Religion


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Jüdisches Leben in Bayern Fürth - das "fränkische Jerusalem"

Die jüdische Gemeinde in Fürth galt einst auch als das "fränkische Jerusalem" und war im 18. Jahrhundert eine der spirituellen Hauptstädte des europäischen Judentums. Ein wichtiger Grund dafür war die 1657 dort eingerichtete Jeschiwa: eine der bedeutendsten Hochschulen zum Studium des Talmud in Europa neben den wichtigen Lehrstätten in Frankfurt und Prag.

Stand: 03.02.2016 | Archiv

Historische Synagoge von Fürth | Bild: Stadtarchiv Fürth

Die jüdische Gemeinde in Fürth galt einst auch als das "fränkische Jerusalem" und war im 18. Jahrhundert eine der spirituellen Hauptstädte des europäischen Judentums. Ein wichtiger Grund dafür war die 1657 dort eingerichtete Jeschiwa: eine der bedeutendsten Hochschulen zum Studium des Talmud in Europa neben den wichtigen Lehrstätten in Frankfurt und Prag.

1528: Ansiedlungsrecht für Juden

Als Markgraf Georg der Fromme im Jahre 1528 die Juden Perman und Uriel in Fürth aufnahm, sorgte das für heftige Aufregung im judenfeindlichen Nürnberg. Dem Markgrafen kam es gerade recht: Es war für ihn eine willkommene Gelegenheit, seine Nürnberger Nachbarn, mit denen es damals heftigen Streit gab, zu provozieren.

In erster Linie ging es aber um Geld: Die Juden mussten vergleichsweise hohe Abgaben leisten, um sich in der Stadt niederzulassen. Auch Bamberg und Nürnberg versuchten, die Einnahmequelle aus dem Judenschutz zu nutzen, doch letztlich blieb damals nur Fürth von der Judenfeindlichkeit im Lande verschont. Dort wurde das Recht der Judenaufnahme 1573 durch ein kaiserliches Privileg bestätigt.

Juden beförderten das Ansehen der Stadt

Dieses Privileg, die Toleranz der Schutzherren und der Aufschwung der jüdischen Gelehrsamkeit zogen schließlich immer mehr Juden nach Fürth - vorausgesetzt sie konnten sich die hohen Abgaben leisten. Das "Reglement für die gemeine Judenschaft in Fürth" von 1719 fasste die Rechte der Juden in einheitlicher Form zusammen.

Danach durften sie uneingeschränkt nach ihren Traditionen leben, Synagogen und Schulen einrichten, ein eigenes Rabbinatsgericht berufen und die Aufnahme fremder Juden in die Gemeinde eigenständig entscheiden.

Nur wer ein ansehnliches Vermögen mitbringen und anstandlose Leumundszeugnisse vorweisen konnte, wurde von der Gemeinde akzeptiert. Das hohe Niveau des Gemeindelebens sollte bewahrt werden. Als 1670 die Wiener Juden von Kaiser Leopold I. aus der Stadt vertrieben wurden, zogen einige reiche und angesehene Familien aus Österreich nach Fürth. Das Prestige von Fürth erhöhte sich beträchtlich.

Autonome Gemeinde

Fürth entwickelte sich bis zum 18. Jahrhundert zu einer selbstbewussten und weit gehend autonomen Gemeinde mit differenzierter Verwaltung, eigener Gesetzgebung und Rechtssprechung. Es existieren vorbildliche soziale Einrichtungen, die Hilfsbedürftige und Kranke versorgen konnten, so das erste Waisenhaus in Bayern. Im Zuge komplizierter Herrschaftsverhältnisse wurden die Juden zwar immer wieder zum Spielball von Machtkämpfen, doch angesichts ihrer zahlenmäßigen, wirtschaftlichen und geistigen Stärke konnte ihnen das nichts mehr anhaben - im Gegenteil, die jüdische Gemeinde stand in Fürth sogar gleichberechtigt neben der christlichen Gemeinde der Stadt.

