Bayern 2

"Träumer" von Volker Weidermann Als die Dichter die Macht übernahmen

Revolution in München – und alle sind vor Ort: Ernst Toller, Erich Mühsam, Oskar Maria Graf, Thomas Mann... Davon erzählt Volker Weidermann in "Träumer". Wir haben mit ihm über die Revolution der Dichter gesprochen.

Von: Antonio Pellegrino

Stand: 12.12.2017

Volker Weidermann erzählt in seinem Buch "Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen" von der Revolution und der Münchner Räterepublik zwischen November 1918 und April 1919. Eine Revolution, die auch eine Revolution der Dichter, Schriftsteller, Journalisten und Dramatiker war: Kurt Eisner, Gustav Mühsam, Ernst Toller, Gustav Landauer, Oskar Maria Graf traten für direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit ein. Im Stil einer mitreißenden Reportage lässt Weidermann die Leser zu Augenzeugen der turbulenten Ereignisse werden, die München, Bayern und Deutschland erschütterten. Der Bayerische Rundfunk hat das gleichnamige Hörbuch produziert, das auch in sechs Teilen in den radioTexten auf Bayern 2 ausgestrahlt wird. Antonio Pellegrino, Regisseur des Hörbuchs, hat mit Volker Weidermann gesprochen.

Antonio Pellegrino: Im Herbst 1918 fing alles an: Von Russland aus sprang ein Funke auf ganz Europa über – insbesondere auf Deutschland. Die Zeichen standen auf Revolution, auf Weltrevolution.

Volker Weidermann: Ja, es galt eine völlig neue Welt zu erschaffen, denn die alte war durch den Krieg total zerstört. Es hatte unglaublich viele Opfer gegeben und die Menschen hatten das Vertrauen verloren, sie hatten nichts mehr, dem sie vertrauen wollten. Die alte Welt war zusammengebrochen und jetzt galt es, eine neue zu errichten. Die Chance war großartig, es war wirklich eine Stunde Null, in der man wie auf einem leeren Blatt Papier anfangen konnte, eine neue Welt zu schreiben und das, was man sich im Kopf immer schon ausgedacht hatte, in die Wirklichkeit zu übersetzen.

Das bayerische Königshaus war offenbar nicht mehr dazu in der Lage, die Folgen des Ersten Weltkriegs aufzufangen...

Antonio Pellegrino mit Volker Weidermann

König Ludwig III. und die Königsfamilie waren am Ende des Krieges im November 1918 eigentlich zu gar nichts mehr in der Lage. Wenn man die Geschichte der Flucht dieses Königshauses ansieht, waren sie wohl auch innerlich bereit und hatten erkannt, dass ihre Zeit vorbei war. Um die Königsfamilie in die Flucht zu schlagen, brauchte es wirklich nicht mal einen Pistolenschuss, es löste sich fast wie von selbst. In so einem Märchenkönigreich löste sich das Alte auf und das Königshaus stahl sich in Nacht und Nebel davon.

Dann die große Kundgebung auf der Theresienwiese am 7. November 1918: SPD-Anhänger fordern Frieden und Freiheit, auf der anderen Seite die Unabhängigen Sozialisten um Kurt Eisner, die skandieren "Kein Frieden ohne Revolution!" Für kurze Zeit stand München im Mittelpunkt Deutschlands.

In Berlin gab es auch einie Revolution, aber dort hatte alles sofort parteipolitischen Charakter, dort haben sich sofort Sozialdemokraten und Kommunisten bekämpft. Da ging es vom ersten Moment an sehr, sehr blutig zu.

Kurt Eisner

In München und in Bayern hatte das alles am Anfang noch so einen menschenfreundlichen und gemeinschaftlichen Charakter, der auch nicht gleich von Parteipolitik beherrscht war. Der Mann, der sich an die Spitze setzte, war eigentlich von der SPD und von anderen gar nicht unbedingt vorgesehen: Kurt Eisner war eigentlich Theaterkritiker, hatte im Krieg schon gegen die Bewaffnung demonstriert. Er war auch ins Gefängnis gewandert, weil er den Munitionsarbeiterstreik organisiert hatte. Aber das war einfach der Mann, der die Sekunde der Revolution erkannte.

Eigentlich war Erhard Auer der Vorsitzende der SPD und der hatte eigentlich auch den viel besseren Platz auf der Theresienwiese. Er war ganz sicher, er ist der bessere Redner, er wird die Leute schon beruhigen. Aber die Leute wollten nicht beruhigt werden, die Leute wollten jetzt selbst an die Macht. Und da war an diesem Nachmittag am 7. November Kurt Eisner ihr Mann. Er sammelte die Menge, ging ihnen voran und setzte sich einfach auf den frei gewordenen Stuhl.

