhaltige Getränke auch etwas klebrig und nicht ganz so dünnflüssig wie andere Getränke. Zucker und Süßstoff können Tester im Sensoriklabor deswegen meist sehr einfach voneinander unterscheiden. Nur in komplexen Lebensmitteln, wie zum Beispiel Kaffee, ist es schwieriger. Denn Kaffee ist an sich ja schon ein bitteres Getränk. Da eine bittere Note von einem Süßstoff rauszuschmecken, das geht eigentlich nicht."

Dr. Maik Behrens, Molekularbiologe, Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie, TU München

Wer zu viel Süßstoff nimmt, bemerkt oft einen bitteren Geschmack im Mund. Deswegen ist die richtige Dosierung wichtig.

Helfen Süßstoffe beim Abnehmen?

Abnehmen durch Süßstoff - ob das klappt, weiß Prof. Jörg Meerpohl. Er hat mit seinem Team am Universitätsklinikum Freiburg knapp 60 Studien zu Süßstoffen analysiert. Die WHO erarbeitet auf Basis dieser Metaanalyse momentan eine allgemeine Empfehlung für die Einnahme von Süßstoff. 

"In den Studien haben übergewichtige Probanden etwa zwei Kilo abgenommen. Aber wie nachhaltig diese Gewichtsabnahme ist, ob der Effekt über mehrere Jahre zu erhalten ist oder ob eine Anpassung des Essverhaltens passiert, nach dem Motto: Ich habe jetzt schon meine Diet-Limo getrunken, also kann ich jetzt auch noch einen Keks mehr essen, das ist unklar."

Prof. Dr. med. Jörg Meerpohl, Leiter Institut für Evidenz in der Medizin, Universitätsklinikum Freiburg

Regen Süßstoffe den Appetit an?

Oft heißt es sogar, Süßstoffe würden den Appetit zusätzlich anregen. Als Erklärung wird aufgeführt, dass Süßstoffe denselben Geschmacksrezeptor auf der Zunge aktivieren wie Zucker. Es kommt jedoch keine Energie im Gehirn an. Deswegen verlange das Gehirn nach mehr Süßem. Aber stimmt das?

"Ob das Appetitverhalten beeinflusst wird durch Süßstoffe, dazu haben wir in den Studien keine eindeutigen Hinweise gefunden."

Prof. Dr. med. Jörg Meerpohl, Leiter Institut für Evidenz in der Medizin, Universitätsklinikum Freiburg

Für wen eignen sich Süßstoffe?

Süßstoffe sind in vielen Light-Produkten enthalten, wie zum Beispiel in Diät-Softdrinks. Aber: Wer sollte diese Getränke zu sich nehmen?  Für wen eignen sich Diät-Limos? Fragen für Diabetologe Prof. Jochen Seufert. Er berät und behandelt täglich Patienten am Universitätsklinikum Freiburg.

"Wir empfehlen Süßstoff bei Menschen mit Zuckerkrankheit und Diabetes Mellitus. Und da insbesondere bei Patienten, die mit Insulin behandelt werden. Weil es Hinweise gibt, dass Süßstoffe insbesondere den Blutzuckeranstieg nach dem Essen etwas abmildern können. Typ 1 Diabetiker werden prinzipiell mit Insulin behandelt. Von daher ist es so, dass für diese Patienten die Blutzuckeranstiege nach dem Essen besonders wichtig sind. Deswegen würden wir sagen, dass Süßstoffe sinnvoll eingebaut werden können, bei Menschen mit Diabetes, egal ob Typ 1 oder 2, wenn sie mit Insulin behandelt werden."

Prof. Jochen Seufert, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinikum Freiburg

Wirken Süßstoffe auf den Insulinspiegel?

Und doch heißt es manchmal, Süßstoffe seien auch für Diabetiker nicht geeignet. Sie würden den Insulinspiegel anheben. Was ist da dran?

"Es gibt wenige Studien, wo gezeigt worden ist, dass der Insulinspiegel morgens, wenn jemand mit Süßstoffen behandelt wurde, minimal erhöht ist. Das hat allerdings keinen Effekt auf den Glucosestoffwechsel gezeigt. Diese Auswirkungen sind so gering, dass man auch keine Angst haben muss davor, dass wenn man Süßstoffe nehmen möchte, dadurch der Insulinspiegel so ansteigt, dass es eine krankhafte Konsequenz hat."

Prof. Jochen Seufert, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinikum Freiburg

Bringen Süßstoffe den Stoffwechsel durcheinander?

Süßstoffe geraten immer wieder in die Kritik: Sie sollen auf die Darmflora wirken und den Stoffwechsel durcheinanderbringen. Was ist dran? Sind Süßstoffe schädlich für den Körper?

"Prinzipiell muss man wissen, dass alle Nahrungsmittel, die wir aufnehmen, über kurz oder lang die Darmflora verändern. Die negativste Beeinflussung der Darmflora wäre Durchfall generieren. Das tun Süßstoffe in der Regel in den Mengen die man aufnimmt, nicht."

Prof. Jochen Seufert, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinikum Freiburg

Erhöhen Süßstoffe das Krebsrisiko?

Oft heißt es auch, Süßstoffe würden das Krebsrisiko erhöhen. Doch die Studien bestätigen das bisher nicht, so Prof. Meerpohl:

"Wir haben keinen Zusammenhang zwischen Süßstoffen und Krebserkrankungen gefunden. Es gibt aber viele andere Kritikpunkte an Süßstoffen hinsichtlich Diabeteserkrankungen, kardiovaskulären Erkrankungen, des Ernährungs- und Appetitverhaltens. Wir können keinen der Kritikpunkte verifizieren. Wir können aber auch nicht ausschließen, dass - wenn mehr Erkenntnisse vorliegen in der Zukunft - möglicherweise an dem ein oder anderen Kritikpunkt etwas dran sein wird."

Prof. Dr. med. Jörg Meerpohl, Leiter Institut für Evidenz in der Medizin, Universitätsklinikum Freiburg

Das Ergebnis des Süßstoff-Checks: Wer es süß mag und kein Diabetiker ist, sollte doch besser zu Zucker statt Süßstoff greifen. Und um abzunehmen, Süßes einfach öfter ganz weglassen.


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