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Grundbegriffe der Psychoanalyse

Von: Jens Berger / Sendung: Justina Schreiber

Stand: 25.07.2019 | Archiv

PsychologieGy

Erkenntnishunger, Fortschritt, Kultur. Das liegt uns Menschen halt im Blut. Oder reden wir uns da etwas schön? Sind es doch alles nur Versuche, unausgelebte Triebe zu "sublimieren" und Minderwertigkeitsgefühle zu "kompensieren"?

"Warum?" Eine gute Frage! Oft kann man nicht ohne Weiteres erklären, wieso man etwas tut oder lässt. Und genau an dieser Frage knabbert die Psychologie, seit sie sich ihrer Aufgabe bewusst wurde. Was bestimmt unser Handeln? Das logische Denken allein kann es wohl nicht sein. Mal fühlen wir es auch selbst: Entweder scheint uns etwas zu treiben, oder wir fühlen uns zu etwas hingezogen, scheinen dabei irgendwelchen Zielen nachzugehen, die uns nicht gänzlich bewusst werden wollen. Die großen Seelenforscher gingen der Sache nach.

"Hoch in der Luft" statt ausgelebt auf Erden

Sigmund Freud

Aha! "Sublimieren" nannte es Sigmund Freud also, wenn man sich der Kunst oder Kultur zuwendet, sollte es im Bett nicht klappen. Damit hob man sich auch sprachlich vom Niederen ab, denn "sublimis" heißt auf Latein so etwas wie "erhaben, schwebend", aber durchaus auch "überheblich". Dies Denken ist aus seiner Zeit erklärlich: Irgendwo musste die Triebenergie ja hin, wenn die rigide Sexualmoral der vorvorigen Jahrhundertwende dem Tun und "drüber Sprechen" enge Grenzen setzte. Wohin? Ins "Höherwertige" natürlich.

Krankhaft ist das keinesfalls, ganz im Gegenteil: Nur so kam die Menschheit schließlich auf neue Ideen. Wer sich zähmte, zähmte auch das Feuer, komponierte Symphonien und flog zum Mond. Und wer sich zähmte, hielt sich an Gesetze, schlug nicht den Nachbarn tot. Dass Freud über die Analyse der Psyche des Einzelnen auch die gesellschafts- und kulturbildenden Prozesse interessierten, wird mitunter übersehen.

Heute leben wir sexuell viel freizügiger - oder zumindest kommt es uns so vor. Und allein das müsste nach Freud bereits dafür ausreichen, dass uns nicht mehr so viele Tabus die Befriedigung unserer Triebe erschweren. Müssten dann nicht Kunstproduktion und wissenschaftlicher Fortschritt im Gegenzug an Fahrt verlieren? Nichts dergleichen ist festzustellen. Nicht nur statistisch, sondern auch bei der Untersuchung einzelner Therapieverläufe stellt sich heraus: Wer seine sexuellen Bedürfnisse auslebt, ist anschließend auch im geistigen Schaffen aktiver.

Ziele statt Triebe

Alfred Adler

Alfred Adler sah andere Beweggründe für den Fortschrittseifer der Menschen; unter anderem deshalb brach er auch mit seinem Lehrer Sigmund Freud. Nicht ein "Zu viel", sondern ein "Zu wenig" stecke laut Adler dahinter. Bereits als Kind erfahre man sich als mangelbehaftet: Entweder stimmt etwas mit dem eigenen Körper (noch) nicht, oder man ist nicht so geschickt und erfahren wie die Erwachsenen, denen man aber doch so gern gefallen will! Was man aber nicht ändern kann, kann man vielleicht wenigstens an anderer Stelle ausgleichen, zum Beispiel, indem man besonders gute Laune zeigt und selten weint oder besonders kluge Fragen stellt. Man versucht also zu kompensieren, was man an sich selbst als minderwertig erfährt. Mitunter kann dies sogar die eigene Sterblichkeit sein. Dazu fasst man mehr oder weniger bewusste Zielvorstellungen, die vielgestaltiger ausfallen können als Freuds sublimierter Sexualtrieb. Und so gehe jeder Mensch vor; Kompensieren ist also der Regelfall, keine behandlungswürdige Störung.
Auch dieses psychologische Modell hat seine Vorzüge, erklärt es doch, was passiert, wenn man den Bereich des "normalen" Kompensierens verlässt: Dekompensieren oder Überkompensieren. Gleicht man sein Minderwertigkeitsgefühl nicht hinreichend aus, rückt es wieder ins eigene Blickfeld und man nähert sich Depression und Burnout. Kompensiert man jedoch zu sehr "übers Ziel hinaus" - das kann bei einem sehr instabilen Selbstwertgefühl leichter passieren - fühlt man sich nicht nur seinem Mangel überlegen, sondern gleich allen anderen Menschen. So kann ein Überlegenheitsgefühl zur Größenphantasie umschlagen und es entsteht ein Narziss, der jedes Gemeinschaftsgefühl verloren hat.

Wer hat nun Recht? Freud oder Adler? Oder beide? Nach hundert Jahren bewertet die Forschung einiges anders, aber wir kommen nicht drumherum: Manchmal müssen wir nach wie vor den einen oder anderen Trieb sublimieren und das eine oder andere Minderwertigkeitsgefühl kompensieren. Und das ist gut so.


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