Protagonisten der Revolution waren Gustav Mühsam, Ernst Toller, Gustav Landauer, Oskar Maria Graf.  Dichter, Schriftsteller, Journalisten, Dramatiker, die für direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit kämpften. Ein utopisches Unterfangen?

Außerordentlich utopisch, aber eben mit Zugriff auf die Wirklichkeit. Ein großer Unterschied der Ereignisse in den ersten Wochen in München zu den Ereignissen in Russland war zum Beispiel, dass jemand wie Kurt Eisner seine Programmatik nicht in parteipolitischen Schriften fand, sondern vor allem in der Literatur und in der Musik. In seiner ersten großen Regierungsansprache hat er zum Beispiel gesagt, Beethovens Neunte Symphonie setzen wir jetzt in die Tat um! Wir setzen Hölderlin in die Tat um, wir setzen Goethe in die Tat um! Und die Utopie, die diese Männer am Anfang vereinte, war tatsächlich die Literatur, der deutsche Geist, die deutsche Musik: Die Vereinigung der Menschen, eine neue Gemeinschaft unter der Herrschaft der Bücher.

Wenn man sich die Ziele der Revolutionäre anschaut, war die Revolution von heute aus betrachtet von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Von heute aus betrachtet unbedingt. Denn man hatte einfach überhaupt keine Erfahrung, man hatte nicht einmal ein Programm, man hatte gar kein Personal, man hatte gar nichts. Man hatte einfach nur ein großes Herz, viel Liebe, viele Ideen und unglaublich viel Naivität. Von heute aus betrachtet sagt man schnell: Die sind verrückt geworden. Aber das ist eigentlich falsch, denn faktisch waren sie die ersten. Sie waren die, die etwas ausprobierten, die dachten: Wenn der König erst mal weg ist, dann wird es sich schon richten. Kurt Eisner dachte: Ich weiß schon, was die Leute wollen.

Ernst Toller

Oder etwa Ernst Toller, der dann später, in der ersten Phase der Räterepublik, die Macht übernommen hatte: Das erste was Toller tat, war nicht irgendwelche Gesetze erlassen, sondern den Palast der Wittelsbacher für das Volk zu öffnen. Für die Leute, die doch Pläne hatten, die doch Ideen hatten die sollten sie ihm mitteilen und er würde das in die Tat umsetzen. Und natürlich ist ihm schon nach einem halben Tag aufgefallen, dass das nie funktionieren wird. Aber er war selbst irgendwann Gefangener eben der Taten, die er selbst begangen hatte und musste die Konsequenzen tragen. Auch von Eisner gibt es eine Aktennotiz eine Woche später, in der er sagt: Das ist alles gescheitert, das wird alles nichts! Aber zu dem Zeitpunkt war es dann auch sehr schwer, einfach zu sagen: Leute, ich gehe, seht, wie ihr weitermacht. Aber sie wussten schon selbst, dass es nicht klappen konnte.

Und dann gab es wieder sehr konkrete, realistische Pläne, z.B. bei Gustav Landauer. Dieser Anarchist, der die Universitäten für Arbeiter und für Frauen öffnen wollte, der ein egalitäres Schulsystem einführen wollte. Einige von denen hatten schon sehr konkrete und absolut moderne Vorstellungen. Aber insgesamt gab es einfach nicht diesen großen Plan auch nicht das Personal. Sie hatten einfach diese herrliche Chance des leeren Schreibtisches, aber auch diese gigantische Gefahr, weil sie auf gar nichts aufbauen konnten.

Schließlich überrollt eine Welle des Antisemitismus Bayern. Hängt das damit zusammen, dass die meisten Protagonisten der Revolution Juden waren?

Ja, die meisten Protagonisten der Revolution waren in der Tat Juden. Gleichzeitig brauchte man aber auch einen Schuldigen für die Niederlage im Krieg. Die Presse und die Regierenden hatten ja noch bis wenige Monate vor Ende des Krieges phantastische Siegesnachrichten verkündet und dann war plötzlich alles vorbei, man hatte verloren. Man hatte unglaublich viele Menschen verloren und jetzt war man auch noch schuld! Man wollte aber nicht schuld sein, völlig verständlicherweise. Deutschland wollte nicht auch noch schuld sein. So suchte man sich eben jemand anderen. Dann gab es die Dolchstoß-Legende auf der einen Seite.

