Kultur - Film und Serie


0

Johannes Heesters Der Grandseigneur der Operette ist tot

An Heiligabend ist Johannes Heesters im Alter von 108 Jahren gestorben. Am Freitag soll der Künstler auf dem Münchner Nordfriedhof beigesetzt werden. Ein Nachruf auf den Grandseigneur der Operette, der bis zuletzt auf der Bühne stand.

Stand: 27.12.2011 | Archiv

Johannes Heesters (Archivfoto 2004) | Bild: picture-alliance/dpa


Nach Angaben des Starnberger Krankenhauses ist "Jopie" Heesters an Heiligabend um 10.15 Uhr im Beisein seiner Frau Simone Rethel und seiner Enkelin Wiesje Herold friedlich verstorben. Eine Woche zuvor war Heesters mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert worden und lag seitdem auf der Intensivstation. Der gebürtige Niederländer, der am 5. Dezember noch seinen 108. Geburtstag gefeiert hatte, galt als der wahrscheinlich älteste aktive Schauspieler der Welt und gehörte zu den populärsten Bühnendarstellern des 20. Jahrhunderts.

Programmänderung

Das ERSTE ändert zum Tod von Johannes Heesters ein weiteres Mal sein Programm und zeigt am Dienstag, 27. Dezember, sowie am Freitag, 30. Dezember, jeweils ab 10.25 Uhr zuerst den Spielfilm "Bel Ami, der Frauenheld von Paris" (1955) und danach die Operetten-Verfilmung "Die Fledermaus" (1945).

Ein Künstlerleben

Seit 90 Jahren auf der Bühne

Heesters' Frau Simone führte ihn.

1921 stand Heesters zum ersten Mal auf der Bühne, und seitdem machte er nichts anderes als singen und Theater spielen – unglaubliche 90 Jahre lang. 1996 überreichte man ihm in München eine Urkunde, weil er weltweit der einzige 93-jährige Schauspieler war, der noch eine Hauptrolle in einem dreistündigen Stück stemmen konnte. Ein Jahr später kam er für seine Unermüdlichkeit ins "Guinness Buch der Rekorde".

Hauptsache nicht allein

Stimmen zu Heesters Tod

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat Johannes Heesters als "Grandseigneur der leichten Muse" geehrt. "Mit seiner einzigartigen Bühnenausstrahlung eroberte er die Herzen des Publikums. Charme, Eleganz und Leichtigkeit waren seine Markenzeichen. Sein Publikum hat ihn verehrt und geliebt", so Seehofer in einer Stellungnahme, die die Staatskanzlei veröffentlichte. ARD-Programmdirektor Volker Herres sagte: "Als Entertainer mit unwiderstehlichem Charisma wird er den Menschen im Gedächtnis bleiben."

Heesters trug die Begleiterscheinungen seines hohen Alters mit Fassung, die künstlichen Kniegelenke, seine Blindheit. Zwar sei es manchmal schlimm, so im Dunklen zu sitzen. Aber die schönen Dinge in Heesters‘ Leben ließen ihn die Nachteile ertragen: Am wichtigsten waren seine Arbeit und die geliebten Menschen um ihn herum. Seine Frau Simone Rethel begleitete ihn auf die Bühne, seit er nicht mehr sehen konnte. Die beiden waren seit 1992 verheiratet. Seine erste Frau, die Schauspielerin Louisa Ghijs, war 1983 gestorben.

Rasanter Aufstieg zum Publikumsliebling

Der Wunsch, Schauspieler zu werden, kristallisierte sich mit 16 heraus, nachdem er eine Banklehre abgebrochen hatte. Nach seiner Schauspiel- und Gesangsausbildung in Amsterdam spielte er erste kleinere Rollen, wurde schließlich Tenor und trat in Wien und Berlin auf. Hier erlebte er 1935 seinen Durchbruch an der Komischen Oper. Zum Publikumsliebling wurde er allerdings erst durch seine Rollen in deutschen Unterhaltungsfilmen.

Heesters in der Operette "Die lustige Witwe" - eine seiner berühmtesten Rollen

Heesters war Star etlicher Filme wie "Der Bettelstudent" und "Das Hofkonzert" von 1936, "Gasparone" (1937), "Nanon" (1938) oder "Rosen in Tirol" (1940), die kurz vor und während des zweiten Weltkriegs zur Unterhaltung des Publikums gedreht wurden. Besonders die Holländer nahmen Heesters viele Jahrzehnte lang übel, dass er sich nie ausdrücklich von den nationalsozialistischen Machthabern distanziert habe. Propagandaminister Joseph Goebbels nahm Heesters noch ein Jahr vor Kriegsende in die "Gottbegnadeten-Liste" der unverzichtbaren Schauspieler auf. Heesters selbst bezeichnete sich als unpolitischen Menschen, einen Künstler "und sonst nichts".

Kein Frieden mit der Heimat

Die Vorwürfe eines niederländischen Journalisten, Heesters sei 1941 in Dachau vor der Lagerleitung aufgetreten, stritt der Entertainer immer ab. Gegen diese Behauptung setzte sich Heesters vor Gericht zur Wehr. Der Streit endete im April 2010 mit einem Vergleich. Ein Foto belegt, dass Heesters zusammen mit der Belegschaft des Münchner Gärtnerplatztheaters das Konzentrationslager Dachau besucht hat.

"Ich habe vor ein paar Tagen etwas Dummes, etwas Blödes, etwas Furchtbares gesagt, und dafür bitte ich euch um Verzeihung"

Johannes Heesters im Dezember 2008 bei Wetten, dass..? über seine Äußerung in einer niederländischen TV-Sendung, in der er Adolf Hitler als guten Kerl bezeichnet hatte

Johannes Heesters (rechts) 1941 im Konzentrationslager Dachau

Was stimmt: Heesters hatte sich in der NS-Zeit ruhig verhalten, war mitgelaufen – die Holländer fanden das bis vor wenigen Jahren so unverzeihlich, dass Heesters' Wunsch, Frieden mit seiner Heimat zu schließen, aussichtslos schien.

Vor einigen Jahren gab es zaghafte Annäherungsversuche. Der Künstler trat am 16. Februar 2008 nach fast einem halben Jahrhundert in seiner niederländischen Geburtsstadt Amersfoort auf. Doch im Frühjahr 2011 wurde der Schauspieler und Sänger von einem Empfang für die niederländische Königin Beatrix im Berliner Schloss Bellevue wieder ausgeladen - "aus Platzgründen", wie es offiziell hieß.

"Warum soll ich nicht weiterspielen? Soll ich zuhause sitzen und warten, bis man mich holt? Ich denke nicht daran, ich bleib lieber jung!"

Johannes Heesters

Auch im hohen Alter stand Heesters regelmäßig auf der Bühne. 2002 war er der Diener Firs in Anton Tschechows "Der Kirschgarten" im Münchner Metropoltheater. Kurz vor seinem 100. Geburtstag übernahm er eine Rolle in der ARD-Serie "In aller Freundschaft". Im Juni 2009 spielte er im "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal in Stuttgart mit, im Jahr vor seinem Tod stand er im Berliner Ensemble als greiser König in einem Stück von Rolf Hochhuth auf der Bühne.


0