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Lebensläufe Henry Kissinger - Advokat der Fluchtburg

Henry Kissinger ist der berühmteste und umstrittenste Außenminister der USA. So unumstritten seine intellektuelle Brillanz ist, so kontrovers ist sein Ruf als Politiker.

Stand: 24.01.2016 | Archiv

 Former US Secretary of State Henry Kissinger looks on during a meeting with Russian President Vladimir Putin 2016 | Bild: picture-alliance/dpa

Es ist der 11. September 1973. Beängstigend niedrig über den Dächern der Millionenstadt sind Flugzeuge unterwegs. Die Maschinen nehmen Kurs auf die Innenstadt. Ihr Ziel ist jedoch nicht ein Crash als Selbstmordanschlag. Sie handeln aus einer Position der Überlegenheit. Die Militärjets sind an diesem Septembertag vom chilenischen Luftwaffenchef Augusto Pinochet in die Hauptstadt Santiago ausgeschickt worden, um den gewählten Präsidenten der Republik, den Sozialisten Salvador Allende, aus der Luft unter Feuer zu nehmen. Dieser befindet sich mit einer Handvoll Getreuen in seinem Amtssitz, der Moneda. Wenige Stunden später wird das klassizistische Gebäude gestürmt. Allende stirbt bei den Gefechten.

Militärputsch in Chile 1973: Beschießung der Moneda (Präsidentenpalast)

Der Militärputsch gelingt und Chile wird bei der Jagd der Militärmachthaber nach Anhängern der gestürzten Regierung der Unidad Popular ("Volkseinheit") mit mittelalterlich anmutender Grausamkeit überzogen. Mehrere tausend Menschen sterben, viele von ihnen unter Foltern im Nationalstadion von Santiago.

Friedensnobelpreis für Vietnam-Rückzugsplan

Auf den Tag genau drei Jahre zuvor war nach Allendes Sieg bei den Präsidentschaftswahlen von 1970 in Chile von Militärs, CIA-Mitarbeitern und nach 1945 aus Deutschland geflohenen Nazis das Bündnis "Patria y Libertad" gegründet worden. Als Ziel der ebenso atemberaubenden wie konspirativen Koalition war genau das postuliert worden, was 1973 auch geschah: Die Beseitigung der Volkseinheit-Regierung - um jeden Preis. Exakt drei Monate und einen Tag nach dem gelungenen Putsch in Santiago nimmt in London der Mann den Friedensnobelpreis entgegen, der Historikern als Drahtzieher des Militärcoups gilt: Henry A. Kissinger, zu diesem Zeitpunkt Außenminister der USA.

Für den am 27. Mai 1923 als Heinz Alfred Kissinger in Fürth geborenen Sohn eines Gymnasiallehrers und 1943 naturalisierten US-Amerikaner bedeutet die Kampagne in Chile (ähnlich wie später seine Rolle bei der Operation Condor zur Verfolgung Oppositioneller in ganz Südamerika), sich genau mit den Kräften zu verbünden, vor denen er mit seiner Familie 1938 aus Deutschland geflohen war. Zum Führungskreis der "Patria y Libertad" gehörten zum Beispiel prominente flüchtige Nazis wie Robert Thieme oder der Gründer der berüchtigten "Colonia Dignidad", Paul Schäfer.

"Henry Kissinger ist der erste US-Außenminister, der vor seiner Ernennung schon in Peking und Moskau war. Außerdem ist er der erste Außenminister seit dem Zweiten Weltkrieg, der keinen Scheitel trägt."

US-Präsident Nixon bei der Ernennung Kissingers zum Außenminister 1973

Henry Kissinger erhält 1973 in Oslo den Friedensnobelpreis.

Mit dem Friedensnobelpreis wird Kissingers Rolle bei dem nach langen Geheimverhandlungen in Paris erzielten Friedensabkommen für Vietnam gewürdigt. Der ebenfalls ausgezeichnete nordvietnamesische Verhandlungspartner Kissingers, Le Duc Tho, verweigert die Annahme des Preises mit der Begründung, es gebe noch keinen Frieden.

Und auch für die Art und Weise, wie dieser Krieg geführt wird, zeichnet federführend Kissinger verantwortlich, der unter anderem die Ausweitung der Kämpfe auf die Nachbarländer Laos und Kambodscha vorantreibt. Allein über Vietnam wird zwischen 1965 und 1968 eine doppelt so große Bombenlast von der US-Luftwaffe abgeworfen wird wie im ganzen Zweiten Weltkrieg von allen Alliierten auf Deutschland. Millionen Menschen sterben, Opfer der Napalm-Angriffe werden vor allem Zivilisten. Der Einsatz des Entlaubungsmittels Agent Orange führt noch Jahrzehnte nach dem Krieg zu einer Vielzahl von Missgeburten. Die USA erfreuen sich bei ihrem Krieg gegen das südasiatische Land der hundertprozentigen Unterstützung ihrer Verbündeten in Europa, Deutschland dabei vielen voran.

