Religion


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Lebensläufe Lion Feuchtwanger - Chronist des Antisemitismus

Am 30. Januar 1933, dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, befand sich Lion Feuchtwanger in der US-Hauptstadt Washington als Ehrengast beim des deutschen Botschafters Friedrich Wilhelm von Prittwitz und Gaffron. Tags darauf warnte der Diplomat den Schriftsteller telefonisch davor, nach Deutschland zurückzureisen.

Stand: 08.09.2011 | Archiv

Lion Feuchtwanger (undatierte Aufnahme) | Bild: picture-alliance/dpa

Feuchtwanger befolgte den Rat. Prittwitz schied kurze Zeit später aus Protest gegen die Nazis freiwillig aus dem Dienst, als einziger deutscher Spitzendiplomat.

Ein beliebter Schriftsteller

Der am 7. Juli 1884 in München geborene Feuchtwanger war zu dieser Zeit der wohl im Ausland meistgelesene deutsche Schriftsteller. Seine Romane "Die hässliche Herzogin" und "Jud Süß" hatten insbesondere in englischsprachigen Ländern ein Millionenpublikum erreicht. Die Werke des kurz vor dem Ersten Weltkrieg in seiner Heimatstadt promovierten Literaturwissenschaftlers boten und bieten einen historisch-humanistischen Blick auf bestimmte markante Epochen der europäischen Geschichte an. Auf diese Weise haben sie automatisch den teils aus Machterwägungen, teils aus offener Überzeugung geborenen Antisemitismus zum Gegenstand, der sich durch die Geschichte des letzten Jahrtausends dieses Kontinents und vor allem Deutschlands wie ein roter Faden zog.

Distanzierter und sachlicher Erzählstil

Feuchtwangers Blick auf dieses historische Dauerphänomen scheint dabei ebenso distanziert wie sein sachlicher Erzählstil. Der literarische Chronist des spätantiken Judentums (in der Josephus-Trilogie), des Antisemitismus' in Mittelalter und Aufklärung ("Die hässliche Herzogin" und "Jud Süß") sowie des Hitler-Faschismus, dem er als Erster mit den den Mitteln des Romans begegnete (Wartesaal-Trilogie: "Erfolg", "Die Geschwister Oppermann" und "Exil") hatte damit vor allem eine Leserschaft aus der Unterschicht im Auge. In "Erfolg" wird dabei eindringlich die besondere Bedeutung der politischen Konstellationen im Bayern der 20er-Jahre für die Entwicklung des Nationalsozialismus nachgezeichnet.

Symbolische Szene vor Gefängnismauern

Feuchtwangers oberflächliche Distanz zu den historischen Gegenständen seiner Erzählungen scheint umso bemerkenswerter, wenn man einen Blick auf die dramatischen Umstände wirft, unter denen er sein Leben als Jude im Allgemeinen und als politisch bewusster Schriftsteller im Besonderen führen musste.

Carl von Ossietzky als Häftling im KZ Sachsenhausen

Wenige Monate vor der Machtübergabe an die Nazis hatte sich aus heutiger Sicht eine Szene mit gespentischer Symbolkraft vor dem Gefängnis Berlin-Tegel abgespielt: Viele Künstler und Schriftsteller hatten am 10. Mai 1932 Carl von Ossietzky bis zum Tor des Zuchthauses begleitet, darunter auch Lion Feuchtwanger.

Ossietzky hatte als Herausgeber der radikaldemokratischen und pazifistischen Zeitschrift "Weltbühne" eine 18-monatige Haftstrafe wegen Landesverrats anzutreten. Der Publizist wurde zwar zu Weihnachten 1932 amnestiert, schlug aber seinerseits nach der Machtübergabe an die Nazis den inständigen Rat vieler Freunde, Deutschland zu verlassen, in den Wind. Unmittelbar nach dem Reichtagsbrand wurde er verhaftet. Er starb 1938 an den Folgen der KZ-Haft. 1936 war ihm demonstrativ der Friedensnobelpreis zuerkannt worden. Diejenigen, die mit von Ossietzky am Gefängnistor waren, darunter Heinrich Mann, Ernst Toller, Erich Kästner, Hermann Kesten und Arnold Zweig, traf Feuchtwanger bereits im Sommer 1933 im südfranzöischen Sanary-sur-mer wieder, das der Philosoph Ludwig Marcuse seinerzeit die "Hauptstadt der deutschen Literatur" nannte.

Feuchtwangers "geistiger Zionismus"

Zweig und Feuchtwanger beschlossen in dem Fischerstädtchen, eine Streitschrift unter dem Titel "Die Aufgabe des Judentums" herauszugeben. Zweigs Beitrag bestand in der Abhandlung "Jüdischer Ausdruckswille". Feuchtwanger verfasste den Einführungsbeitrag "Nationalismus und Judentum", in dem er zu dem Ergebnis kam, dass das Judentum aufgrund verschiedener Umstände keine Nation bilden könne. Er begründete dies mit dem Fehlen von vier "Ideologien", in denen er eine Voraussetzung für nationale Zusammengehörigkeit sah: gemeinsames Land und Klima, gemeinsame Geschichte und gemeinsame Sprache.

