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Was Menschen wirken lässt

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Justina Schreiber

Stand: 31.01.2018 | Archiv

PsychologieMS, RS, Gy

Es ist die ganz große Bühne: Auftritt des Retters, Erlösers, Erwählten. Charisma glänzt, strahlt, blendet. Doch woraus besteht der Leuchtstoff? Ist er ein Naturgeschenk, eine Gottesgabe oder doch nur Menschen- und gar Teufelswerk?

Google braucht keine Sekunde für 34 Millionen Treffer, Amazon wirft 12.500 Ergebnisse aus. Charisma macht echt was her! Zumindest als Suchwort. Oder als Werbeköder: Häuser haben es, Autos auch. Außerdem Ferienhotels, Reiseziele, Rockbands, Dirigenten, Tangokurse, vielleicht sogar Lockenwickler. Charisma sells, Charisma zieht, Charisma pimpt jede Performance, Charisma ist überall und irgendwie.

Ein Fachwort für Eingeweihte

Das war nicht immer so. Dem "Zedler", der umfangreichsten Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts, ist "Charisma" kein eigenes Schlagwort wert. Nicht einmal Goethe verwendet den Ausdruck. Und das will etwas heißen. Experten schätzen das aktive Vokabular des Dichterfürsten auf 90.000 Wörter. Auch im Brockhaus von 1894: Fehlanzeige. Erst in Meyers Konversationslexikon von 1902 taucht Charisma als eigenständiger Eintrag auf: "Griechisch für Gabe, Gnadengeschenk, Geistesgabe, ein paulinischer Begriff." Das ist mager, aber aufschlussreich. Es erklärt, warum es lange derart still um ein heute so lautes Wort geblieben ist: Bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts ist "Charisma" etwas für Eingeweihte und Spezialisten, ein theologischer Fachbegriff, den Paulus im Neuen Testament verankert.

Der Gnadenstrom Gottes

Der Völkerapostel verwendet "Charisma" mehrfach in seinen griechisch geschriebenen Gemeindebriefen. Er nutzt das Wort, um besondere Kräfte und Fähigkeiten zu bezeichnen, in denen sich Gottes Geist als Gnadengabe ausgießt. Die maßgebliche Funktionsbeschreibung findet sich im Korintherbrief: "Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten Glaubenskraft, einem andern die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten."

Ein Auftrag, keine Auszeichnung

Mit der inflationären Charismen-Schwemme der Gegenwart hat diese Auffassung nichts gemein. Charisma ist für Paulus kein persönlicher Vorzug. Nichts, das einen Menschen attraktiv und sexy macht, nichts, das ihn persönlich auszeichnet, über andere erhebt und mit Vorrechten ausstattet. Ganz im Gegenteil. Die paulinischen Charismen haben einen strikten Auftrags- und Arbeitscharakter: "Jedem wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nutzt", diktiert der Apostel.

Ein Begriff macht Karriere

Auch seine Nachfolger verbinden Charisma stets mit Demut und Dienst, niemals mit individueller Erhöhung, besonderem Prestige oder gar Herrschaft. Daran ändert sich nichts, solange das Wort der theologischen Sphäre verhaftet bleibt. Kurz nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist es mit dieser geistlichen Exklusivität vorbei.

1905 erscheint ein Buch, das dem Begriff eine völlig neue, entschieden weltliche Bedeutung gibt. In seinem Werk "Die protestantische Ethik und der 'Geist des Kapitalismus'" untersucht der Soziologe Max Weber unterschiedliche Herrschaftstypen. Webers Analyse destilliert drei geschichtswirksame Hauptformen heraus: Die legale, die traditionale und schließlich die charismatische Herrschaft. Diese tritt immer dann in Erscheinung, wenn Krisenerfahrungen, Veränderungsdruck, vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung die Massen verunsichern und verängstigen. In solchen Notlagen wird der Ruf nach einem Retter, einem Erlöser, einem Notwender, einer charismatischen Führerfigur laut. Die "'natürlichen Leiter in psychischer, physischer, ökonomischer, ethischer, religiöser, politischer Not" sind laut Weber "weder angestellte Amtspersonen, noch Inhaber eines als Fachwissen erlernten und gegen Entgelt geübten 'Berufs' im heutigen Sinn dieses Wortes, sondern Träger spezifischer, als übernatürlich (im Sinne von: nicht jedermann zugänglich) gedachter Gaben des Körpers und Geistes." Mit einem Wort: sie haben das, was Weber als Charisma bezeichnet, nämlich "eine als außeralltäglich […] geltende Qualität einer Persönlichkeit […], um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als 'Führer' gewertet" wird.

Führer und Geführte

Mit und seit Weber ist Charisma nicht länger eine allein von Gott ausgehende Kraft zum Nutzen aller, sondern das Produkt kollektiver Krisenängste und Rettungshoffnungen. Urheber und Spender ist nicht mehr die Gnadenfülle des Heiligen Geistes.

Charisma resultiert jetzt aus der Bedürftigkeit einer Gemeinschaft, die Sicherheit, Führung, Festigkeit und Dauer ersehnt. Der natürliche Führer stillt dieses Verlangen: Dieser Eine hat im Überfluss, was den Vielen fehlt: Kraft, Stärke, Sendung, Entschlossenheit, Leben. Das Charisma des Einen ist jedoch kein objektiv vorhandenes Persönlichkeitsmerkmal. Es wird dem Träger von der Gemeinschaft zugeschrieben. Der Übertragungsakt etabliert zugleich ein Gefälle zwischen oben und unten, eine hierarchische Distanz zwischen Führer und Geführten. Der Führer bleibt einsam, fern, dem Alltag entrückt, gehüllt in das Geheimnis seiner Sendung. Nur so stellt sich bei den Geführten das Aufblicken, der Schauer des Erhabenen, das Gefühl des Besonderen ein. Nur so, nur im Entzug, wächst das Verlangen nach einem erlösenden, rauschhaften Verschmelzen mit dem charismatischen Retter.