Historische Möglichkeit: Verbindung von Theorie und Praxis

Die Männer hinter Richard Nixon: Donald Rumsfeld und Henry Kissinger

Kissinger, der erst am 22. September 1973 mit seiner Ernennung zum Außenminister formal Mitglied der US-Administration wurde, hatte zuvor maßgeblich die Außenpolitik der Supermacht mitbestimmt. Richard Nixon berief ihn nach seiner Wahl zum 37. Präsidenten der USA 1968 zum Berater für Außen- und Sicherheitspolitik.

Für Kissinger bedeutete dies eine in der Politik seltene Chance: Der gelernte Historiker konnte Schlussfolgerungen aus seinen weltweit beachteten Analysen "A World Restored" (1954, als "Das Gleichgewicht der Großmächte" 1986 in deutscher Übersetzung aufgelegt) und "Nuclear Weapons and Foreign Policy" (Nuklearwaffen und Außenpolitik, 1957), praktisch anwenden. Er übernahm eine der mächtigsten Schaltstellen der Weltpolitik zu einem Zeitpunkt, als sich die US-Außenpolitik angesichts der Entwicklungen in Vietnam und im Nahen Osten in einem deprimierenden Zustand befand.

Alle arbeiten Kissinger zu ...

Seine Rolle in der Nixon-Administration beschreibt "Der Spiegel" bereits vor der Ernennung zum Außenminister so: "Alle arbeiten Kissinger zu, aber nur Kissinger arbeitet dem Präsidenten zu." Nixons zweite Präsidentschaft wird bereits vollständig von der Watergate-Affäre überschattet. Da Nixon vor dem Hintergrund der Amtsenthebungskampagne der Demokraten gegen ihn praktisch handlungsunfähig ist, nehmen Kissingers außenpolitische Vollmachten praktisch täglich zu. Nach dem Zusammenbruch der von den USA gestützten südvietnamesischen Regierung nimmt die Kritik an Kissinger in der US-amerikanischen Öffentlichkeit zu. Dem Secretary of State werden Selbstherrlichkeit und Geheimnistuerei vorgeworfen. Der Kongress bringt Kissinger mit der Entscheidung, das militärische Engagement im südlichen Afrika zu stoppen, eine schwere Niederlage bei. Mit der Abwahl von Gerald Ford 1976 endete auch Kissingers Zeit im Außenministerium.

Ein Leben lang mit der US-Außenpolitik verknüpft

Der gebürtige Franke hatte nach seiner Emigration eine Biographie durchlaufen, die ihn in klassischer Weise mit der US-Außenpolitik verknüpfte. Von 1938 bis 1941 besuchte er die renommierte George Washington High School in New York. Nach seinem Militärdienst (1943 bis 1946) bei der Spionage-Abwehr, der ihn wieder zurück nach Deutschland führte, setzte der mit mehreren Stipendien geförderte, hochbegabte Student seine Ausbildung an der Harvard-Universität fort. Anschließend folgte der Aufbau des Internationalen Seminars in Harvard, das er auch noch während seiner Anfangszeit als Sicherheitsberater leitete.

Hinsichtlich seiner europäischen Wurzeln und seiner Rolle als Advokat der Fluchtburg USA, die er 1938 hatte aufsuchen müssen, gab es für Kissinger niemals einen Loyalitätskonflikt. Die Identität seiner politischen Vorstellungen mit strategischen US-Interessen machte ihn auch zu einem kritisch-argwöhnischen Beobachter des nach Einheit und stärkerer Präsenz auf den unterschiedlichen diplomatischen Bühnen des Kalten Krieges strebenden Europa. Gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt sagte er zum Beispiel einmal, wenn er Europa anrufen wolle, wisse er nie, welche Nummer er wählen solle.

Fan der "Kleeblättla"

Die Verbindung mit seiner Heimatstadt Fürth, die er zuletzt 2004 besuchte, hält er jedoch bis heute aufrecht. 1998 wurde ihm dort auch die Ehrenbürgerwürde verliehen. Neben seinem noch immer hörbaren deutschen Akzent ist nur noch eines unamerikanisch an Henry Kissinger: seine Liebe zum Fußball. Der SpVgg Fürth, heute SpVgg Greuther Fürth, hält er seit seiner Kindheit die Treue. Es wird kolportiert, dass sich Kissinger immer aktuell über die Ergebnisse der "Kleeblättla" auf dem Laufenden hält.


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