Bayern 2 - radioWissen


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Lebensader und Heiligtum

Von: Christian Sepp / Sendung: Bettina Weiz

Stand: 04.04.2013 | Archiv

Planet ErdeRS, Gy

Der Ganges im Norden Indiens ist mit 2.700 Kilometern Länge der zweitgrößte Fluss des Landes. Er entspringt im Himalaya und durchfließt eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete der Erde. Den Hindus gilt er als heiliger Strom.

Der Lauf des Ganges

Der Ganges speist sich aus zwei Quellflüssen, dem Bhagirathi und dem Alaknanda, die beide auf etwa 4.000 m Höhe im Himalaya entspringen. Mythologisch gesehen gilt der Bhagirathi als eigentlicher Ursprung des Ganges. Seine Quelle ist einer der größten Gletscher des Himalaya, der Gangtori-Gletscher. Aus dem Himalaya kommend durchströmt der Ganges in starken Windungen in meist östlichem Lauf und mit geringem Gefälle die Gangesebene, die westlich von Delhi beginnt und rund 1.500 Kilometer lang und bis zu 400 Kilometer breit ist. Hier münden auch weitere große Nebenflüsse aus dem Himalaya. Kurz vor dem Staatsgebiet von Bangladesch zweigt der Bhagirathi (nicht zu verwechseln mit dem Quellfluss) vom Ganges ab. Damit beginnt das Gangesdelta. Hier liegt auch die Schleuse von Farakka, die durch einen Kanal Wasser aus dem Ganges dem Bhagirathi zuführt und dafür sorgen soll, dass die indische Großstadt Kolkata (früher Kalkutta) mit genügend Wasser versorgt wird. Der Bhagirathi ist der wichtigste Seitenarm des Ganges im Deltagebiet und führt weiter unterhalb den Namen Hugli. In Bangladesch vereinigt sich der Ganges mit dem Brahmaputra zur Patma, nimmt dann als vereinigter Strom die von links kommende Obere Meghna auf und mündet schließlich als Untere Meghna - wie der Bhagirathi - in den Golf von Bengalen. Mit rund 56.700 Kilometer gilt das Gangesdelta als weltweit größtes Mündungsdelta.

Zur Mythologie des Ganges

In Indien heißt der Ganges Ganga, dies ist zugleich auch der Name einer hinduistischen Göttin, die den Fluss personifiziert. Die Mythen, die sie umgeben, sind vielfältig und liefern verschiedene Versionen. Der mythologische Kern ist folgender: Die Erde litt einst unter großer Trockenheit. Die einzige Hilfe sah König Baghiratha darin, den himmlischen Strom auf die Erde zu lenken. Tausend Jahre musste sich der König in Askese üben bevor der Gott Shiva seine Hilfe zusagte. Als die Wassermassen aus dem Himmel auf die Erde prallten bremste der Gott mit seinen Haaren den Aufprall. Seitdem gibt es den nach der Fruchtbarkeitsgöttin benannten Ganga, der das Leben auf der Erde rettete und dessen Wasser heilig sind. Ein Bad im Ganges steht daher im Mittelpunkt jeder Pilgerreise, die zu den Pflichten eines Hindu zählt.

Müllkippe Ganges

Ganz im Gegensatz zu der reinigenden Wirkung eines Bades im Ganges, an das die Hindus glauben, steht der tatsächliche Zustand des Flusses dessen Verschmutzung enorm ist. Die 400 Millionen Menschen, die im Einflussbereich des Ganges leben, leiten täglich über 1,2 Millionen Kubikmetern an Abwässern in den Fluss ein. So ist die Belastung des Ganges mit Kolibakterien 2.000-mal höher als in Indien erlaubt. Zu den ungeklärten Abwässern aus privaten Haushalten kommen Industrieabwässer, angereichert mit hochgiftigen Chemikalien. Ein 1985 ins Leben gerufener Aktionsplan der Regierung zur Bekämpfung der Verschmutzung gilt heute als weitgehend gescheitert, da zum Betrieb der notwendigen Kläranlangen die Mittel fehlen.


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