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Doku-Serie "Millennial Punk" Diese Doku zeigt, warum Punk einfach nicht totzukriegen ist

Von wegen tot: Ende der 90er ging es für eine neue Punk-Generation erst so richtig los. In einer neuen Doku-Serie sinnieren "Millennial Punks" und Szene-Aktive über die letzten 25 Jahre Punkrock und politischen Widerstand inmitten der Digitalisierung.

Author: Alba Wilczek

Published at: 31-5-2024

Trish von der Dark-Punk-Band Totenwald ist in Italien aufgewachsen und mischt inzwischen mit Saxophonistin Ruby den Berliner Underground auf. | Bild: SWR/Felix Bundschuh

Wenn Punk ein Tier wäre, dann wäre er ein Axolotl. Das kleine mexikanische Lurch-Tierchen kann nicht nur gut Veränderungen trotzen, sondern bei Verlust auch Gliedmaßen und Organe nachwachsen lassen. Mit dem Punk ist es ähnlich. Eigentlich wurde er seit seiner Entstehung alle fünf bis zehn Jahre für tot erklärt. Mindestens. Trotzdem füllt Punkrock auch heute noch Hallen und Jugendzentren. Trotzdem trägt die GenZ auch heute noch rot-schwarz karierte Hosen. Und trotzdem sitzen für eine neue ARD-Serie auch heute noch Menschen auf Sofas und sinnieren über ihre Punk-Erfahrungen – einige davon erst in den 90ern geboren. 

Punk in Zeiten der Digitalisierung

Auch Sarah (ganz links) und Matti (ganz rechts) von Akne Kid Joe sind Teil der Doku.

"Ich kann mich an wenig erinnern, weil ich übelst viel gesoffen habe in der Zeit", beschreibt Sarah Lohr von der Band Akne Kid Joe ihre Jugend in der ersten Folge von "Millennial Punk – Eine Subkultur in Zeiten der Digitalisierung". Die Sängerin und Gitarristin gehört mit ihren Bandkollegen zu einer Generation, die inmitten vieler historischer Umbrüche aufgewachsen ist. Umbrüche wie die Erfindung des Internets, der Terroranschlag auf die Twin Towers in New York oder die #MeToo-Bewegung. Und mittendrin: Punk. Eine damals bereits in die Jahre gekommene Subkultur, die weiter existiert, aber gucken muss, wo sie bleibt. 

Sarah Lohr ist nur eine von insgesamt 69 Szene-Aktiven, die in "Millennial Punk" erörtern, wie Punk sich seinen Weg durch die Nuller- und Zehnerjahre gebahnt hat. Neben ihr kommen andere Legenden zu Wort, wie etwa Campino, DIGGEN! (ehemals Slime), Axel Kurth vom WIZO oder auch Fat Mike von der amerikanischen Punk-Band NOFX. Und die schwelgen im ersten Teil erstmal krass in Nostalgie. Wir erfahren etwa, wie es für die jungen Donots war, plötzlich auf VIVA! zu sehen zu sein. Wie die Toten Hosen das erste Mal raven gingen und im Club keine Band, sondern ein DJ die Musik spielte. Oder wie Saskia von der Band Schrottgrenze in der Schule auf Anweisungihrer Lehrer ihre Punk-Sticker und -Parolen auf ihrem Rucksack abkleben musste. 

Politischer Widerstand vs. Kommerz?

Die Doku erzählt die Geschichte fast ausschließlich durch Musik und die Aussagen der Protagonisten und Protagonistinnen. Nur hier und da gibt es kleine Unterteilungen in Kapitel. So entsteht ein schöner Flow, bei dem sich oftmals auch Aussagen unterschiedlicher Interviewter aufeinander beziehen, man sich gegenseitig referenziert oder übereinander scherzt. Gerade hier merkt man, dass auf diesen Sofas zwar die unterschiedlichsten Generationen mit unterschiedlichsten Erfahrungen sitzen, dass man sich aber trotzdem kennt und respektiert untereinander. Kurzum: Dass das doch dieselbe Bubble ist. Mit einem Spirit.  

