Religion


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Religiöse Richtungen Orthodox? Liberal?

Die alte Streitfrage nach der Auslegung der religiösen Tradition wurde seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts auch in Bayern wieder diskutiert: orthodox oder liberal? Strenge Tradition oder moderne Entwicklung? Diese uralten Gegensätze polarisierten das Judentum nun wieder verstärkt.

Stand: 19.01.2016 | Archiv

Neue orthodoxe Hauptsynagoge am Münchner St.-Jakobs-Platz

Die alte Streitfrage nach der Auslegung der religiösen Tradition wurde seit den 90er-Jahren auch in Bayern wieder diskutiert: orthodox oder liberal? Strenge Tradition oder moderne Entwicklung? Diese uralten Gegensätze polarisierten das Judentum nun wieder verstärkt.

Zum Beispiel München: Neben der an der Tradition orientierten Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), die das jüdische Leben in München dominiert, gibt es in der Landeshauptstadt seit 1995 auch die liberale jüdische Gemeinschaft Beth Shalom. Der öffentliche Diskurs hat heute allerdings eine andere Dimension: Es geht weniger darum, welche jüdische Auffassung die einzig richtige ist, sondern viel mehr um ein gleichberechtigtes Nebeneinander unterschiedlicher Ansichten.

Keine Einheit in der Einheitsgemeinde

Die Münchner IKG versteht sich zwar als Einheitsgemeinde, die Vertretern aller jüdischen Glaubensrichtungen offen steht, dennoch verhielt sich die IKG ablehnend gegenüber einer Aufnahme der Liberalen.

In der Synagoge der Liberalen: Beth Shalom-Haus in München

Umgekehrt können sich die liberal denkenden Juden mit dem orthodoxen Rahmen der Münchner Kultusgemeinde auch nicht in allen Belangen identifizieren. Lange Zeit kämpften die Liberalen darum, eigene Räumlichkeiten zu erhalten, um Gottesdienste und andere religiöse Veranstaltungen ihrer Tradition gemäß abhalten zu können.

Begehrlichkeiten um Fördergelder

Link-Tipps

Informationen über Aufgaben und Ziele der beiden großen jüdischen Verbände in Deutschland bieten deren Web-Sites.

Die Debatte ist nicht lokal begrenzt, sie hat bundesweiten Hintergrund: Der "Zentralrat der Juden in Deutschland" als Dachorganisation der jüdischen Gemeinden und die "Union der progressiven Juden in Deutschland" verhandeln seit den 1990er-Jahren die Integration der Unionsgemeinden in den Zentralrat. Die liberalen Juden fordern den Zentralrat auf, sich zur Einheit in Pluralität hin zu öffnen, will er weiterhin alle Juden in Deutschland politisch vertreten.

Die Münchner Gemeinden:

Ausführliche Informationen dazu im Kapitel über die Gemeinden:

Doch es geht nicht nur um Toleranz, sondern auch um die gleichberechtigte Verteilung der staatlichen Fördermittel. Laut Staatsvertrag sollen alle jüdischen Gemeinden etwas aus dem Topf der drei Millionen Euro bekommen, die jährlich an den Zentralrat gehen. Bisher profitieren liberale Gemeinschaften wie Beth Shalom nicht davon. Sie müssen sich ohne staatliche Hilfe finanzieren.

Kleiner Ausflug in die Geschichte

Die unterschiedlichen Auffassungen über die Ausübung religiöser Traditionen sind historisch bedingt. Durch die Konfrontation der Moderne mit dem traditionellen Judentum im 19. Jahrhundert haben sich mehrere Richtungen herausgebildet, die jüdisches Leben zum Teil bis heute prägen.


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