Gustav Landauer

In München kam aber auch noch dazu, dass die Menschen – zunächst halb belustigt, halb nicht ernstnehmend – diese neuen Machthaber sahen. Irgendwann war es aber nicht mehr lustig, es ging den Menschen immer schlechter, die Folgen des Krieges wurden immer sichtbarer. Und dann waren da diese Traumtänzer mit den langen Bärten an der Macht. Es hatte sich in den Menschen einfach wahnsinnig viel Hass aufgestaut, für den diese Juden in München ein besonders sichtbares und dankbares Ziel waren.

Gustav Landauer hat einmal gesagt: "Eine Revolution ist nur dadurch zu retten, indem man sie weiterführt." Es schien eigentlich alles so greifbar nah, aber Dichter und Volk, geht das überhaupt zusammen?

Die Geschehnisse scheinen uns darauf hinzuweisen, dass es zumindest damals ein gigantisches Missverständnis der Dichter war, die glaubten, sie dichteten für das Volk. Jemand wie Kurt Eisner glaubte auch an die Volksoper, an das Theater als Volkserziehung. Er glaubte, dass die Arbeiter eine Sehnsucht nach dem Gedicht und nach der Oper haben. Das war schon ein außerordentlich idealistisches Menschen- und Arbeiterbild, das er in der kurzen Zeit seiner Regentschaft dann beiseite legen musste. Den Arbeitern damals ging es einfach um ein besseres Leben, um etwas mehr Geld, um Essen, größeren Wohnraum. Das haben die ganzen "Hölderlinverwirklicher" doch ein bisschen unterschätzt. Diese Zeit in München scheint uns doch sehr zu lehren, dass Dichter und das Volk in sehr unterschiedlichen Sphären zuhause sind.

Dann müssten wir es also eher mit Joseph Hofmiller halten, der geschrieben hat: "Jede Revolution beginnt damit, dass die Literaten mit Tendenzen kokettieren, durch deren Sieg sie selbst an die Wand gedrückt oder an die Wand gestellt werden"?

Wie schrecklich, wenn es so wäre! Aber gerade diese bewegten Zeiten der Revolution in München haben mich eigentlich gelehrt, an jedem Tag, in jeder Minute hätte die Geschichte auch komplett anders verlaufen können. Die Dichter mussten nicht "an die Wand gestellt werden". Ich kann mir alle möglichen Verläufe von damals vorstellen. Ich kann mir auch vorstellen, dass hier ein Tableau mit Möglichkeitsformeln bereitet worden wäre, und dass ein weiser Mann wie Kurt Eisner, der tatsächlich seine Rücktrittsrede in der Tasche hatte, einfach zurückgetreten wäre. Und dass dann eine vernünftige neue Regierung gekommen wäre, die vielleicht wesentliche Elemente, Ideen, Verrücktheiten der alten Regierung aufgenommen und in einen vernünftigeren Rahmen gespannt hätte.

Ich glaube nicht – ja, ich weigere mich zu glauben, dass es so ausgehen musste. Dichtung und Arbeiterklasse und das sogenannte Volk sind getrennte Sphären. Aber das heißt nicht, dass die einen die anderen am Ende erschießen müssen. Ich glaube, dass so eine Regierung Anregungen und Ideen von diesen verrückten Typen schon mit offenen Ohren und offenen Augen aufnehmen könnte. Nennen wir es Kompromiss, obwohl das jemand wie Ernst Toller oder die ganzen Dichter des Absoluten natürlich auch als das Unangenehmste empfunden hätten. Aber ich glaube, so etwas wie Kompromisse sind denkbar. Und gerade heute, in einer Zeit, wo wir von Sachzwängen, von gigantischen Behörden, von Alternativlosigkeiten der Politik umstellt sind, denke ich immer, dass ein Schuss Utopie, ein Schuss Dichtung, ein Moment anderen Denkens für ein demokratisches System absolut überlebensnotwendig ist. Auch dafür sind Dichter die richtigen Leute. Leute, die keine Grenzen im Kopf haben und deren Arbeitsgrundlage die Alternative ist, die Anti-Alternativlosigkeit.

Volker Weidermann: "Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

"Träumer" als Hörbuch in den radioTexten am Dienstag

Sechsteilige Lesung in den radioTexten am Dienstag auf Bayern 2, immer 21:05:

Teil 1: 05. Dezember 2017
Teil 2: 12. Dezember 2017
Teil 3: 19. Dezember 2017
Teil 4: 09. Januar 2018
Teil 5: 16. Januar 2018
Teil 6: 23. Januar 2018

"Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen", Lesung mit Axel Milberg u.v.a. (4 CDs) ist im Audio Verlag erschienen.