Der gelernte Hafenschiffer und NGO-Kapitän Dariush Beigui.

Und dazu gehört natürlich auch politischer Widerstand und gegen Ungerechtigkeiten einzustehen, "Leute aus der Scheiße ziehen, die es brauchen", wie es der NGO-Kapitän und Darius Beigui so schön auf den Punkt bringt. In der zweiten Folge geht es also um den Aktivismus im Punk: Sei es gegen gesellschaftliche Normen, gegen Spießer, gegen Nazis, oder – auch das ist Teil des Punk-Spirits – für Tiere und eine buntere Gesellschaft.

Hier hat die Doku ihre deepsten Momente. So erzählt zum Beispiel Broilers-Frontmann Sammy Amara darüber, wie weiß die Szene ist und dass ihm "migrantische Role Models" gefehlt haben. Und wir erfahren von Darius Beigui und Aktivistin Victoria Müller: "Coole Punks sind die, die was machen". Ja, zum Beispiel ein Festival gegen Rechts gründen in einem Dorf voller Nazis, so wie das Ehepaar Lohmeyer in Jamel, die auch interviewt werden. 

Die Doku weiß, wo sie hingucken muss. Sie vereint die verschiedenen Windrichtungen des Punks und schafft eine Collage voller schöner Momente für Nostalgiker und voller Learnings für die, die irgendwann stehen geblieben sind und jetzt auf den neuen Stand kommen wollen.

Partiarchat macht auch vor Punk nicht Halt

Vom roughen Deutschpunk-Act zur glitzernden Indierock-Band: Seit 30 Jahren stehen Timo und Saskia nun schon mit Schrottgrenze auf der Bühne.

Hoch anzurechnen ist der Doku, dass die Themen Sexismus und Queerness nicht in die zweite Folge zu Aktivismus gequetscht werden, sondern eine eigene Folge bekommen – wenn auch die letzte. Nachdem es in Folge drei noch um die Digitalisierung und erste Erfahrungen mit Internet und Konsorten geht, widmet sich Folge vier den FLINTA* in der Szene. Spoiler: Es müssen mehr werden. Auch im Punk schläft das Patriarchat nicht. Donots-Sänger Ingo Knollmann erzählt wie die Band in den 90ern nach einem Besuch in der Sendung VIVA! Interaktiv aus dem Studio geflogen ist, weil sie damals "keine passenden Antworten gegeben" hätten. Im Mitschnitt aber sehen wir, wie die Band die Moderatorin Milka Loff Fernandes herabsetzt und wie ein Kind behandelt. Sexismus on Tape. Obwohl der laut vieler Protagonisten und Protagonistinnen ja eigentlich gar nicht Punk sein sollte.

Und genau an diesem Punkt landet die Serie dann nach viermal 45 Minuten wieder bei der Frage: Was ist denn nun heute noch Punk? Antwort: Verschiedene Style-Elemente zum Beispiel. Oder diese bestimmte Art lauter Gitarrenmusik. Und dann aber auch ein tiefsitzender Spirit, zusammen gegen etwas zu kämpfen. Ganz genau lasst ihr euch das am besten von den Leuten aus der Szene erzählen. Sicher ist jedenfalls, dass die Zeiten für Aktivismus und Rebellion nicht besser sein könnten. "No Future" kann einpacken gegen die Zukunftsperspektiven von heute. Nicht ohne Grund hat mein Kollege Ferdinand Meyen im letzten Jahr nicht etwa das Jahr des Country – Hallo Beyoncésondern das "Jahr des Punks" ausgerufen. Naja, wie sagt Fat Mike in der Doku? "Wenn du einen Ziegelstein in ein Autofenster wirfst, kannst du schlecht sagen, dass das Country ist. Aber du kannst es Punk nennen."  

Die Dokuserie "Millennial Punk – Eine Subkultur in Zeiten der Digitalisierung" ist ab sofort in der ARD-Mediathek zu sehen.