Während Arnold Zweig bereits im Herbst 1933 nach Palästina weiterreiste, wo die zionistische Bewegung genau diese Nation zu gründen im Begriff stand, akzeptierte Feuchtwanger Zionismus laut dem Zweig-Biografen Manuel Wiznitzer nur als "gemeinsame geistige Haltung". Während sich Feuchtwanger im französischen Exil befand, lief in den Kinos in Nazi-Deutschland der im Goebbels-Auftrag von Veit Harlan gedrehte Film "Jud Süß". Es ist mehr als eine bittere Fußnote der Geschichte, dass der von Harlan in einen antisemitischen Hetzstoff verwandelte Weltroman heute in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit die einzige Assoziation mit dem Namen Feuchtwanger ist.

Die Flucht in die USA

Nach dem Einmarsch Hitler-Deutschlands in Frankreich im Frühling 1940 kam Lion Feuchtwanger in das Internierungslager im südfranzösischen Les Milles. Marta Feuchtwanger arbeitete sich bis zum Visa-Beauftragten des US-Konsulats in Marseille, Hiram Bingham, vor.

Eleanor und Franklin D. Roosevelt

Gemeinsam mit dem couragierten Diplomaten gelang es, Feuchtwanger - als Stiefmutter eines anderen Konsularbeamten verkleidet - aus dem Lager zu schmuggeln. Die weitere Flucht durch das faschistische, aber neutrale Spanien bis nach Lissabon ging auf eine direkte Intervention von US-Präsident Franklin D. Roosevelt und vor allem von dessen Frau Eleanor zurück. Das Präsidenten-Ehepaar war sich antisemitischer und gegen Anti-Nazi-Emigranten gerichteter Stimmungen in Teilen des diplomatischen Korps der USA wohl bewusst. Viele Rettungsaktionen wurden deshalb von verdeckten Agenten organisiert. Am Transfer der Feuchtwangers durch Spanien nach Lissabon waren wiederum Bingham und der unitarische Geistliche Waitstill Sharp beteiligt. Feuchtwanger reiste mit Rotkreuz-Dokumenten, die auf den Namen "Wetcheek" (feuchte Wange) ausgestellt waren.

Im Zug kam es auf der Toilette zu einem in Englisch geführten Gespräch des Autors mit einem deutschen Offizier. Feuchtwanger amüsierte sich später, der Wehrmachtsmann habe mit norddeutschem und er selbst mit bayerischem Akzent gesprochen. An der portugiesischen Grenze, wo alle Reisenden aussteigen mussten, stellte Sharp einen Journalisten, der lauthals fragte, ob es stimme, dass Feuchtwanger im Zug sei, mit den Worten ruhig: "Seien sie still. Jemand könnte sein Leben verlieren". In Lissabon angekommen wurde Feuchtwanger eilig nach New York eingeschifft, da in der Hauptstadt des unter einer rechten Militärdiktatur stehenden Landes die Entführung durch deutsche Agenten drohte.

Das Leben im Exil

Feuchtwanger hatte im Gegensatz zu vielen seiner emigrierten Schriftstellerkollegen auch außerhalb Deutschlands eine große Gemeinde von Leserinnen und Lesern, was ihm materielle Probleme weitgehend ersparte und andererseits ermöglichte, in den USA weniger bekannten deutschen Dichtern dabei zu helfen, ihr Leben zu bestreiten. Neben seinem Bericht "Der Teufel in Frankreich" und dem letzten Wartesaal-Teil "Exil" arbeitet er unter anderem mit seinem Freund aus früheren Münchner Zeiten, Bertolt Brecht, an dem Stück "Die Geschichte der Simone Machard". 1944 erscheint sein Roman "Die Brüder Lautensack".

Verfolgung in der McCarthy-Zeit

"Kommunistenjäger" Joseph McCarthy

Die antikommunistische Hysterie der Präsidentschaft Harry S. Trumans und die eigene Verfolgung durch den Ausschuss des Senators Joseph McCarthy veranlassten Feuchtwanger 1948 zu dem Theaterstück "Wahn oder Der Teufel in Boston", in dem er ähnlich wie Arthur Miller die Hexenverfolgungen im Massachussetts des 18. Jahrhunderts als historische Allegorie für den Antikommunismus nimmt.

Mit dem Roman "Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis" (1951), in dem der Autor nach eigenen Worten den Weg Francisco de Goyas vom "durchschnittlichen Maler zum politischen Künstler" beschreibt, und mit "Die Jüdin von Toledo" (1955) erreichte Feuchtwanger in den USA große Erfolge.

Auszeichnung und Distanzierung durch Münchner Stadtrat

Seine Geburtsstadt zeichnete ihn im Juli 1957 mit dem Literaturpreis der Stadt München aus. Feuchtwanger, der befürchtete, ebenso wie sein Freund Charlie Chaplin nicht mehr in die USA zurückkehren zu dürfen, wenn er sich ins Ausland begab, nahm die Ehrung nicht persönlich entgegen. Wenige Monate später distanzierte sich der Münchner Stadtrat nach erregter Diskussion "trotz Anerkennung der literarischen Leistungen Feuchtwangers" von dem Preisträger, der der Sowjetunion zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution gratuliert hatte. Feuchtwanger starb am 21. Dezember 1958 in Pacific Palisades nahe Los Angeles.


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