Diese Bewegung des Gefühls, die völlige Ergriffenheit der Massen ist die eigentliche Triebkraft der charismatischen Herrschaft, der Beweis ihrer Existenz und Echtheit. Das Erfasstsein vom Charisma bringt etwas ins Fließen, das zuvor stockte. Es fühlt sich wie ein Zufluss von Kraft, Gesundheit und Stärke an, wie ein Aufstehen aus Bedrücktheit und Niederung.

Führer und Verführte

Trotzdem ist das Charisma des Herrschers nicht mehr als eine Leihgabe, ein Zugeständnis auf Zeit. Die Leihfristet endet, sobald die Vielen den Glauben an die Außergewöhnlichkeit und Sendung des Einen verlieren. Misserfolge pulverisieren jedes Charisma, Versagen wird mit Charisma-Entzug und Rückfall in die Gewöhnlichkeit bestraft. Das ist jedem Charismatiker instinktiv klar. Um sich oben zu halten, muss er das Abreißen der charismatischen Thermik mit allen Mitteln verhindern. Dafür kommen mehrere Instrumente in Betracht:

Die unentwegte Inszenierung seiner Erwähltheit, die Verdeutlichung der hierarchischen Distanz, die permanente Übersteigerung der historischen Sendung, das Einfordern unbedingten Gehorsams und blinder Gefolgschaft. Die sicherste Methode besteht jedoch darin, die charismatisch errungene Macht institutionell zu zementieren. Das geschieht durch Gesetze und Schaffung staatlicher Instanzen, die den Machterhalt sichern. Beides, Gehorsam und Eigengesetzlichkeit, gehört mit innerster Notwendigkeit zum Prinzip charismatischer Herrschaft.

Die dunkle und die helle Seite der Macht

Wie recht Weber hatte, wie präzise und hellsichtig er das Phänomen der charismatischen Herrschaft, ihre Mechanismen und Gefahren erfasste, zeigen die fatalen Charismatiker des 20. Jahrhunderts. Hitler, Mao, Stalin und andere haben das dunkle, rauschhafte, zutiefst zerstörerische Potenzial charismatischer Herrschaft ausgelebt und auf alle Zeit diskreditiert. Doch es gibt auch ein lichtes, klares, aufbauendes Charisma, das nicht nach Herrschaft, sondern nach Freiheit und Fülle strebt. Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King stehen für die helle Seite einer Macht, die Menschen begeistert, ansteckt und ins Offene führt.

Charisma goes Mainstream

Den vorerst letzten Akt der erstaunlichen Begriffskarriere vom theologischen Spezialausdruck zum inflationären Allerweltswort markieren zwei Entwicklungen: Auf der einen Seite meint Charisma heute kaum mehr als eine bloße Überwältigungsmetapher, ein großes, undifferenziertes, verschwimmendes "Irgendwie" der Begeisterung und des Gepackt Seins, egal wovon und egal wie. Was bleibt, ist eine entkernte Worthülse, ein leer drehender Bedeutungsmarker, der sich in beliebigen Kombinationen und beliebiger Verdünnung konsumieren lässt.

Das nächste große Ding

Ein zweiter Großtrend ist die Vermarktung als Dienstleistungsprodukt. Organisationspsychologen, Kommunikations- und Persönlichkeitstrainer haben das Charisma als Handelsware entdeckt. Eine Flut von Ratgebern, Seminaren, Workshops und Trainingsprogrammen verspricht, die persönliche und berufliche Performance der Klienten und Käufer auf Charisma-Niveau zu heben.

Endlich kann jeder, aber auch wirklich jeder, seinen eigenen charismatischen Lifestyle entwickeln und charisma-gepowerte Managementskills in Stellung bringen: Als Ego-Booster, als Instrument erfolgreicher Menschenführung, als trainierbare, lernbare, coachbare Methode zur Steigerung der Eigen- und Fremdausbeutungsrate. Schon eine knappe Auswahl einschlägiger Amazon- und Google-Ergebnisse zum Stichwort zeigt, wohin die Reise geht: "Charisma: Die Kunst anziehend zu sein", "Wie Sie Menschen in Ihren Bann ziehen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen", "Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden", "Management by Charisma - so geht´s".

Charisma-Shopper und Selbstoptimierer

Mag sein, dass manches davon sogar klappt. Nicht nur die menschliche Haut ist erstaunlich dehnbar. Aber lässt sich echtes Charisma wirklich erzwingen? Kann man es sich überstreifen wie die Rolle in einem Theaterstück? Ist echtes Charisma nicht das, was als authentische Persönlichkeit aus sich selbst heraus wirkt, ganz ohne Trainer, Plan und Kalkül? Und wie hätte Paulus diese Do-it-yourself-Charismen kommentiert? Vielleicht hätte er nur kurz die Schultern gezuckt und sich dann selbst zitiert. Beispielsweise 1 Korinther 13, die Stelle gleich nach dem Charismenkatalog: "Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nur ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle."


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