Jeschiwa - Höhepunkt jüdischer Kultur

Den Höhepunkt der jüdischen Kultur in Fürth kennzeichnete die Talmund-Hochschule, die in Glanzzeiten bis zu 400 Studenten unterrichtete. Dort wurden Rabbiner und andere jüdische Gelehrte nach osteuropäischer Tradition ausgebildet. Fortschritt und Assimiliation lehnten die Fürther Oberrabbiner strikt ab. Im Zuge der Reformbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten die Verfechter des strengen Traditionalismus jedoch zunehmend unter Druck. 1827 kam es schließlich zur Auflösung der Talmund-Hochschule. Mit der Amtszeit des Reformrabbiners Dr. Isaak Löwi von 1831 bis 1873 vollzog sich endgültig der Wandel der Gemeinde hin zu Reform und Liberalismus.

Neubeginn nach Vernichtungsfeldzug

Abriss der Synagoge 1938

Im 19. Jahrhundert bestimmten die jüdischen Bürger maßgeblich das wirtschaftliche Leben in der Stadt. Sie gründeten Industriebetriebe, Handelsgeschäfte und Stiftungen. 1935 waren viele Fürther Großhandelsbetriebe in jüdischem Besitz - bis sie Beute der "Arisierung" durch die Nazis wurden.

Nach Kriegsende war von der fast 400-jährigen Erfolgsgeschichte der Gemeinde so gut wie nichts übrig geblieben: Lebten 1933 noch knapp 2.000 Juden in Fürth, so haben nur 20 die NS-Herrschaft überlebt.

Denkmal für die Synagoge

Dass nach diesem Vernichtungsfeldzug der Nazis eine Gemeinde mit religiösem Leben wieder entstehen konnte, war in erster Linie Jean Mandel und dem Rabbiner David Spiro zu verdanken. Beide kamen im Sommer 1945 nach Fürth.

Zentrum der Orthodoxie

Mit Jean Mandel - einem Sohn polnischer Einwanderer - stand ein ostjüdischer Vertreter an der Spitze einer deutschen Kultusgemeinde. Seinem Einfluss war es zu verdanken, dass die Konflikte zwischen deutschen Juden und Osteuropäern nie in dem Maße eskalierten wie andererorts.

Weltweit geachtet: Rabbiner David Spiro (Aufnahme von 1967)

Für eine Ausnahmestellung der Gemeinde steht auch Rabbiner David Spiro: Die weltweit geachtete halachische Autorität war der einzige akademisch gebildete Rabbiner im Nachkriegsdeutschland. Mit seinem Wirken wurde Fürth in Anknüpfung an die Tradition der Talmud-Hochschule zu einem neuen Zentrum der Orthodoxie in Deutschland.

Zuwanderer als neue Hoffnungsträger

Der Tod der beiden richtungsweisenden jüdischen Persönlichkeiten in Fürth bedeutete einen Bruch in der Geschichte der Gemeinde. In den 1970er-Jahren verließen immer mehr jüdische Menschen die Stadt. Mit Mandel und Spiro hatten sie ihre wichtigsten Bezugsspunkte verloren und sahen keine Perspektive merh für eine jüdische Lebensführung. Zu Beginn der 90er-Jahre stand die Gemeinde schon fast vor der Auflösung. Heute sind die Einwanderer aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion die Hoffnungsträger.

Fürth beherbergt ein bedeutendes Museum zu jüdischem Leben in Bayern. Die anschaulich dargestellte Geschichte der Juden ist ergänzt durch viele Exponate aus dem religiösen und dem Alltagsleben. Mit einer historischen Laubhütte und einem Ritualbad (Mikwe) beherbergt das Museum Original-Relikte aus dem 19. Jahrhundert.

Das nicht weit von Nürnberg gelegene Schnaittach unterhält eine Dependance des Fürther Museums. Mit der Synagoge aus dem 16. Jahrhundert, einer Mikwa und einem Rabbinerhaus stellt es ein in Deutschland einmaliges Ensemble dar. Schnaittach bringt dem Besucher das Leben einer jüdischen Landgemeinde nahe.


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