Bayern 2 - Zeit für Bayern


6

Die Kunst des Fensterlns Oberbayerisches Klischee oder Tradition?

Wenn ein Bursche früher mit seiner Angebeteten anbandeln wollte, konnte es passieren, dass er sich eine Leiter geschnappt und sie nachts am Kammerfenster besucht hat. Doch war das Fensterln wirklich gelebtes Brauchtum oder nur ein beliebtes Klischee von Oberbayern?

Stand: 06.09.2015 | Archiv

Seit Jahrhunderten gibt es den Brauch des Fensterlns in Südbayern. In volkskundlichen Quellen ist schon im 17. und 18. Jahrhundert vom Fensterln die Rede – auch in Volksliedern wird mehr oder weniger ausgeschmückt von den Besuchen junger Burschen im Kammerl der Angebeteten erzählt. Wie häufig es allerdings tatsächlich vorgekommen ist, dass junge Burschen die Angebetete des nächtens in der Kammer besucht haben, um dort dann die "verbotenen Früchte der Liebe zu ernten", darüber gehen die Meinungen auseinander.

Klischee für die Sommerfrischler?

Tradition oder gut gepflegtes Klischee für Touristen?

So ist für den Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler das Fensterln zur Aufnahme von erotischen Beziehungen eher eine Kommunikationsform und kein Brauch. Er meint, das "Kammerfensterln" bediene das Klischee des kernigen Naturburschen und der drallen Dirn im Bauerntheater für die Touristen. Besonders durch die Urlauber konnte demnach das Klischee des Fensterlns so richtig aufblühen:

"Ich glaub', der Mythos um das oberbayerische Fensterln hängt sehr stark mit dem Klischee Oberbayerns zusammen, das schon im 19. Jahrhundert entstanden ist. Oberbayern war damals schon ein Tourismusland. Die Sommerfrischler kamen aus den Städten, auch aus Norddeutschland, und denen wurde auf Bauernbühnen und Heimatabenden ein Klischee von Oberbayern vorgeführt, was gut verkäuflich war. Da gehörte unbedingt das Fensterln mit dazu! Und der Sommerfrischler hat's gern geglaubt und es hat sich verbreitet. Ich glaube, es ist ein Mythos und hat nicht so arg viel mit der Realität zu tun."

Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger des Bezirks Oberbayern

Handfeste Beweise

Allerdings, auch wenn das Fensterln vielleicht nicht ganz so häufig vorkam, wie es die unzähligen Volkslieder und Bauerntheaterstücke glauben machen wollen: Einen wahren Kern hat wohl auch dieses Klischee. Schließlich ist ja auch so manch überraschende "Frucht" beim Kammerfensterln entstanden, meint die Heimatführerin Christine Miller.

"Ja, wie hätt' man denn sonst auch diese hohe Zahl an unehelichen Kindern erklären können? Da wird nicht der Knecht hingegangen sein und gesagt haben: 'Du Bauer, ich übernacht' jetzt bei deiner Dirn oder gar bei deiner Tochter'! Wenn man nicht an dem Hof gewohnt hat, dann war das Fensterln der einzige, leise Zutritt von außen."

Dr. Christine Miller, Heimatführerin in Rottach-Egern

Nicht nur romantisch

Bayerischer Casanova auf der Leiter

Übrigens haben sich die Burschen, wenn es denn mal geklappt hat mit dem Fensterln, recht damit gebrüstet, bestätigt auch Norbert Göttler: "Wer viele Kammerfensterl aufgetan hat, hatte ein hohes Sozialprestige." Für die Mädchen galt natürlich das genaue Gegenteil. "Da kam teilweise kein weiterer Hochzeiter in Frage, wenn eine den Ruf hatte, dass sie mit drei, vier am Kammerfenster verkehrt. Dann hat sich kein ehrbarer Jüngling mehr gefunden", weiß der Bezirksheimatpfleger zu berichten.

Fensterln per Facebook

Wer kann so einem feschen Dirndl schon widerstehen?

Doch egal ob Klischee oder Brauchtum: Die Jugend von heute, die fensterlt nicht mehr - höchstens aus Folkloregründen. Schließlich sind die Moralvorstellungen in den letzten Jahrzehnten viel lockerer geworden und die Burschen und Mädchen haben inzwischen viel mehr Möglichkeiten, sich zu treffen. So kommuniziert man über Facebook, besucht den anderen in der Wohnung, unternimmt einen Ausflug zusammen oder fährt gar für ein paar Tage gemeinsam in Urlaub. Diese modernen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme sind zwar meist nicht mehr ganz so romantisch und reizvoll wie das Fensterln früher, dafür sind sie aber vielleicht auch etwas weniger anrüchig …


6