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Owning Manhattan Diese Netflix-Serie ist der Mittelfinger ans Proletariat – und trotzdem guckt man hin

Watchen und Haten: Die Reality-Serie “Owning Manhattan” zeigt die Welt der New Yorker Luxusimmobilienmakler. Eine Welt, so abgehoben und grotesk – wäre die globale Lage nicht so bitter, wäre es fast schon wieder geil.

Author: Laura Selz

Published at: 5-7-2024 | Archiv

Ryan Serhant, Immobilienmakler und Protagonist der Netflix-Reality-Serie "Owning Manhattan" in einem Luxus-Appartment. | Bild: © 2024 Netflix, Inc.

Ryan Serhant ist nicht irgendein Immobilienmakler. Nein. Er ist der beste Immobilienmakler Manhattans, nach eigener Aussage. Der, der am härtesten arbeitet. Daran, unsterblich zu werden. Wodurch genau, erschließt sich mir nicht, aber – der Protagonist der brandneuen Netflix-Serie “Owning Manhattan" schaut verdammt gut aus.

Willkommen in der Welt des Real Estates. In der Welt der Hustle Culture. Hier wird noch richtig Geld gemacht. Das Reality-TV-Format "Die Welt der Luxus-Immobilienmakler" auf Netflix boomt. Alles begann 2019 mit "Selling Sunset". Extrem gutaussehende ImmobilienmaklerInnen konkurrieren um den lukrativsten Auftrag in Los Angeles. Sie haben einen extrem hohen Arbeitsethos, ihr guter Ruf ist ihr Kapital, und so kommt es regelmäßig zu emotionalen Auseinandersetzungen, wer wen betrogen hat.

Mehr James-Bond-Kulisse als normaler Wohnraum

Typisch Reality TV – aber mit verdammt viel Glanz. Die Maklerinnen tragen die neueste Haute Couture, die natürlich im Büro getragen wird und wir erleben menschliche Abgründe. Weil – Makler sind auch Menschen. Nebenbei werden Immobilien verkauft, die so absurd sind, dass sie eher einer James-Bond-Kulisse gleichen als einem Ort, an dem tatsächlich Menschen wohnen.

"Selling Sunset" verkauft sich so gut, sorry the pun, dass aktuell die 7. Staffel läuft. Aber reicht uns das? Nein! Es reicht uns nicht! Und Netflix produziert nur Spin-offs, wenn sie sich verkaufen. Und, oh dear, verkauft sich das gut! Nach "Selling Sunset" kam "Selling Tampa". Da ging’s dann nach Florida. Dann "Selling the OC", also Orange County, Kalifornien. Dann "Buying Berverly Hills". In diesem Jahr kam "Buying London hinzu". Und seit dieser Woche ganz neu: "Owning Manhattan".

Die Übernahme der ImmobilienmaklerInnen(-Serien)

Ähnlich wie Immobilien-Investoren heuschreckenartig die Städte dieser Welt überfallen, produziert Netflix in einer fast schon realsatirischen Spiegelung Spin-off nach Spin-off. Auch für den französischen Markt gibt es mittlerweile ein Pendant: L’Agence, wo ein Familienunternehmen die spektakulärsten Immobilien Frankreichs vermarktet.

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Owning Manhattan | Official Trailer | Netflix | Bild: Netflix (via YouTube)

Owning Manhattan | Official Trailer | Netflix

"Selling Sunset", "Selling Tampa", "Selling the OC", "Buying Beverly Hills", "Buying London", "Owning Manhattan"… Wenn man sich die Titel nacheinander vorliest, dann wirkt das wie eine globale Attacke. Wohnräume sind Assets. Portfolio. Die Welt brennt?

In der normalen Welt tobt der Wohnraum-Wahnsinn

Jetzt erst Recht! Es ist der absolute Hate Watch, das zu schauen. In dieser Zeit, zu der wir leben. In den Metropolen dieser Welt und in sämtlichen Urlaubsorten herrscht absolute Wohnungsmarktkrise.

Wohnungen werden zu AirBnBs umgewidmet und teuer vermietet – und damit den Einheimischen als Wohnraum entzogen. Während Touristen auf Mallorca über steigende Preise klagen, wohnen viele Einheimische schon längst in ihren Autos. In München können Normalsterbliche froh sein, wenn sie für unter 30 Euro pro Quadratmeter mieten können. Und Los Angeles ist nach Tokio und New York zwar die Stadt mit der größten Wirtschaftsleistung der Welt. Aber – auch die Schere zwischen Arm und Reich ist krass. In Los Angeles wurden letztes Jahr 75.000 Obdachlose gezählt.

Ein Tanz auf der Titanic

Über so viel Realität können die Immobilienmakler von Netflix nur müde lächeln. Denn sie kaufen und verkaufen in einer Preisklasse, die so jenseits dieser Welt ist, dass man sich als Zuschauer schon wieder genüsslich abgrenzen kann. Und an wen jetzt dieser obszöne Infinity Pool verkauft wird, ist ohnehin nur Kulisse. Eigentlich wollen wir doch nur wissen, mit wem Crishell denn nun geschlafen hat.

Aber sei es, wie es sei. Es ist der Tanz auf der Titanic. Die Netflix-Welt der Luxus-Immobilienmakler ist der Fuckfinger ans Proletariat. Wir sehen absolute Mode-, Beauty- und Immobilienexzesse. Die so grotesk sind, dass es schon wieder geil ist.